Mit 85 Jahren zum Bergsteiger geworden

Büdingen (rkb). Die dünne Luft in 5000 Metern Höhe macht das Übersteigen eines Berggrats schon für einen jungen Menschen zur Plackerei.

Auch gehören Zeltübernachtungen im Schlafsack auf dem blanken Boden sicher nicht zu den erträumten Ruhesitzen eines Rentners. Kommen noch Kälte, Regen und Gewitter hinzu, hört der Urlaubsspaß für jeden auf, und aus einem Touristenabenteuer wird ein Überlebenskampf. Von diesen Aussichten ließ sich der 85-jährige Karl-Heinz Wolfgang nicht abschrecken und stellte sich mutig den Herausforderungen der Besteigung des Kilimandscharo. Bis ganz auf die Spitze schaffte er es nicht – stolz ist er trotzdem auf sich.

Geträumt hatte Karl-Heinz Wolfgang schon als Kind vom Gipfelsturm. Vor dem Zweiten Weltkrieg hortete er Sammelbilder, die in den Zigarettenschachteln steckten. Darunter war auch ein Bild vom schneebedeckten Gipfel des Kilimandscharo, das in dem Ronneburger Jungen die Sehnsucht weckte, eines Tages den Berg mit eigenen Augen zu sehen. Fast 70 Jahre musste er sich gedulden, denn zunächst zog er wie viele andere junge Männer seiner Zeit in den Krieg. Danach folgte ein Ingenieurstudium für Elektrotechnik, dann die Arbeit bei der Firma Hartmann und Braun, für die er unter anderem die Auslandsstelle in Sao Paulo aufbaute. »Ein Abenteurertyp bin ich nie gewesen« behauptet Wolfgang von sich. Erst als alle Lebensaufgaben erfüllt waren, fiel ihm das Projekt Kilimandscharo wieder ein.

Sein halbes Leben war Wolfgang leidenschaftlicher Wanderer und in der Umgebung von Büdingen auch als Wanderführer unterwegs. Mit 85 Jahren fühlte er sich immer noch topfit und gesund und machte sich angstfrei an die Vorbereitungen der Tour. »Ich habe nicht einen Gedanken daran verschwendet, ob ich den Aufstieg schaffen würde oder ob das meiner Gesundheit schadet.« Körperliche Fitness hatte er im vergangenen Jahr schon bei der Anwanderung zum Deutschen Wandertag mit einer Strecke von 360 Kilometern bewiesen. Bei einem Reiseveranstalter in München fand Wolfgang sich gut aufgehoben, hier erhielt er alle Infos über Tourenverlauf und Reisevorbereitungen.

Das größte Risiko einer Besteigung in über 5000 Metern Höhe ist der geringe Sauerstoffanteil in der Atemluft. Je 1000 Meter Höhenzunahme sinkt der Anteil um zehn Prozent. Bei schlechter Akklimatisierung droht die Höhenkrankheit, die unbehandelt zum Tod führen kann. Um sich an die dünnere Luft zu gewöhnen, wird ein längerer Aufenthalt in 3000 bis 4000 Metern Höhe empfohlen.

So vorbereitet, machte sich Wolfgang am 1. September 2011 nach Nairobi auf – nicht nur zu einer, sondern gleich zu zwei Bergbesteigungen. Zur Akklimatisierung sollte die Wandergruppe vor dem Kilimandscharo zunächst den Mount Kenya besteigen. Mit dem Aufstieg zum Gipfel auf 5200 Metern Höhe und mehrmaligen Übernachtungen auf 4200 Metern diente er als idealer Trainingsberg.

Die Reisegruppe bestand aus acht Mitgliedern, außerdem aus einem kenianischen Bergführer, einem Koch und 16 Trägern. Von der Nordwestseite des Mount Kenya in 2000 Metern Höhe gingen sie die erste Besteigung an. Im Ausgangsort Nanyuki liegt die imaginäre Äquatorlinie, die die Erdkugel in zwei Hälften teilt. Hier versetzte der Tour-Guide die Reisegruppe in Erstaunen, denn nördlich der Äquatorlinie lenkte der Erdmagnetismus das Wasser, das man in den Gully gießt, in eine Rechtsdrehung. Nur ein Meter weiter, in der Südhälfte, fließt es nach links.

Auf dem Weg zum Gipfel durchwanderte die Gruppe alle fünf Klimazonen der Erde: die Kulturzone, den Regenwald, die Heide- und Moorlandschaft und die Alpine Wüste, bis die Wanderer schließlich auf Gletscher, Schnee und eisige Winde mit Temperaturen bis zu minus 20 Grad treffen.

Wegzehrung: Kekse, Nüsse, Schoko

Zur Erholung vor dem mit Spannung erwarteten Aufstieg auf den höchsten Berg des afrikanischen Kontinents, war ein Tagesausflug zu den Massai im Amboseli-Nationalpark geplant. Nur zu gern nahmen die Wanderer Kontakt zu den Einheimischen auf, aber die handgefertigten Souvenirs mochte keiner kaufen: Wie soll man die mit hoch auf den Kilimandscharo schleppen?

Mit 5895 Metern ist der Uhuru Peak der höchste Gipfel des Kilimandscharo-Bergmassivs. Ihn erreicht man über den Stella Point auf 5730 Meter und zuvor über den Gillman’s Point mit 5685 Meter. Der Aufstieg erfolgte über Tansania, mit einem Bergführer und 24 Trägern, die die Zelte, Lebensmittel und Wasser nach oben transportierten und die, wenn es sein musste, auch die Rucksäcke der erschöpften Wanderer übernahmen oder diese beim Gehen stützten. Anfangs ging es durch tropisch schwüle Savanne.

Mit jedem Schritt sah Wolfgang durch die Zweige der schattenspendenden Schirmakazien den Berg in der Ferne mit seinen schneebedeckten Flanken anwachsen – und in gleichem Maße schrumpften Mut und Selbstvertrauen.

900 Meter unterhalb des Gipfels wurde die Wanderung zur Tortur. Mit zwei Pullovern übereinander, darüber eine winddichte Jacke, Woll-Fellmütze, Handschuhe und Stirnlampe, wurde der Gipfelsturm um 23 Uhr in stockdunkler Nacht begonnen. Die karge Wegzehrung bestand aus Keksen, Nüssen und Schokolade. Die Gruppe hatte einen Steilhang mit 915 Höhenmetern vor sich, der aus losem Lavaschotter bestand. Damit die kleinen Steinchen nicht wie Sand in die Schuhe rinnen und jedes Weitergehen vereiteln, legten die Wanderer Gamaschen an. Die Wolkendecke versperrte jede Sicht, der Akku von Wolfgangs Kamera versagte wegen der eisigen Kälte, jeder Atemzug wurde in der extrem dünnen Luft zur Schwerstarbeit.

Die Wanderkameraden waren um Jahrzehnte jünger als der 85-Jährige – deren Tempo konnte Wolfgang nicht halten. Er fiel zurück, bald betrug der Abstand mehr als eine Stunde. Am ersten Gipfel, dem Gillman’s Point auf 5685 Metern, nahte für ihn das Ende. Er war am Ende seiner Kräfte und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Er stellte sich zum ersten Mal die Frage: »Wozu das alles?« Er überlegte nicht lange und beschloss: »Hier und jetzt ist Schluss.« Auf einen der tansanischen Träger gestützt, begann er den Abstieg zur Kibo-Hütte. Mit einem Mittagessen und dem höheren Sauerstoffgehalt kehrten Wolfgangs Kräfte zurück. Am nächsten Tag erreichte die Gruppe das Hotel am Fuße des Kilimandscharo, wo sich alle auf die letzte Nacht in Afrika freuten – mit einem wonnig warmen Bad, sauberer Kleidung, endlich einer Rasur, einem guten Essen und einem traumhaft weichen Bett.

Fragt man Karl-Heinz Wolfgang heute, ob er die große Anstrengung je bereut habe und ob er traurig war, nicht den höchsten Gipfel erreicht zu haben, erhält man ein überzeugendes Kopfschütteln. »Ich bin so weit gegangen, wie ich konnte, und absolut zufrieden«, betont er stolz.

Der Kilimandscharo hat übrigens schon einige betagte Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel gesehen. So war der aus Deutschland stammende Geograf, Verleger und Forschungsreisende Hans Meyer im Jahr 1889 einer der Erstbesteiger des Kilimandscharo. Und auch er war mit seinen 70 Lenzen nicht mehr der Jüngste. (Foto: pv)

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