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Ein Schwätzchen gehört zum Einkauf dazu, so auch für (v. l.) Monika Ciola, Thuy Hoang und Loi Truong.

Ballast und Beziehungen

  • VonPetra Ihm-Fahle
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In einer Zeit, in der sich Menschen für Lebensstile wie Minimalismus interessieren, dürfte die Ära guter Flohmarktverkäufe weitgehend vorbei sein. Gleichzeitig muss nicht alles in die Mülltonne wandern. Beim Dorfflohmarkt Rödgen/Wisselsheim ging es vor allem aber um andere Werte.

Das Bild leuchtet, gleich am Eingang des Gartens von Carola Bergmann steht es. »Das ist der Gardasee«, sagt die Hausherrin. Ihre Schwester habe diese Urlaubsregion geliebt. Noch vor zwei Jahren war sie dabei, als der erste Dorfflohmarkt in Rödgen stieg. Kurz darauf starb sie. Carola Bergmann hat noch viele Gegenstände aus zwei Haushaltsauflösungen, auch des verstorbenen Bruders. »Es ist zu viel, die Schränke sind voll«, stellt die Rödgenerin fest. Es ist ein trauriger Anlass. Praktisch ist der Dorfflohmarkt in Rödgen und Wisselsheim nach Ansicht von Bergmann aber schon. Sie muss kein Auto packen, kann alles vors Haus stellen.

Über 80 Stände in beiden Orten

Die Tische sind bei ihr noch recht voll, so wie bei vielen anderen Ausstellern. Im Vordergrund steht mehr das Gesellige, der Austausch über den Gartenzaun. Oder aus der Garage wie bei Brigitte Kress und ihrem Lebensgefährten Torsten Güths. Aber, wie viele Gesprächspartnerinnen und -partner betonen, läuft der Verkauf gut. Man räumt nach. Während Carola Bergmann Geschirr, Damenkleidung, Herrenhemden und Wohnaccessoires anbietet, stellen Uli und Stephanie Stock von gegenüber vor allem Kindersachen aus. Zusammengetan haben sie sich mit ihrer Nachbarin Tanja Köbel, die in einer anderen Straße wohnt. Fiel es ihnen schwer, auszusortieren? »Es ist eher den Kindern schwergefallen«, sagen die Frauen und schmunzeln. Die Aussicht auf Taschengeld überzeugte aber.

In der Brunnengasse präsentiert sich unter anderem der Verein der Freiwilligen Feuerwehr Rödgen. Laut stellvertretendem Wehrführer Tom Wolf wollen die Feuerwehrleute zeigen, dass den Bad Nauheimer Brandschutz vor allem die ehrenamtlichen Schultern tragen. Ortsvorsteherin Gisela Babitz-Koch wartet dort auf Stadtrat Heinz Thönges (FW/UWG). In ihrer Tasche hat sie Dinos für ihre Enkelkinder. Weitaus mehr beladen ist sie allerdings mit Unterlagen für die über 80 Stände in Rödgen und Wisselsheim. Babitz-Koch will jeden Stand besuchen, um die Infoblätter auszuteilen.

Abstand-Hinweis auf dem Gehweg

Der Impuls für den Dorfflohmarkt kam, da zunächst die Anwohner des Brunnenwegs einen kleinen Flohmarkt unter sich veranstaltet hatten. Idee war, die Aktion auszuweiten. Babitz-Koch und einige andere Beteiligte gingen daraufhin von Haus zu Haus und fragten, wer mitmachen will. Das war vor zwei Jahren, der Dorfflohmarkt Rödgen wurde geboren. »Später haben die Bürger von Wisselsheim gefragt, ob man nicht ihren Stadtteil integrieren könnte«, erzählt sie. Ziel ist vor allem, die Dorfgemeinschaften zu stärken und einander besser kennenzulernen.

Stadtrat Thönges naht mit Frau und Hund. Er ist angetan »Es ist immer toll, was zu machen und unter die Leute zu kommen. Gerade in der Situation der Pandemie muss man jeden Tag Sonne nutzen.«

In Wisselsheim duftet es nach Waffeln, zubereitet von Martina Merz, Diana Kugler und Sandra Ruths. Um die Hygieneregeln einzuhalten, haben sie mit Kreide »Bitte Abstand halten« auf den Bürgersteig geschrieben. Desinfektionsmittel steht bereit. Zudem achten sie darauf, dass der Hof mit ihren Flohmarkttischen nicht zu voll wird. Um die Ecke steht vorm Seniorenzentrum »Demenz-Ja« die Betreiberin Heidy Lang mit Tochter Pia, deren Partner und Langs Freundin Margit Schmidt. Acht Tische haben sie aufgebaut. Allzu viel geht nicht über den Tresen, wie Lang bekennt. Heutzutage seien die Menschen eher bestrebt, sich von Ballast zu befreien. Die meisten schauen nur. »Das hatte ich früher auch mal« - diesen Satz hat Lang am Sonntag besonders oft gehört. Vieles wird sie wieder einpacken und anderweitig unterbringen, etwa beim Roten Kreuz. Sie nimmt es gelassen, über eins ist sie erleichtert: Dass ihre alte Puppe bei ihr bleibt.

Spende für Flutopfer

Der Kleingartenverein Rödgen spendet seinen Überschuss aus dem Verkauf von Würstchen und Getränken auf ein Konto der Gemeinde Ahrweiler für Flutopfer. Das Geld soll im Kindergartenbereich zur Verwendung kommen. An der Aktion konnten sich alle Betreiber mit einer Spende anschließen. Wer sich bis zum 30. September noch beteiligen möchte, erhält weitere Infos bei Ortsvorsteherin Gisela Babitz-Koch unter Tel. 0 60 32/29 57. Babitz-Koch dankt allen, die beim Ablauf des Dorfflohmarktes geholfen haben, besonders Claudia Roth (Verein »Schönes Dorfleben«, Wisselsheim), Ortsbeiratsmitglied Ingo Kammer sowie dem Verein der Freiwilligen Feuerwehr Rödgen mit dem Vorsitzenden Björn Noreik und Christine Koob.

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