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Ein Tag, an den man sich in Büdingen lange erinnern wird. Auch nach Einbruch der Dunkelheit werden Bewohner mit Booten aus vom Wasser eingeschlossenen Häusern in der überfluteten Altstadt geholt. ARCHIVFOTO: DPA

Wasserverband

Hochwasserkatastrophe: Arnold sieht Versäumnisse bei der Stadt Büdingen

  • vonOliver Potengowski
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Wer trägt Verantwortung für die Hochwasserkatastrophe in Büdingen. Joachim Arnold, den Vorsteher der Wasserverbände Nidda und Nidder-Seemenbach, scheint da eine klare Meinung zu haben.

Am Dienstag will Bürgermeister Erich Spamer in einer Pressekonferenz über die Ursachen der Hochwasserkatastrophe vom vergangenen Wochenende informieren. Joachim Arnold, ehemaliger Landrat und jetzt Vorsteher der Wasserverbände Nidda und Nidder-Seemenbach, hat bereits am Freitag in einem Pressegespräch Gründe genannt, warum das Hochwasser besonders in Büdingen so große Schäden verursachte.

Durch die Verbindung von starkem Temperaturanstieg mit der Folge einer schnellen und flächigen Schneeschmelze sowie starken Regenfällen in einem kurzen Zeitraum habe der Seemenbach an jenem Freitag deutlich mehr Wasser geführt als bei früheren Hochwassern. Der Verband geht davon aus, dass es mehr als 40 Kubikmeter pro Sekunde waren. Normal würden nur 0,5 bis 1,5 Kubikmeter pro Sekunde durch das Bachbett fließen, sagte Arnold. Als am Freitagmorgen der Pegel in Wolferborn, den der Wasserverband selbst betreibe, stark angestiegen sei, habe der Verbandsingenieur Stefan Schulze um 7.40 Uhr versucht, Bürgermeister Spamer zu erreichen und schließlich eine Warnung auf die Mailbox gesprochen. Um 8.56 Uhr habe Spamer zurückgerufen und den Ingenieur aufgefordert, nach Büdingen zu kommen und sich die Entwicklung des Hochwassers anzusehen.

»Klar war: Wenn die Hainmauer bricht, wird die Altstadt innerhalb kürzester Zeit geflutet werden«, beschreibt Arnold eine wesentliche Ursache, warum die Wassermassen am Freitag in solch eine Katastrophe mündeten. Dabei unterscheidet er deutlich zwischen Bereichen, bei denen die Stadt zuständig sei (wie die Neben-, Ab- und Zuflüsse Küchenbach oder Kälberbach), der Zuständigkeit des Wasserverbandes für das Gewässerbett und deren Randbepflanzung sowie der Aufgabe der Gefahrenabwehr durch die Stadt in Verbindung mit den Eigentumsverhältnissen bezüglich der Hainmauer. Der Wasserverband sei als Zweckverband der Anliegerkommunen nur für die Unterhaltungsmaßnahmen am Bachbett selbst, nicht aber für den darüber hinaus gehenden vorbeugenden Hochwasserschutz verantwortlich - auch wenn er im Auftrag der Mitgliedkommunen Hochwasserschutzeinrichtungen errichtet und betreibt.

Spamer habe »eher gebremst«

In diesem Rahmen wird im Wasserverband seit Jahren über Hochwasserrückhaltebecken oberhalb von Büdingen diskutiert. In einer Studie die der Wasserverband 2004 (nach dem Hochwasser von 2003) in Auftrag gegeben hatte, »kommt der Bereich Hammer und Büdingen nicht vor«, stellt Arnold, der seit 2012 dem Verband vorsteht, beim Pressegespräch fest. Denn die Stadt Büdingen habe trotz wiederholten Aufforderungen kein Informationsmaterialien insbesondere zu den Wasserständen des Jahres 2003 geliefert. Als Beleg zitiert Arnold aus einem Schreiben seines Vorvorgängers als Vorsteher des Wasserverbandes an Spamer aus dem Dezember 2005, in denen dieser darauf hinweist, dass er seit Oktober 2004 immer wieder vergeblich Daten angefordert und nachgefragt habe.

Als »wenig hilfreich« beschreibt er auch Spamers Rolle bei den Überlegungen zum Bau eines Rückhaltebeckens am Hammer oberhalb der Stadt. Zwar habe dieser immer wieder nach dem Sachstand der Planungen gefragt sowie Vorschläge gemacht und Prüfungen angeregt. Doch habe dies das Projekt nicht vorangebracht, sondern eher gebremst. Einen Antrag Büdingens an den Verband, das Rückhaltebecken zu bauen, habe er in den Akten nicht gefunden.

Arnold schildert, wie jahrelang verschiedene Varianten der Rückhaltung mit einem oder mehreren Dämmen im Bereich Nieder-Seemen, Kefenrod und am Hammer diskutiert worden seien. Erst im September 2020 hätten sich die Verbandsmitglieder darauf geeinigt, nur noch die Planungen für ein Rückhaltebecken am Hammer weiter zu verfolgen. Zwei Becken hätten nahezu doppelte Kosten und Unterhaltungsaufwand ohne nennenswert erweiterten Schutz für die Ortschaften am Oberlauf bedeutet.

Ausdrücklich stellt Arnold fest, dass ein Rückhaltebecken am Hammer mit geschätzt rund 1 Million Kubikmeter Fassungsvermögen, selbst wenn es bereits in Betrieb gewesen wäre, die Flutung der Altstadt »sehr wahrscheinlich aufgrund der Menge an Wasser und der zeitlichen Zuspitzung des Eintreffens nicht verhindert« hätte. Es wäre zwar langsamer, aber über andere Zugänge zu Überflutungen in der Stadt gekommen.

Deshalb habe der Wasserverband die Stadt bereits 2006 darauf hingewiesen, dass vom Küchen- und Kälberbach Hochwassergefahren ausgingen und konkrete benannte bauliche Maßnahmen durch die Stadt notwendig sind.

Bürgermeister wehrt sich gegen Vorwürfe

Auf Nachfrage dieser Zeitung räumt Büdingens Bürgermeister Erich Spamer ein, dass ihm diese Gefahren und der Zustand der Mauer am Seemenbach bekannt waren. »Deshalb habe ich immer angemahnt, dass am Hammer etwas geschehen muss.« Er sei davon ausgegangen, dass die Notwendigkeit des Rückhaltebeckens klar sei. Denn Arnold habe ihn sogar beauftragt, Grundstücke zum Bau des Dammes zu kaufen. »Es hat in keiner Vorstandssitzung einen Hinweis gegeben, dass er einen Auftrag braucht«, wundert sich der Bürgermeister. Im Gegenteil: In einer Sitzung des Bau- und Planungsausschusses der Stadt habe ein Mitarbeiter des Wasserverbandes gesagt, dass der Bau des Rückhaltebeckens bereits in den Verbandshaushalten 2015 und 2016 eingestellt sei. Spamer erklärt, dass er sich an eine Datenanfrage, wie Arnold sie für die Hochwasserstudie erwähnt, nicht erinnern könne. Büdingen habe dagegen bereits 2003 eine eigene Studie zum damaligen Hochwasser in Auftrag gegeben. Hätte der Wasserverband Daten benötigt, wäre das mit einer telefonischen Rückfrage zu klären gewesen, sagte Spamer. sax

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