Fünf Lesende, vier Bücher, viele Schicksale und unendlich viel Mut - ein spannender Literaturabend im Weltladen bei den Interkulturellen Wochen mit (v. l.) Helmut Francke, Wolfgang Kessler, Christine Kuhnert, Hermann und Agnes Römer. FOTO: HMS
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Fünf Lesende, vier Bücher, viele Schicksale und unendlich viel Mut - ein spannender Literaturabend im Weltladen bei den Interkulturellen Wochen mit (v. l.) Helmut Francke, Wolfgang Kessler, Christine Kuhnert, Hermann und Agnes Römer. FOTO: HMS

Bücher über Menschlichkeit und Mut

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim(hms). Zum vierten Mal fand im Rahmen der Interkulturellen Wochen ein Literaturabend im Weltladen statt. Zum Thema "Menschlichkeit braucht Mut" stellten fünf Aktive des Vereins "Bad Nauheim fair wandeln" Bücher vor. Gekommen war eine kleine Schar aufmerksamer Zuhörerinnen, die zwei Stunden lang die herbstliche Abendkühle durch die coronabedingt geöffnete Ladentür ertrugen. Erwärmend dagegen waren die vier Vorträge mit unterschiedlichen Verarbeitungen des Themas als Sachbuch, Roman, Krimi oder Epos: spannend und inspirierend.

I Christine Kuhnert:Zanna Sloniowska "Das Licht der Frauen": Die ukrainisch-polnische Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin aus Lemberg (Jahrgang 1978), bezeichnet sich selbst als einen Menschen mit verschiedenen Identitäten.

In einem alten Haus mit einem bedeutungsvollen Glasfenster wohnen vier Frauengenerationen zusammen. Sie eint ihr rebellisches Naturell, ihre künstlerischen Begabungen und der Hang zu schwierigen Entscheidungen. Die Geschichte beginnt mit dem Trauerzug, der sich zu einer Demonstration auswächst. Beerdigt wird die Mutter der Protagonistin, eine erfolgreiche Sängerin, die zufällig bei einem Attentat erschossen wurde. In vielen Erzählsträngen geht es um Identitätssuche, um das Bild der Stadt Lemberg mit ihrer wechselvollen Geschichte und deren Einfluss auf das Leben der Frauen. Das Buch macht neugierig auf diese multinationalen Stadt Lemberg und ihre Menschen.

Helmut Francke:Hartmut Rosa, "Beschleunigung und Entfremdung": Der Autor (Jahrgang 1965) ist Soziologieprofessor in Jena. Zu Covid-19 sagt er: "Der Virus ist der radikalste Entschleuniger unserer Zeit."

Das Sachbuch gibt in positivem Ausblick einen Abriss vom Wandel in Technik, Kommunikation, Transport und Gesellschaft. In persönlich nachvollziehbaren Erfahrungen betrachtet der Autor kritisch die Schnelllebigkeit der Zeit, den wachsenden Konkurrenzkampf, das Hamsterrad in dem sich die Menschen verlieren. Eigentlich passe auch die zeitaufwendige Demokratie und die gründliche Beschäftigung mit Wahlen nicht in diese Zeit. Das Buch ist leicht zu lesen und zeigt auf, dass Menschlichkeit Mut braucht, Mut, um das Hamsterrad zu verlassen.

Wolfgang Kessler:Uwe Laub "Leben": Der Autor (Jahrgang 1971) war Börsenhändler und Pharmareferent bevor er sich selbstständig machte.

Artensterben, Pandemie, Pharmaskandal und der Mut sich dagegen aufzulehnen sind die Bausteine dieses vielseitigen Wissenschaftsthrillers. Die Hauptrollen spielen der an einem rasanten Alterungsprozess erkrankte Pharmaexperte, der in einer Klinik statt Medikamenten Placebos erhält, ein Ex-Krimineller und eine Ethnologin, die bei den Indigenen in Brasilien nach einem Heilmittel sucht und es findet. Doch die Ökostiftung verfolgt zusammen mit dem Pharmakonzern unseriöse Interessen.

Ohne es zu wissen, hat Laub der Corona-Pandemie in dramatisch beängstigender Weise und spannender Darstellung vorgegriffen. Kesslers Fazit: "Menschen sind nur in einem gesunden Ökosystem lebensfähig".

Anne Weber:"Anette, ein Heldinnenepos": Agnes und Hermann Römer: Die Autorin (Jahrgang 1964) ist aktuelle Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim und steht mit diesem Buch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises

Erst Kämpferin der Résistance und Retterin jüdischer Jugendlicher in Frankreich, nach dem Krieg Ärztin in Marseille, dann wegen ihres Engagements in der algerischen Unabhängigkeitsbewegung zu Zuchthaus verurteilt aber geflohen:

Das autobiografische Werk über Anne Beaumanoir ist ein lebendiges Beispiel für die Wichtigkeit des Ungehorsams. Weber schildert mit großer Sprachkraft Szenen aus diesem Leben, das immer wieder von Zweifel, Fragen, Wut, Pflichtgefühl, Verantwortung und oft nicht selbst zu beeinflussenden Entscheidungen vorwärtsgetrieben wird. Man ist vom ersten Moment an sehr gefesselt von dem Tempo und faszinierenden Sprachbildern.

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