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»Bilder der Entmenschlichung«

  • vonHarald Schuchardt
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Die »Sichtweisen« in der Friedberger Burgkirche sind Tradition. Kunst, Musik und Wort treffen in der Passionszeit aufeinander. In diesem Jahr stehen Arbeiten den Städelschülers Karsten Kraft im Mittelpunkt. Die Eröffnung am Donnerstagabend war etwas Besonderes: Die erste Präsenzveranstaltung seit dem Lockdown.

Das kirchliche Projekt »Sichtweisen« in der Burgkirche, bei dem Kunst, Musik und Wort im Kontext der Passionszeit aufeinandertreffen, ist Tradition. Unter dem Titel »Von Leid, Licht und Unendlichkeit« werden in diesem Jahr Arbeiten des vor vier Jahren im Alter von nur 48 Jahren verstorbenen Künstlers und Städelschülers Karsten Kraft gezeigt.

Am Donnerstagabend wurde die Ausstellung im Rahmen der ersten von vier Passionsandachten mit einer Vernissage eröffnet - wobei alle gültigen Corona-Regeln beachtet wurden. 40 Besucher waren zu der ersten Präsenzveranstaltung der Kirchengemeinde seit dem Lockdown zugelassen.

»Das Interesse war sehr groß«, freute sich Pfarrerin Claudia Ginkel, die unter den Gästen auch Antje Kraft, die Mutter des Künstlers, begrüßen konnte. Diese war es auch, welche die Idee hatte, die Werke ihres Sohnes einmal in einem »kirchlichen Kontext zu zeigen«, so Kurator Joachim Albert, der sich in seinen Ausführungen dem Leben und Wirken Krafts widmete.

Karsten Kraft wurde 1968 in Frankfurt geboren und wuchs unter anderem in Boston, München und Brüssel auf. 1990 begann er als Autodidakt mit seiner künstlerischen Arbeit. Doch schon als Kind hatte der Künstler »eine bemerkenswerte und außerordentliche Fähigkeit, sich künstlerisch zu artikulieren«, sagte Albert. Ab 1994 studierte Kraft an der Frankfurter Städel-Schule bei keinem Geringeren als Herrmann Nitsch, einem der prominentesten Persönlichkeiten des Wiener Aktionismus. Sein Studium schloss Kraft im Jahr 2000 als Meisterschüler ab.

Erste Andacht mit Musik

Wie Kraft seine Arbeit sah, belegte Albert mit einem Zitat des Künstlers: »Mein Thema ist die Malerei. Das Wichtigste ist nicht das Motiv, sondern der optische Genuss, die Handschrift und die Frage: Ist die Wandlung von Farbe auf Leinwand zu einem Bild - etwas Lebendigem - gelungen? Meine Arbeiten wirken in ihrer Größe und leben von kleinsten Farbnuancen, die einen Raum und eine Atmosphäre schaffen.«

Anschließend führte Pfarrer Dr. Markus Zink vom Referat Kunst und Kirche am Zentrum der Verkündigung der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau (EKHN) in die Ausstellung ein. Dabei ging er der immer wieder gestellten Frage »Was ist ein Mensch?« nach. »In der Kunst spiegeln sich die Antworten wider«, stellte Zink fest. Für den Referenten zeigen Krafts Bilder das Menschsein als Schmerz. Zink: »Es sind Bilder der Entmenschlichung.« Ausführlich ging Dr. Zink auf das großformatige Triptychon »Die große Kreuzigung« ein: »Christus am Kreuz ist das Urbild und für Kraft eine Metapher: Viele Kreuzigungen - viele Opfer. Es geht ihm ums Mitfühlen und Hinfühlen.«

Dies gilt auch für weitere Werke des Künstlers, wie ein Gemälde, das an das Martyrium des heiligen Sebastians angelehnt ist. Dem gegenüber stehen die Werke an den Wänden neben dem Eingang. Zink: »Es sind Farbräume, die unbestimmt bleiben und sich von dem trennen, was wir kennen. Ich nenne dies Freiheit.«

In der anschließenden ersten Passionsandacht ging Pfarrerin Claudia Ginkel ebenfalls auf das Triptychon ein: »Hier von Leid zu sprechen ist durchaus berechtigt. Die Verdoppelung der Kreuzigung mit dem Skelett zeigt was der Mensch durchleben kann: »Aufschrei und Protest für Menschlichkeit und das Leben«, sagte Ginkel.

Musikalisch umrahmt wurden Vernissage und Andacht von Sabine Dreier (Querflöte) und Kantor Ulrich Seeger am Klavier. Die Kollekte aus den vier Passionsandachten geht an das von Ernesto Cardenal geschaffene internationale Kulturzentrum »Dasa de los Tres Mundos« in der nicaraguanischen Stadt Granada. Der Priester und Künstler verstarb vor einem Jahr im Alter von 95 Jahren.

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