koe_Klavir1a_270321
+
Am Klavier, mit Trompete und unter Coronabedingungen erklingt die Mondscheinsonate.

Musikschule produziert Film

Beethoven aus der Zeit gefallen

  • Sabine Bornemann
    vonSabine Bornemann
    schließen

Es ist eine kleine unbeugsame Musikschule. Die Musik- und Kunstschule (MuKs) in Büdingen. Zum 250. Geburtstag des großen Ludwig van Beethoven hat die MuKs einen Film produziert.

So hatte sich das Beethoven bestimmt nicht vorgestellt. Junge Schüler mit Maske am Klavier, der Sänger daneben muss hinter einer Wand aus Plexiglas stehen. Ein großes Orchester oder ein Streichensemble fehlen gleich ganz. Und überall das Wort Corona. Ein 250. Geburtstag sollte anders aussehen.

Groß gefeiert werden sollte der Geburtstag des großen Komponisten. Auch in Büdingen und rund um die Musik- und Kunstschule (MuKs). Geplant war ein abendfüllendes Theaterstück von Hans Schwab, seiner Ehefrau Ronka Nickel und vielen Kindern und Jugendlichen aus der Musikschule. Doch Corona hat alle Pläne buchstäblich zerstört. »Beethoven anders« hieß und heißt es also. Aus einem Titel, der schon lange vor Corona feststand, sind neue Ideen gewachsen und ein professioneller Film entstanden.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Die Musikerin Ronka Nickel und ihr Ehemann Hans Schwab haben aus der Not der Pandemie eine Tugend gemacht und einen hochwertigen Film für die und mit der MuKs produziert. Beworben hat sich die Büdinger Musikschule damit beim deutschlandweiten Musikverband Chor und Orchester. Der Film trägt den Titel »Beethoven - Aus der Zeit gefallen«. Es ist der einzige Beitrag aus der Wetterau. Aus Hessen gibt es insgesamt nur drei Bewerbungen.

Der Titel ist Programm: Schwab mimt einen herrlichen Beethoven, mal etwas skeptisch, mal etwas grantelig, denn der Musiker kann überhaupt nicht verstehen, was derzeit in Büdingen los ist.

Pandemie statt Sinfonie

Ludwig van Beethoven erwacht zum Leben, läuft in Corona-Zeiten durch die Musikschule in dem alten Renaissance-Gebäude und gerät ins Staunen, was alles seit seinem Tod passiert ist. Cola-Automaten, Tassen mit seinem Gesicht drauf und jetzt Corona. Beethoven sinniert: »Abstand ist der neue Anstand.« Und als er die Schüler mit FFP2-Masken am Klavier sieht: »Das Leben wird zu einem Maskenball.«

Am meisten vermisst er ein großes Orchester: »Pandemie statt Sinfonie.« Es fehlen ihm Menschen, die seine Musik live erleben wollen. »Die Stühle bleiben leer. Corona setzt der Kunst die Dornenkrone auf. Für alle, die von Kunst leben.«

Genau das greift Ronka Nickel im Film auf: Immer wieder ist von der »kleinen, unbeugsamen Musikschule« die Rede. Von der MuKs, wie sie liebevoll genannt wird.

Beethovens Ebenbild

Bei seinem Rundgang durch die MuKs sieht Schwab tatsächlich aus wie Ludwig van Beethoven: Kostüm, Perücke und Schminke. Das hat Schwab als Profi alles selbst gemacht. Seine Frau hat das Drehbuch geschrieben, das ursprünglich inhaltlich anders geplant war.

»Corona hat immer wieder für Verbote gesorgt. Keine Orchesterproben, keine größeren Gruppen im Film. Also habe ich die Pandemie, die Maßnahmen und Regeln ins Drehbuch eingebunden«, erklärt Nickel.

Somit ist das Ende des Films auch anders als ursprünglich vorgesehen: Es duften nur sehr weniger Jugendliche tatsächlich mitspielen. »Statt live zu sehen, stehen immerhin alle namentlich im Abspann«, sagt Nickel.

Das Projekt wäre ohne eine Vielzahl an Freiwilligen und die Unterstützung von Profis nicht möglich gewesen.

Sorge um die kleine Kunst

Ekkehard Makosch ist professioneller Kameramann und hat den Film geschnitten, Regie führte Ronka Nickel, Sprecher ist Schauspieler Matthias Deutschmann. Alle Freunde von Schwab und Nickel und alle Profis: Genau das sieht man dem Ergebnis auch an.

Der Verband hat das Projekt mit etwa 13 000 Euro unterstützt. »Hätten unsere Profis mit regulärem Lohn gearbeitet, wären gut 30 000 bis 50 000 Euro zusammengekommen.«

Die Macher betonen im Film den Verlust der Kunst in Corona-Zeiten. Nickel ist am Ende ganz pragmatisch in ihrem Büro zu sehen: »Filmriss - statt Happy End. Jetzt sitze ich hier für Euch. Eure Regisseurin. Wie soll man ein Ende mit Dutzenden schmetternden Kindern drehen, wenn man nicht darf? Chöre, Bands, Orchester - alles nicht erlaubt.«

Es bleibe viel auf der Strecke: »Bleibt die Kunst auf der Strecke? Ja, nicht die große Kunst. Die kleine. Dort, wo mühsam und begeistert gelernt wird.« Wie an der kleinen, unbeugsamen Musik Schule in Büdingen. Eine Schule, die Beethoven sicher gefallen hätte.

Online-Abstimmung

23 Videos stehen ab sofort und noch bis zum 22. April online zur Abstimmung. Die Öffentlichkeit und eine Jury bewerten, wie kreativ, einzigartig und zeitgemäß sich die Projekte mit Beethovens Leben und Schaffen beschäftigt haben.

Ziel war es, sich anlässlich des 250. Geburtstags des berühmten Komponisten mit seinem Leben und Schaffen in neuer Weise auseinanderzusetzen. Alle Videos sind auf dem Youtube-Kanal des Bundesmusikverbands abrufbar. Die Abstimmung ist noch bis zum 22. April unter www.bthvn2021.com/beethoven-anders möglich. Die fünf Erstplatzierten erhalten Geldpreise bis zu 5000 Euro.

Der Bundesmusikverband Chor und Orchester (BMCO) ist der übergreifende Dachverband von 21 bundesweit tätigen weltlichen und kirchlichen Chor- und Orchesterverbänden mit insgesamt 100 000 Ensembles. Er entstand 2019 und vertritt die Interessen der Amateurmusik gegenüber Politik und Öffentlichkeit.

Der BMCO ist ehrenamtlich geführt und lässt sich nach eigenen Angaben von der Begeisterung für die Musik und das Musikmachen leiten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare