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Steht im Mittelpunkt aller Aktivitäten der DNA-Reihenuntersuchung in der Wolfgang-Konrad-Halle: ein Watte-tupfer-Stäbchen, hier von einem Polizeibeamten präsentiert.

»Fall Sabrina« in Büdingen-Lorbach

Tätersuche nach 22 Jahren: 290 Frauen geben Speichelprobe ab

»Fall Sabrina«: Als beachtlichen Erfolg bewerten die Ermittlungsbehördern die groß angelegte freiwillige Teilnahme an einer DNA-Reihenuntersuchung im Büdinger Stadtteil Lorbach.

290 von 384 angeschriebenen Frauen, die heute noch in der Nähe des Fundorts leben, hatten sich am vergangenen Samstag und Sonntag in die Lorbacher Wolfgang-Konrad-Halle begeben, um dort ihre Speichelprobe abzugeben (diese Zeitung berichtete). »Mit der Resonanz sind wir sehr zufrieden«, sagt eine Polizeisprecherin.

Die nun noch anfallende Vorgehensweise ist allerdings der weitaus aufwendigere Teil von Ermittlungsarbeit zur Sache. Denn insgesamt beläuft sich die Personengruppe, die infrage kommt, auf etwa 600 Frauen, die zur fraglichen Zeit im Jahr 1999 zwischen 13 und 30 Jahre alt waren, aktuell also zwischen 35 und 52 Jahre alt sind.

Ungefähr 200 von ihnen sind mittlerweile deutschlandweit verzogen. Die zuständigen Polizeistationen treten an sie heran.

Was den Umgang mit jenen Frauen betrifft, die nicht zur Reihenuntersuchung nach Lorbach kamen, darüber hält sich die Polizei bedeckt, doch war zu erfahren, dass auch sie noch mal persönlich kontaktiert werden, wobei die Freiwilligkeit einer DNA-Untersuchung auch dann den Spielraum bestimmt.

Wenn alle Proben eingeholt sind, gilt es, das gewonnene Material mit jenem des toten Säuglings zu vergleichen.

Resultate im ersten Quartal 2022

Die entsprechende Auswertung übernehmen Spezialisten des Instituts für Rechtsmedizin in Gießen. Polizeisprecher Tobias Kremp: »Mit Resultaten rechnen wir derzeit im ersten Quartal des nächsten Jahres.«

Auf einem Feldweg zwischen den Büdinger Ortsteilen Vonhausen und Lorbach war einst das neugeborene tote Mädchen, dem die Ermittler im Nachhinein den Namen Sabrina gaben, von einem Spaziergänger entdeckt worden.

Trotz intensiver Untersuchungen der Kripo blieb der schreckliche Fund ein ungelöster Fall, auch Cold Case genannt. Im Laufe der folgenden zwei Jahrzehnte verschwand das schlimme Geschehen aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Lorbachs Ortsvorsteher Mathias Wiegand: »Das ist wohl auch der Grund, warum sich bei uns im Dorf kaum einer so recht an das Ganze erinnern kann. In anderen Fällen dieser Art wühlt eine solche Wiederaufnahme von Ermittlungen die Bürger auf, doch hier fehlte offenbar der konkrete Bezug.«

Einige schon vor der offiziellen Öffnung vor Ort

So blieb es rund um die Wolfgang-Konrad-Halle, die ein wenig weg liegt vom Ortskern, an den beiden Tagen des Wochenendes völlig ruhig. Kein Außenstehender, der aus Interesse mal vorbeischaute, zumal trübes Novemberwetter nicht gerade zum Spaziergang oder zur Fahrradtour einlud.

Den Polizisten vom K10 war das einerlei, sie nahmen vielmehr positiv zur Kenntnis, dass so viele angeschriebene Frauen den Weg in die Tristesse des Hallenumfelds fanden. Ein Beamter berichtete: »Einige weibliche Personen waren jeweils am Samstag und Sonntag schon zehn Minuten vor der Öffnung um 9 Uhr morgens eingetroffen. Da konnten wir gleich loslegen.«

Das geschah dann ruhig und professionell. Die Bediensteten des Erkennungsdienstes (K31/32) verrichteten die wichtige Arbeit mit den Wattestäbchen und nahmen von den Erschienenen einen Abstrich im Mund. Die untersuchten Frauen seien ebenfalls sehr gelassen und kooperativ gewesen.

Die Frage nach den Daten

Eine Erkennungsdienstmitarbeiterin: »Allerdings wollten viele Teilnehmerinnen von uns in freundlicher Fragestellung wissen, was hinterher mit ihren Daten passiert.«

Die Antwort wurde ebenso sachlich formuliert: Bei einem negativen Ergebnis erfolgt die sofortige Vernichtung der Speichelprobe und Löschung des erstellten DNA-Identifizierungsmusters. Eine Speicherung der DNA in einer Datei oder ein Abgleich mit anderen Strafverfahren steht nicht an und sei auch rechtlich nicht möglich.

Zudem legte die Polizei Wert auf die Betonung: So unspektakulär und schnell die eigentliche Probenabgabe am Wochenende auch erledigt werden konnte, so sollte dieser Umstand keineswegs darüber hinwegtäuschen, welch persönlichen und wichtigen Beitrag jede einzelne Frau auf diese Weise leistete.

Denn bei der recht spektakulären und aufwendigen Maßnahme habe eines deutlich im Fokus gestanden: Details über ein schreckliches Kinderschicksal zu gewinnen. Die Ermittler gehen nämlich im »Fall Sabrina« von einem Tötungsdelikt aus.

Laut Polizeisprecher Kremp müsse die Mutter aber nicht zwangsläufig diejenige gewesen sein, die den Säugling an dem Feldweg abgelegt oder mit dessen Tod etwas zu tun hat.

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