"Keine Landwirte, keine Lebensmittel, keine Zukunft" - die Bauern machen mit Plakaten darauf aufmerksam, dass sie nicht nur für sich selbst demonstrieren. 
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"Keine Landwirte, keine Lebensmittel, keine Zukunft" - die Bauern machen mit Plakaten darauf aufmerksam, dass sie nicht nur für sich selbst demonstrieren. 

"Bauernpower"

Wetterauer Landwirte protestieren gegen Politik

  • vonOliver Potengowski
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Rund 500 Landwirte waren teilweise mit ihren Familien und 400 landwirtschaftlichen Maschinen am Wochenende nach Büdingen gekommen. Sie forderten: "Taten statt Worte".

Durch die Corona-Pandemie waren die Proteste der Bauern gegen die Landwirtschaftspolitik zwischenzeitlich aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden. Dass die Stimmung in der Branche zwar immer noch schlecht, die Solidarität unter den Landwirten aber groß ist, bewiesen sie mit einer spektakulären Demonstration am Samstagabend zwischen Büdingen und Orleshausen.

Viel Lob und scheinbar auch Verständnis für die Situation der Landwirte gab es von der Politik zu Beginn der Corona-Pandemie. Obwohl sie bei der Aufstellung systemrelevanter Berufe anfangs nicht berücksichtigt worden waren, wurde schnell deutlich, wie wichtig eine stabile Lebensmittelproduktion ist.

Doch spätestens seit der Vorstellung des Umweltberichts durch Ministerin Svenja Schulze am 19. Mai haben die Landwirte den Eindruck, dass sie allein die Maßnahmen gegen Umweltschäden tragen sollen, obwohl eine Vielzahl anderer Faktoren zu hohen Stickstoffwerten und Artensterben beitragen.

Landwirte protestieren in Büdingen: Sie wollen Zeichen der Solidarität setzen

Deshalb halten Landwirte seit fast einem Monat eine Mahnwache vor dem SPD-Büro in Schulzes Wahlkreis in Münster. Die Initiative "Land schafft Verbindung" (LSV), in der vor allem jüngere Landwirte organisiert sind, wollte nun mit einer spektakulären Großdemonstration ein Signal der Solidarität nach Münster senden.

Dabei wollten sie sich nicht nur auf dem Feld versammeln und untereinander und mit Bürgern über ihre Situation diskutieren. Mit den Traktoren wollten sie ein Zeichen setzen: In der Dunkelheit sollten die Scheinwerfer die Schriftzüge "Bauernpower", "LSV Hessen" und "Taten statt Worte" auf einer 40 000 Quadratmeter großen Wiese formen.

In der Dunkelheit sollten die Scheinwerfer die Schriftzüge "Bauernpower", "LSV Hessen" und "Taten statt Worte" auf einer 40 000 Quadratmeter großen Wiese formen.

Rund 500 Landwirte waren teilweise mit ihren Familien und 400 landwirtschaftlichen Maschinen aus einem Umkreis von etwa 90 Kilometern nach Büdingen gekommen. Am frühen Abend glich die Wiese einer Landwirtschaftsausstellung. Am Größenunterschied zwischen den vereinzelten historischen Traktoren und den modernen Maschinen ließ sich abschätzen, welcher Aufwand und welche Investitionen inzwischen nötig sind, um konkurrenzfähig Landwirtschaft betreiben zu können.

Landwirte protestieren in Büdingen: "Viel mehr Wissenschaft statt Ideologie"

"Wir werden vollumfänglich verantwortlich gemacht für den schlechten Zustand der Natur", ärgert sich Olaf Pöhlmann. In dem Umweltbericht sei zwar ein Gutachten enthalten, das bestätige, dass die Landwirtschaft nur zu 23 Prozent die Ursache für das Artensterben sei. Aber "die Maßnahmen setzen zu 100 Prozent bei der Landwirtschaft an".

Dabei gesteht die Branche in einem Flugblatt, das während der Demonstration verteilt wird, durchaus ihre Mitverantwortung ein. Sie benennt aber auch viele weitere Faktoren wie Industrie, Verkehr oder auch Altlasten in Mülldeponien, die zu Artensterben und Überdüngung, dem zweiten großen Aufregerthema der Bauern, beitragen.

So seien die 50 Millionen Flugpassagiere im Jahr auch für den hohen Stickstoffgehalt in Luft und Boden verantwortlich. Doch nur die Bauern würden durch die neue Düngemittelverordnung reglementiert. Wer Felder in einem Bereich, für den die Messstellen zu hohe Stickoxidwerte (rotes Gebiet) ausweisen, bewirtschaftet, muss den Düngereinsatz reduzieren.

"Ich hätte nicht mal gewusst, dass ich im roten Gebiet bin, wenn ich nicht im LSV wäre", beklagt Henrik Winkler aus Bad Vilbel. Ohnehin seien die Ergebnisse der insgesamt nur 700 Messstellen in Deutschland wenig aussagekräftig. "Es müsste viel mehr Wissenschaft statt Ideologie zur Anwendung kommen."

Landwirte protestieren in Büdingen: "Frau Schulze lässt sich nicht blicken"

Für Pöhlmann ist auch eine Aussage des NABU ein Beleg für "ideologisch geprägten Urteile". Die Umweltschützer hätten sich gefreut, dass die Insektenwelt sich in den Wochen des Lockdowns "prächtig erholt" habe. "Aber wir Landwirte haben in diesen elf Wochen genauso gewirtschaftet wie vorher", wundert sich Pöhlmann.

Die Bauern betonen, dass sie auf Dialog setzen. "Aber Frau Schulze lässt sich nicht blicken", kritisiert Tobias Gipper. Für Öffentlichkeit haben die heimischen Bauern nun jedenfalls gesorgt. Das ungewohnte Bild Hunderter hell erleuchteter Traktoren auf einer Wiese neben der Straße fiel Autofahrern auf und brachte sie immer wieder zum Abbremsen und Anhalten.

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