Metzgermeister Heiko Nagel (links), Vorsitzender der Büdinger Schlachthof-Genossenschaft, und sein Stellvertreter, Metzgermeister Klaus Frühling, zeigen ein grob zerteiltes Fleischstück von einer Färse im Kühlbereich des Büdinger Genossenschafts-Schlachthofes.	FOTO: SCHNEIDER
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Metzgermeister Heiko Nagel (links), Vorsitzender der Büdinger Schlachthof-Genossenschaft, und sein Stellvertreter, Metzgermeister Klaus Frühling, zeigen ein grob zerteiltes Fleischstück von einer Färse im Kühlbereich des Büdinger Genossenschafts-Schlachthofes. FOTO: SCHNEIDER

Schlachthof

Kurze Wege für Bio-Fleisch

  • vonInge Schneider
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Der Büdinger Schlachthof ist genossenschaftlich organisiert. Die Macher sezten auf , Transparenz, Verantwortung , Dialog und Aufklärung. Die Schlachtstätte ist nun zertifizierter Bio-Schlachthof.

Heiko Nagel und Klaus Frühling übernehmen Verantwortung. Sie sind Vorsitzende der bereits 1895 gegründeten Büdinger Metzger-Genossenschaft. Dieses Bündnis hat den Schlachthof einst selbst errichtet. Die Genossenschaft steht zum einen in einer langen, durch Familienunternehmen im Handwerk sowie lokale Landwirte geprägten Tradition. Zum anderen beschreiten sie als Teil der 2015 begründeten Modellregion Ökolandbau Wetterau sowie als frisch zertifizierter Bio-Schlachthof für die Schlachtung von Rindern, Schweinen und Schafen aus ökologischer Landwirtschaft neue Wege.

Kurzer Transport - wenig Stress

Mit der Bio-Zertifizierung geht ein erhöhter Aufwand für den Schlachthofbetrieb einher: »Die Bio-Tiere müssen in einem eigenen Arbeitsgang, getrennt von konventionellen Tieren, geschlachtet werden. Bereits die Boxen, in denen die Tiere am Vortag vor der Schlachtung durch den Halter untergebracht werden, sind von denen der konventionell aufgezogenen Nutztiere getrennt«, erklärt Metzgermeister Heiko Nagel.

Auch bei Schlachttieren von konventionellen Höfen achte man als EU-zertifizierter Betrieb strikt auf kurze Transportwege, die Möglichkeit zur Akklimatisierung und Fütterung, einen kurzen und somit weitgehend stressfreien Schlachtvorgang, selbstverständlich unter vorheriger Betäubung.

»Unsere Tiere kommen alle aus der unmittelbaren Region des Wetterau- und Main-Kinzig-Kreises. Wir achten sie, ebenso wie wir unser Handwerk mit Respekt vor den Kollegen in Landwirtschaft, Anlieferung, Metzgerei und Vermarktung verrichten«, sagt Klaus Frühling.

»Alle Akteure in unserer Lieferkette werden übertariflich bezahlt - die Zusammenarbeit mit Subunternehmen, die Menschen unter unwürdigen Bedingungen zu Hungerlöhnen schuften lassen, käme für uns niemals in Frage«, sagt Heiko Nagel mit deutlichem Bezug zu den Verhältnissen bei Tönnies. Wo dort täglich rund 35 000 Schweine geschlachtet werden, sind es in Büdingen gerade einmal 50 pro Woche, hinzu kommen zehn Rinder und fünf Schafe.

Die Kapazität für ein Plus wäre vorhanden, Umbau und Modernisierung des Verwaltungsgebäudes könnten durch erhöhte Erträge leichter finanziert werden. Andererseits möchte man den Anwohnern ein erhöhtes Aufkommen von Transportfahrzeugen ersparen.

»Bei seiner Gründung lag der Schlachthof außerhalb der Stadt, mittlerweile haben die Wohngebiete ihn eingeholt«, erzählen die beiden Metzgermeister, die Wert auf guten Kontakt zur Bevölkerung und generell auf Dialog und Aufklärung rund um alle Facetten des Fleischkonsums setzen. »Das Bewusstsein wächst, dass Fleischproduktion zu Dumpingpreisen letztlich allen schadet: Tieren und Menschen, der Gesundheit und der Umwelt.« Die Kunden fragten angesichts des Tönnies-Skandals verstärkt nach, woher das in den Metzgereien angebotene Fleisch stamme, wo geschlachtet und verarbeitet worden sei, berichten Nagel und Frühling.

»Natürlich gibt es angesichts solcher Nachrichten wie aus Rheda-Wiedenbrück einen kurzzeitigen Hype, man kehrt dem Discounter vielleicht kurzzeitig den Rücken. Das legt sich wieder«, wissen die Metzger. »Doch ganz langsam konstatieren wir einen Langzeittrend, mehr auf Qualität und einen selteneren, dafür hochwertigeren Fleischkonsum zu setzen, ähnlich dem Sonntagsbraten früherer Jahrzehnte.«

Kurzer Hype für regionales Fleisch

Rund 15 Prozent der in Büdingen geschlachteten Tiere fallen aktuell unter die neue Bio-Schlachtrichtlinien. Der Anteil könne steigen, wenn der Verbraucher die Unterschiede in Geschmack, Optik und Preis gegenüber konventionell erzeugten Fleischerzeugnissen akzeptiere, sagen die beiden Fachleute. Von Claudia Zohner, Koordinatorin der Modellregion Ökolandbau Wetterau, fühlen sie sich in Sachen Bioschlachtung gut betreut.

Schmerzlich vermissen sie den dritten im Büdinger Bunde, den erst kürzlich verstorbenen Metzgermeister Gerd Jöckel. Umso wichtiger sei gerade in Umbruchzeiten der Rat der Alt-Metzger, die der Schlachthof-Genossenschaft nach wie vor angehören sowie der Handwerkskollegen Jost in Ostheim, Lebeau in Wächtersbach und Meige in Bobenhausen.

Zahl der Biobauern steigt

Die Förderung der Ökomodellregionen sei nun auf ganz Hessen ausgeweitet worden. Die Förderung werde für fünf Jahre verlängern, teilt Kreisbeigeordneter und Landwirtschaftsdezernent Matthias Walther mit. Ziel sei eine bessere Vermarktung von biologischen und regionalen Produkten zu erreichen. Dazu gibt es pro Landkreis eine Förderung für einen Projektmanager. Der Wetteraukreis ist seit Oktober 2015 Ökolandbau Modellregion. Alles hessischen Regionen arbeiten dabei zusammen. Claudia Zohner, Koordinatorin beim Wetteraukreis ist begeistert von dieser Kooperation: »Gemeinsam sehen wir uns als Team für die Stärkung des Ökolandbaus in Hessen.« Der Ökolandbau sei die schonendste Form der Landbewirtschaftung für Boden, Wasser und Klima und habe die höchsten Tierwohlstandards. Der Anteil der ökologischen Landwirtschaft ist in Hessen auf 15,6 Prozent gestiegen, mehr als 2 200 Betriebe wirtschaften ökologisch. Im Wetteraukreis beträgt der Bioanteil an der landwirtschaftlich genutzten Fläche 9,5 Prozent. Die Zahl der Bio-Betriebe in der Wetterau hat sich in den vergangenen Jahren von 40 auf 66 erhöht und die ökologisch bewirtschaftete Fläche verdoppelt. Die Modellregion soll ein günstiges Klima bei den Landwirten zur Umstellung auf Bio-Landbau bewirken. Die Bio-Zertifizierung des Schlachthofs Büdingen sowie das Vermarktungsprojekt Bio-Rindfleisch aus der Wetterau seien zwei Projekte der Öko-Modellregion. Bereits zum fünften Mal werde mit der BioWoche vom 29. August bis 6. September für mehr Bio in der Region geworben. prw

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