Drogenbedingte Psychose

  • vonConstantin Hoppe
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Büdingen (con). Ungewöhnlich schnell waren am Mittwoch die Plädoyers im Fall des 35-Jährigen G. aus Ortenberg abgehandelt: Dem Beschuldigten wurden Freiheitsberaubung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen - bestraft wird er für den Vorfall im Jahr 2019 aber nicht. Denn der 35-Jährige befand sich zum Tatzeitpunkt aufgrund einer drogeninduzierten Psychose in schuldunfähigem Zustand.

Und da die Prozessbeteiligten keine akute Gefahr einer Wiederholung sahen, konnte er am Mittwoch das Gericht ohne Urteil verlassen.

G. wurde vorgeworfen, in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 2019 einen Bekannten in seiner Wohnung mit einem Messer bedroht und festgesetzt zu haben. Der 38-Jährige sollte G. sein Handy und seine Autoschlüssel herausgeben und ihm »die Wahrheit« über eine Verschwörung sagen, die gegen ihn laufe.

Aufgrund der drogeninduzierten Psychose glaubte G. daran, dass ihm nahestehende Menschen durch Klone ausgetauscht wurden und er überwacht werde.

»Ich habe gleich gemerkt, dass er wirr im Kopf ist«, erklärte der 38-jährige Geschädigte B. im Zeugenstand. »Immer wenn er Drogen genommen hatte, hatte er solche wirren Ideen. So schlimm war es aber noch nie - ich habe gehofft, dass er irgendwann wieder runterkommt, aber das passierte nicht.«

Bedroht und mit Messer verletzt

In dieser Nacht habe er um sein Leben gefürchtet, gab der 38-Jährige weiter an. G. bedrohte und verletzte ihn auch mit einem Messer und einem Fleischklopfer. Am Morgen des 13. Juni zwang er den 38-Jährigen dann, mit ihm ins Auto zu steigen und zu verschiedenen Adressen zu fahren.

Unter anderem wollte G. seine Ex-Freundin und seinen Onkel besuchen und Beweise für die Verschwörung gegen ihn finden. Auf der Fahrt rief dann die Mutter von G. an, sprach zuerst mit ihrem Sohn und dann mit dem Geschädigten. »Ich habe gleich gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt - mein Sohn klang wie ein ganz anderer Mensch«, gab die 53-Jährige an. »Danach habe ich mir den B. geben lassen und zuerst gefragt, ob alles in Ordnung sei und dann, ob ich die Polizei anrufen soll - er hat zu beidem ›Ja‹ gesagt.«

Die 53-Jährige verständigte daraufhin die Polizei und versuchte herauszufinden, wohin ihr Sohn unterwegs war. Schließlich wurde sie bei ihrem Schwager fündig, bei dem G. zusammen mit B. gerade aufgetaucht war. »Ich habe meinem Schwager gleich gesagt, er soll die beiden nicht mehr zusammen wegfahren lassen«, schildert sie die nachfolgenden Ereignisse.

Nachdem sich B. hier auf der Toilette eingeschlossen hatte, konnte die Situation letztlich beendet werden. Dass in dieser Nacht G.s Wahrnehmung der Realität komplett verändert gewesen sei, bestätigte auch der psychologische Gutachter Prof. Phillip Grant: Durch das psychotische Erleben hatte der Beschuldigte keine Einsicht mehr in seine Handlungen.

Gleichzeitig gab das Gutachten jedoch auch darüber Auskunft, dass heute keine Gemeingefährlichkeit mehr von G. ausgeht: »Ein Rückfall ist zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich.«

Denn in der damaligen Situation habe sich G. in einer Lebenskrise befunden: einige Monate vor der Tat war eine langjährige Beziehung in die Brüche gegangen, G. wurde arbeitslos und musste aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen, sein Drogenkonsum begann wieder und es gab Probleme bei Behördengängen, woraufhin er kein Arbeitslosengeld bekam.

»Der Beschuldigte lebte nach dem Konsum von Amphetamin in einer Welt, die nichts mehr mit unserer Realität zu tun hatte«, erklärte auch der Vorsitzende Richter Jost Holtzmann. »Er wollte aus seiner Sicht die Verschwörung, die gegen ihn laufe, aufklären und es endlich wieder mit realen Menschen zu tun haben.« Heute verzichte G. jedoch auf Drogenkonsum und komme wieder auf die Füße.

Bereits am Donnerstag stand der erste Arbeitstag des 35-Jährigen in einem neuen Beruf an, und seit rund einem Jahr lebt er wieder in einer festen Beziehung. Der Antrag der Staatsanwaltschaft für eine Sicherheitsverwahrung des Beschuldigten in einer psychiatrischen Einrichtung wurde aufgehoben.

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