Merja Herzog-Hellstén (r.) lädt die Besucher ein, die Installation "unentschieden" zu betreten, um sie zu vollenden.	FOTO: VON PROSCH
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Merja Herzog-Hellstén (r.) lädt die Besucher ein, die Installation »unentschieden« zu betreten, um sie zu vollenden. FOTO: VON PROSCH

Besucher vollenden die Installation

  • vonHanna von Prosch
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»Kunst und Kultur sind wie Lebensmittel«, hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anlässlich des Europakonzerts der Berliner Philharmoniker am 1. Mai gesagt. Dem Kunstverein Bad Nauheim sprach das aus der Seele,. Er gab am Samstag dem interessierten Publikum wieder Kultur: Es gab drei Führungen mit Künstlerin Merja Herzog-Hellstén und mit Masken.

Die Lust auf Kunst und Kultur ist groß, sowohl die der Aussteller, als auch die der entwöhnten Konsumenten. 25 Personen hatten sich für die Ausstellung des Kunstvereins Bad Nauheim angemeldet, zehn pro Führung waren in den Ausstellungsräumen in der Trinkkuranlage zugelassen. Während der Erklärungen von Künstlerin Merja Herzog-Hellstén hielten sich alle in der Rotunde auf - mit kurz gelüftetem Mund-Nase-Schutz, aber das störte niemanden.

Das Fehlende wird im Kopf ergänzt

»Die Maske ist doch schon Gewohnheit und die Führung ist mir das wert«, sagte Besucher Bernd Siegel. Auch die Studentinnen, die extra aus Offenbach gekommen waren, stießen sich keineswegs an den Auflagen. Denn was sollte man gerade bei dem bedeutungsvollen Ausstellungstitel »annäherungsweise« anderes tun, als die Werke zu begehen, zumal wenn, wie Künstlerin Merja Herzog-Hellstén es will, Besucher die Installation erst vollenden? In ihrer schwebenden Rauminstallation »unentschieden« und in einigen fixierten Momentaufnahmen - Tusche, Acryl auf Holz und Porzellan - hat sie mit den Druckgrafiken »Panoramen« ihres Kollegen Volker Steinbacher einen Annäherungsversuch gewagt. Er thematisiert mit seinen balkenförmigen Querformaten von landschaftsassoziierten Oberflächenstrukturen eine Wahrnehmungsform des digitalen Zeitalters. Das Fehlende wird im Kopf ergänzt.

Durch Corona andere Bedeutung

Seine zweidimensionalen Körper sind groß und zeigen kosmische Konstellationen. Ihre Trichter - es könnten Schall- oder Fangtrichter für die leichten Schwebteilchen sein - bewegen sich frei, ebenso wie die Wirrungen der in Streifen geschnittenen und genieteten Hanauer Feuerwehrschläuche. Die Idee geht auf die mesoamerikanischen Ballspiele im alten Mexiko zurück. Es ist ein Spiel, das unentschieden ausgeht.

Bei der Planung der eigens für die Rotunde konzipierten Installation vor zwei Jahren hat sich die finnische Künstlerin Herzog-Hellstén, die seit 1994 in Deutschland lebt,. viele Fragen gestellt. Durch Corona bekamen sie plötzlich eine andere Bedeutung. »Wie begegnen wir einer Situation, die nur aus Andeutungen und spekulativ basierten Abläufen besteht? Wie viel Freischwebendes ertragen wir, und wie viel Struktur benötigen wir? Wie stark beeinflussen Regeln und Strukturen die Entscheidungen in der Gesamtgesellschaft?« Diese Herausforderung, Ungewissheit zuzulassen und sich das Unbekannte vorstellen und begreifen zu wollen, ist Bestandteil der Installation und - zufällig - auch der aktuellen Lebenswirklichkeit.

Die in Holzgestellen befestigten Tafeln zeigen Fluides. Es könnten Zellstrukturen unter dem Mikroskop sein, Schlieren, Ansichten aus einem Forschungslabor. Künstlerin Herzog-Hellstén: »Durch den Lockdown wird der Annäherungsversuch neu definiert: Wie gehen wir mit dieser Flüchtigkeit um? Strukturen ändern sich dauernd. Wir sind plötzlich in ein Spielfeld gestellt, in dem es wahrscheinlich weder Verlierer noch Gewinner geben wird.«

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