Filippo Vulcano steht in den Trümmern der von ihm verpachteten Altstadtkneipe "Gasthaus zur Krone".
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Filippo Vulcano steht in den Trümmern der von ihm verpachteten Altstadtkneipe »Gasthaus zur Krone«.

Sorge vor Dienstag

Hochwasser in Büdingen: Strom muss zeitweise abgestellt werden

  • vonOliver Potengowski
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Weil es am Sonntag kaum regnete, hat sich die Hochwassersituation in der Wetterau zunächst entspannt - auch in Büdingen, wo die Aufräumarbeiten begonnen haben. Sorgen bereitet jedoch der Blick auf den Dienstag.

Update, 03.02.2021, 11.31 Uhr: Nach dem verheerenden Hochwasser in der Altstadt von Büdingen sind die Aufräum- und Reparaturarbeiten in vollem Gange. Das betrifft sowohl die betroffenen Privatbürger, Gewerbetreibende als auch die OVAG.

Der Energieversorger hat nun angekündigt, dass der Strom „in den betroffenen Bereichen von Büdingen zeitweise eingestellt“ werden muss. Heute (03.02.2021) soll es soweit sein. „Dies kann in Ausnahmefällen auch mehrfach und an unterschiedlichen Tagen erfolgen“, heißt es bei der OVAG zu Büdingen weiter.

Hochwasser-Katastrophe erschüttert Büdingen: Wie geht es nun weiter?

Erstmeldung, 01.02.2021, 05.02 Uhr: In der Büdinger Altstadt hatten die betroffenen Bewohner, Ladenbesitzer und Gastronomen am Samstag begonnen, die Folgen des Hochwassers zu beseitigen - teils unter den Augen von Schaulustigen. Schneeschmelze und Starkregen hatten in Kombination seit Freitag für steigende Pegel an Nidder, Nidda und der Seemenbach gesorgt. Sorgen bereitet nun der Blick auf den Dienstag.

Der Schaden dürfte in die Millionen gehen. Möbeln und sonstiger Hausrat stapeln sich vor den Häusern. Unentwegt fahren Radlader und Feuerwehrfahrzeuge zu Sammelplätzen mit Müllcontainern. Vor dem alten Rathaus liegen unzählige Exemplare der Büdinger Geschichtsblätter und weitere Veröffentlichungen des Geschichtsvereins.

In einer Seitengasse hatte ein Musikerehepaar erfolglos versucht, die wertvollen Instrumente im Erdgeschoss aufzubocken, damit sie vom Wasser nicht beschädigt werden. Mit den Instrumenten wird auch die berufliche Existenz der beiden vernichtet.

Hochwasser in Büdingen: Schaden wohl in Millionenhöhe

Um diese kämpften viele Geschäfte, Cafés, Restaurants und Hotels ohnehin schon seit Monaten. Wegen der Beschränkungen durch die Corona-Pandemie konnten sie nur eingeschränkt und zeitweise gar nicht öffnen. »Wir leben von der Substanz«, sagt Rolf Kleta, der mit seiner Frau ein Juweliergeschäft übernommen hat. Stundenlang hatten sie versucht, gegen das Wasser, das von der Straße in das Geschäft sickerte, anzupumpen. »Irgendwann haben wir aufgegeben, weil der Keller volllief.« Dieses Schicksal teilt er mit Christoforos Lazaridis, der vor fünf Jahren das Traditionsgasthaus »Bleffe« gekauft und saniert hat. Mehr als eine Million Euro habe er investiert. »Zwei Stunden haben wir gekämpft, den Keller auszupumpen«, sagt er. Als die Pumpen ausfielen, hätten sie mit Eimern weiter geschöpft. Am Samstag steht der Keller mit Gewerbewaschmaschine, Trockner und Bügelmaschine immer noch unter Wasser. Er habe zwar eine Versicherung gegen Elementarschäden, aber die decke nicht die Schäden am Inventar ab. »Da kämpfst Du und kämpfst«, sagt Lazaridis resigniert. »In dieser Lage weißt Du nicht: Soll man wieder weiterkämpfen?«

Ein Optiker habe seinen Laden gerade erst neu renoviert, berichtet der frühere Ortsvorsteher der Kernstadt Dieter Jentzsch. Jetzt müsse er alles wegschmeißen. Ein Nachbar habe mit dem Boot aus dem Haus geholt werden müssen.

Wie viele andere hat auch Jentzsch immer wieder gefordert, bis ein lange geplantes Rückhaltebecken am Hammer fertiggestellt werde, alle anderen Möglichkeiten zu nutzen, die Stadt vor Hochwasser zu schützen. So habe es Anträge gegeben, das Grabensystem im Schlosspark und den Mühlgraben instand zu setzen. Auch der Zustand der Hainmauer war immer wieder Thema. »Da wurden mir solche Verwaltungsauskünfte gegeben, da habe möglicherweise der Denkmalschutz etwas dagegen.« Bürgermeister Erich Spamer habe ihm einmal vorgeworfen, er wolle »Geld verbrennen, um die Bürger zu beruhigen«. Statt wirksamer Maßnahmen habe es nur immer neue Gutachten gegeben, kritisiert Jentzsch.

Hochwasser in der Wetterau: Sorgenvoller Blick auf Dienstag

Der Bürgermeister verweist auf die Diskussionen seit den 60er Jahren über ein Rückhaltebecken oberhalb der Stadt, die noch immer andauern, ohne dass eine Entscheidung gefallen wäre. Er weist auf Versäumnisse insbesondere beim Wasserverband Nidder-Seemenbach hin, aber räumt ein: »Ich übernehme die politische Verantwortung.« Er habe Möglichkeiten für eine Ertüchtigung der Hainmauer gegeben, über die mindestens seit dem Hochwasser 2003 immer wieder gesprochen worden sei.

Das THW hat die Bruchstelle in der Hainmauer am Freitagabend mit rund 3000 Sandsäcken gesichert, die Stadt will heute mit der Instandsetzung der Mauer beginnen. Denn ganz gebannt ist die Gefahr noch nicht: Für Dienstag seien bei steigenden Temperaturen erneute Niederschläge zu erwarten, die zu einem Anstieg der Pegel führen würden, wie das Regierungspräsidium Darmstadt mitteilte.

Laut Kreisbrandinspektor Lars Henrich waren in den vergangenen Tagen und Nächten 130 bis 150 Feuerwehrleute in Büdingen im Einsatz gewesen, zudem am Freitag rund 70 Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) und 40 bis 45 Mitglieder der Wasserwacht und der DLRG aus den Kreisen Wetterau und Gießen.

Hochwasser-Schäden in Büdingen: Spendenkonto eingerichtet

Wenn den Opfer des Hochwassers helfen möchte, kann auf das Bankkonto des Magistrat der Stadt Büdingen bei der Sparkasse Oberhessen (IBAN: DE 07 5185 00 79 0121 0008 49,

Verwendungszweck: »Spende Hochwasser 2021«) spenden. Auch Spenden über Paypal sind möglich: https://bit.ly/3aiE79t. Informationen über die konkrete Verteilung würden sobald wie möglich bekannt gegeben, teilt die Stadt mit. »Wir danken Ihnen für die unzähligen Hilfsangebote, ob nun tatkräftiger oder materieller Art. Gemeinsam schaffen wir das - Hochwasser und Corona.« Die Große Koalition im Wetteraukreis kündigt ein Soforthilfeprogramm an, das man in der Sitzung des Kreistags am Mittwoch auf den Weg bringen werde. Die Sparkasse Oberhessen bietet als schnelle finanzielle Hilfe für Betroffene zinslose Sonderkredite von bis zu 50 000 Euro an. Vom Hochwasser betroffene Mitarbeiter wurden freigestellt. hed

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