Einen weiteren Band der Schriftenreihe "Erster Weltkrieg im Fokus" präsentieren vor der Ostheimer Kirche (v. l.) Bürgermeister Gerhard Schultheiß, Prof. Dr. Jürgen Müller, Pfarrer Prof. Dr. Lukas Ohly und Landrat Thorsten Stolz. FOTO: JÜRGEN SCHENK
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Einen weiteren Band der Schriftenreihe "Erster Weltkrieg im Fokus" präsentieren vor der Ostheimer Kirche (v. l.) Bürgermeister Gerhard Schultheiß, Prof. Dr. Jürgen Müller, Pfarrer Prof. Dr. Lukas Ohly und Landrat Thorsten Stolz. FOTO: JÜRGEN SCHENK

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Blick des Pfarrers auf den Weltkrieg

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Geschichte darf nicht verblassen. Was gedruckt ist bleibt - auch die Erinnerungen an die Zeit des Ersten Weltkriegs und unmittelbar danach. In Nidderau hat sie seinerzeit Pfarrer Fink notiert. Nun hat der Historiker Prof. Jürgen Müller diese Notizen in einem Buch herausgegeben.

Die Chronik einer Kirchengemeinde gilt als Verschlusssache. Im Pfarrbüro hütet man sie wie einen Augapfel und verwehrt Unbefugten in der Regel die Einsichtnahme. Über eine solche Befugnis entscheidet der Pfarrer nicht allein, sondern der Umgang ist rechtlich in den Verwaltungsordnungen der jeweiligen Landeskirchenämter geregelt. Das klingt streng und ist es auch.

Vor zwei Jahren machte die evangelische Kirchengemeinde Ostheim eine Ausnahme. Damals hatte Professor Dr. Jürgen Müller, ein in Nidderau beheimateter Historiker, um Einsicht nachgesucht.

Verborgen hinter einem Aktendeckel

Bei seinen Recherchen über die Landgemeinden im Ersten Weltkrieg war er auf die Ostheimer Pfarrchronik aufmerksam geworden. Besonders für die Kriegschronik von Pfarrer Friedrich Karl Fink, als Teil dieser Aufzeichnungen, interessierte sich Müller. Diese Notizen sind ein bisher unveröffentlichtes Zeugnis aus der Sicht eines "Befangenen", der sich selbst als Berichterstatter für die eigene Gemeinde wahrnahm. Das Geschriebene indes zeigt den Pfarrer auch als glühenden Nationalisten. Der "Heldentod" schien für ihn eine Notwendigkeit zu sein. Niedergeschrieben hat Fink seine Chronik in den Jahren 1914 bis 1921.

"Die Schrift entdeckte ich im Schrank des Pfarrarchivs, versteckt hinter einem alten Aktendeckel", erzählt Müller. "Das war bereits 2014, als ich für eine historische Ausstellung in den Nidderauer Stadtteilen recherchierte", erzählt er über den Fund. "Ich habe die Chronik damals noch nicht ausgewertet, sondern nur kurze Passagen davon gelesen. 2018 gelangte sie erneut in meine Hände und da wusste ich, dass man sie in aufgearbeiteter gebundener Form der Öffentlichkeit zugänglich machen sollte." Die evangelische Kirchengemeinde Ostheim sei damit einverstanden gewesen.

Am Sonntag war es dann so weit: Während eines Gottesdienstes in der Ostheimer Kirche stellte Herausgeber Müller das Werk vor. Sein Buch ist mit einem Umfang von 170 Seiten im Berliner LIT Verlag erschienen. Es trägt den Titel "Kriegschronik der evangelischen Pfarrei Ostheim, Kreis Hanau, 1914-1921" und läuft auch als Band 5 der Schriftenreihe "Erster Weltkrieg im Fokus". Finanzielle Unterstützung gewährten der Main-Kinzig-Kreis, der Evangelische Presseverband Kurhessen-Waldeck sowie der Heimat- und Geschichtsverein Ostheim. Pfarrer Lukas Ohly nahm das Buch im Namen der Gemeinde entgegen. Weitere Exemplare erhielten Landrat Thorsten Stolz und Bürgermeister Gerhard Schultheiß.

Originaltext aus Privatbesitz

Der Entstehungsprozess der Publikation sei etwas schneller von der Hand gegangen als gewöhnlich, erzählt Müller. "Corona lässt grüßen. Dozenten stehen derzeit nicht in der Universität, sondern sitzen zu Hause im Homeoffice vor dem Computer", lautet seine Erkenntnis.

"Mit dem Verkaufsstart kann man aber sehr zufrieden sein. Der Erlös ist für den hiesigen Heimat- und Geschichtsverein bestimmt. Was wir seit 2014 auf die Beine gestellt haben, kann sich sehen lassen. Sieben Bücher sind bisher veröffentlicht worden."

Herzstück des aktuellen Buches ist der Originaltext. Erweitert mit Fotografien, Zeitungsausschnitten und Todesanzeigen liefert er umfangreiche Informationen über die Ostheimer Geschichte und der umliegenden Region. Viele Familien werden die Namen von Angehörigen wiederfinden. Die abgedruckten Fotos stammen größtenteils aus Privatbesitz. Im Schlussteil befindet sich unter anderem eine Liste, der in der Chronik erwähnten Kirchenlieder und ein Personen- und Ortsregister.

Beim Lesen wächst die Erkenntnis, dass es erstaunlich ist, welche Parallelen sich in der Geschichte immer wieder auftun. Auch im Ersten Weltkrieg erlitten die Menschen eine Art Lockdown. In Ostheim mussten Schulen und Geschäfte schließen; die Wirtschaft konnte kaum noch weiterlaufen, weil die Männer fehlten. Diese Entbehrungen waren nicht auf ein paar Wochen begrenzt, sondern dauerten Jahre an. Es gab kein großes Jammern und Wehklagen, wie aus den Beobachtungen des Pfarrers hervorgeht. Die Maxime: "So lange die Krise da war, lernte man mit ihr zu leben", wird dem Leser begegnen.

Friedrich Karl Fink wurde am 20. November 1860 in Ramholz bei Schlüchtern geboren. Friedrich Karl Fink studierte Theologie, wurde im Jahr 1889 ordiniert und übernahm anschließend die Stelle eines Pfarrgehilfen in Wachenbuchen. Nach drei Jahren ging er als Pfarrer nach Hünfeld in Osthessen, wo er von 1892 bis 1911 die dortige Gemeinde betreute. Im selben Jahr heiratete Fink in Hofgeismar Julie Wilhelmine Euler. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor: Johannes, Friedrich, Gotthold und Käthe. Johannes und Gotthold Fink fielen beide im Ersten Weltkrieg (1917 und 1918). In Ostheim wirkte Friedrich Karl Fink als Ortspfarrer von 1911 bis 1926. Er blieb in Ostheim und starb hier am 13. Mai 1947 im hohen Alter von 86 Jahren. Seine Frau Julie war ein Jahr vor ihm gestorben. jsl

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