Mit Mut zum Neuanfang unter Corona-Bedingungen machen Regionalkantorin Eva-Maria Anton, Organist Dan Zerfaß (M.) und Mitorganisator Henning Stahl 50 Kulturbegeisterten in Bad Nauheim eine große Freude.	FOTO: VON PROSCH
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Mit Mut zum Neuanfang unter Corona-Bedingungen machen Regionalkantorin Eva-Maria Anton, Organist Dan Zerfaß (M.) und Mitorganisator Henning Stahl 50 Kulturbegeisterten in Bad Nauheim eine große Freude. FOTO: VON PROSCH

St. Bonifatius macht Mut

  • vonHanna von Prosch
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Endlich wieder Orgelmusik live. Den 50 Zuhörern, die in der Bad Nauheimer Bonifatiuskirche das Konzert mit Dan Zerfaß besuchen durften, sah man die Freude an. Und für den Wormser Dom-Organisten war es nach fast einem halben Jahr wieder das erste Konzert mit Publikum, noch dazu in seiner ehemaligen Kirche.

Für Regionalkantorin Eva-Maria Anton stand fest: Sie wollte vor einer Absage erst die Entwicklung der Lockerungsmaßnahmen abwarten. »Wir sind glücklich, dass wir mit neuem Mut und geplantem Programm starten können«, sagte sie freudestrahlend, soweit man das unter dem Mund-Nasen-Schutz, den alle beim Betreten und Verlassen der Kirche tragen müssen, sehen konnte.

Nach jeder Veranstaltung werden die Bänke desinfiziert. »Der Aufwand hält sich in Grenzen, wir nehmen ihn gerne in Kauf«, sagte Anton. Die nicht nutzbaren Bänke waren mit rot-weißem Absperrband gekennzeichnet, außerdem wies ein Klebeschild auf die verfügbaren drei bis vier Plätze pro Reihe hin. Auf dem Boden zeigten Pfeile die Gehrichtung an. Am Eingang überprüften zwei freundliche Damen die Namen auf der Liste der angemeldeten Besucher und wiesen auf das Desinfektionsspray hin.

»Wir hatten noch mehr Anfragen, mussten aber aus Sicherheitsgründen ablehnen. Schließlich steht die Gesundheit an oberster Stelle«, versicherte Pfarrgemeinderatsmitglied Henning Stahl. Die Anmeldung lief telefonisch oder im Internet über ein Portal, das extra für Bad Nauheim eingerichtet worden ist. »Das ist einmalig im Bistum. Allein im Sekretariat hätten wir das sonst nicht geschafft.«

Auch Organist Dan Zerfaß war hoch motiviert: »Jetzt habe ich wieder etwas zu tun, was den Menschen und mir Freude macht.« In Worms konnte er außer in den Gottesdiensten noch nicht spielen. Doch es sind schon Konzertvertretungen für ausländische Künstler angefragt, die nicht nach Deutschland reisen können. Für ihn, der nach dem Orgelstudium in Frankfurt, unter anderem bei Edgar Krapp, 1996 in St. Bonifatius seine erste Stelle angetreten hatte, war dieses Konzert ein Wiederhören mit einem vertrauten Instrument. Damals hatte er nach dem Neubau noch die Intonation begleitet.

Das Programm begann frisch und frühlingshaft mit Bach und der Sinfonia aus der Ratswahlkantate in einer Orgelbearbeitung von Marcel Dupré. Vier schlichte Schübler-Choräle von Bach folgten. Gerade diese innigen Werke berührten manche Zuhörer jetzt besonders. Dunkel, doch mit eingängigem Thema gestaltete sich das Allegretto von Louis Vierne. In majestätischer Verehrung, chromatisch zum Jubel anwachsend, baute sich der Marche Héroique von Herbert Brewer auf.

Wie gut Zerfaß die Link-Orgel kennt und welche großartigen Konzertfähigkeiten er besitzt, hat er mit der Symphonie Nr. 4 f-Moll von Charles Marie Widor vermittelt. In geschickten, feinfühligen Registrierungen lockte er Unglaubliches aus dem relativ kleinen Instrument. Er ließ mächtig die Toccata erschallen, fügte luftig eine Fuge mit dunkler Pedalbetonung an. Dem Andante Cantabile gab er einen außergewöhnlich berührenden Charakter, und beim Scherzo hörte man perlende Wasserspiele. Feierlich setzte er im Adagio einen Kontrast, bevor das triumphale Finale erklang.

Das Publikum war gekommen, um Musik wieder zu erleben. Es wurde reich beschenkt und dankte mit herzlichem Applaus.

Besucherin Mechthild Martin-Metz verriet: »Ich habe die Kultur so vermisst. Es ist ja ganz schön, mal daheim zu sein, aber live ist eben etwas anderes.« Die Auflagen störten sie nicht, zumal man den Mundschutz in der Bank abnehmen konnte.

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