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Volkmar Dörn (l.) und seine Gradierer (v. l.) Piotr Zalcer, Alexander Tross und Thorsten Brand haben einen arbeitsreichen Winter hinter sich. Auch im Sommer fallen ständig Wartungsarbeiten an den fünf Gradierbauten an.

»Balsam« für die Lungen

  • vonHanna von Prosch
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Jetzt rieselt die Sole wieder über den Schwarzdorn an den Bad Nauheimer Gradierwerken, die fälschlicherweise oft Salinen genannt werden. Besucher haben sich bereits eingefunden, denn für die Atemwege ist die salzhaltige feuchte Luft ein Segen. Die Kurstadt betreibt damit auch fünf komplexe Industriebauten.

Salinen, nein, die habe Bad Nauheim schon lange nicht mehr, berichtigt mich Steffen Schneider, Leiter des Kur- und Servicebetriebs. Eine Saline habe früher der Salzgewinnung durch das Sieden des Salzes in riesigen Siedepfannen über offenem Feuer gedient. Ein Gradierwerk oder Gradierbau hingegen konzentriere den Salzgehalt einer Sole, also von salzhaltigem Quellwasser.

Zwischen 15 000 und 30 000 Liter Wasser rieseln je nach Größe des Gradierbaus pro Stunde über den Schwarzdorn. Das salzhaltige Wasser kommt über Rohrleitungen aus dem großen Sprudel. Jeder Bau hat ein bis zwei Pumpen, die die Sole nach oben transportieren, wo sie in einer offenen Rinne über Zapfhähne gleichmäßig über die Schwarzdornwände verteilt wird. Volkmar Dörn, Fachdienstleiter Kureinrichtungen, ist mit seinen drei Gradierern Alexander Tross, Thorsten Brand und Piotr Zalcer Wächter über die fünf Bad Nauheimer Bauten.

»Wir haben immer Ersatzpumpen parat, denn wenn eine ausfällt, muss die Wasserverteilung gewährleistet sein. Die Wände dürfen in der Betriebszeit zwischen April und Oktober nicht austrocknen. Die Pumpen werden permanent gewartet und alle vier Jahre ausgetauscht. Selbst die aus Edelstahl sind sehr anfällig für die aggressive Sole. Daher verwenden wir jetzt Bronzepumpen«, erklärt Dörn.

Während der Winterruhe gibt es für die Gradierer viel Arbeit. In den vergangenen Monaten tauschten sie an der Krone des Gradierbaus II beim Gesundheitsgarten die Balken am Wartungsgang aus. Hölzer und Geländer, die nicht ständig feucht sind, müssen auch unterm Jahr ersetzt werden, so wie in diesem Sommer die schrägen, sogenannten Windstreben an den Bauten I und III. Am Gardierbau IV, unterhalb des Mühlenturms, wurde Schwarzdorn nachgesteckt. »Früher pflanzte die Kurverwaltung auch in Bad Nauheim große Hecken an, aber das ist lange vorbei. Heute kommen die benötigten Mengen aus Osteuropa«, sagt Dörn.

Sinn des Gradierwerks ist es, möglichst einen hohen Salzgehalt zu bekommen. Mit zwei bis drei Prozent Konzentration kommt die Sole aus dem Sprudel. Durch die Verdunstung beim Herabrieseln und das wiederholte Hochpumpen der sich immer stärker konzentrierenden Sole ist am Ende der Saison der Kochsalzgehalt auf 20 Prozent hochgradiert. »Das ist ein Kreislauf, bei dem wir die Kraft der Sonne nutzen. Früher wurden Wälder kahlgeschlagen für Brennholz, um bei der Salzgewinnung das Wasser aus der Sole wegzukochen«, erklärt Schneider.

Im Winter als Streusalz nützlich

Unter einem der Gradierbauten befindet sich ein Auffangbecken für das gewonnene Salz. Im Winter dient dieses Salz als Streumittel vor allem bei überfrierender Nässe und Glatteis. »Mit einem Solesprüher wird es in Spezialfahrzeugen auf die Fahrbahn aufgesprüht, und weil es feucht ist, haftet es besser als körniges Salz«, weiß Dörn. 3000 Kubikmeter fasst der Vorratsbehälter. Ein Drittel davon nutzt der Kur- und Servicebetrieb selbst, für den Rest hat er Lieferverträge mit der Stadt Friedberg und Hessen Mobil.

Die fünf Bad Nauheimer Gradierbauten sind mit einer Gesamtlänge von 650 Metern nach Bad Kreuznach die zweitgrößte Anlage in Deutschland. Das Ausmaß der Flächen lässt sich am Grandierbau II an der Zanderstraße gut erkennen: Er ist 9,50 Meter hoch, hat eine Gradierfläche von 2,4 Quadratmetern und enthält 2578 Kubikmeter Schwarzdorn.

Wegen der Corona-Schutzverordnungen müssen aktuell das Inhalatorium und der innere Wandelgang am Grandierbau I geschlossen bleiben. Von außen kann man jederzeit um die Gradierbauten herumgehen und sich ausruhen - natürlich mit Abstand zu anderen Personen. Die Liegewiese und der Gesundheitsgarten sind ab 9 Uhr geöffnet - von Mai bis August bis 21 Uhr, im September bis 19 Uhr und im Oktober bis 18 Uhr.

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