Thorsten Heimerl von der Bad Vilbeler Pilsstube ist nur einer der vielen Gastronomen, die nun wieder harte Wochen vor sich haben. FOTOS: NIKLAS MAG/NICI MERZ

Zweiter Lockdown

Wetterauer Kulturveranstalter und Restaurantbetreiber zwischen Frust und Hoffnung

Zwischen Existenzangst und "Wir schaffen das" schwanken die Reaktionen heimischer Gastronomen, Hoteliers und Kulturveranstalter auf den nächsten Lockdown für ihre Branchen.

Ruth Bornträger steht exemplarisch für viele Gastronomen. "Alles geht kaputt. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob wir nächstes Jahr noch da sind", sagt die Wirtin der Bad Nauheimer Gaststätte Kuckuck, deren Familie den Betrieb seit 20 Jahren führt. Gerade hatte sie sich wieder etwas Hoffnung gemacht, setzte auf die von der Stadt bereitgestellten Pavillons für die Außenbewirtschaftung im Winter. Die ohnehin nur noch 26 Sitzplätze im Gebäude waren zuletzt kaum gefragt. "Es ist nicht mehr viel gelaufen, die Verluste sind dramatisch."

Bevor die Pilsstube am Südbahnhof in Bad Vilbel wieder für mehrere Wochen schließen muss, ist die Kneipe noch einmal gut besucht. Für Thorsten Heimerl ein Trost, wenn auch nur ein schwacher, denn auf den Betreiber der Kneipe kommt die nächste harte Zeit zu: "Leider zähle ich aus bürokratischer Sicht zu den Bars, nicht zu den Restaurants", sagt er. Einen Lieferservice für seine Speisen könne er deshalb nicht anbieten und ohnehin wäre das nicht die Lösung, meint er.

Sorge vorm neuen Jahr bleibt

Wie gestern bekannt wurde, könnten Selbstständige mit einer Staatshilfe in Höhe von 75 Prozent des Einkommens vom November 2019 ausgeholfen bekommen. "Damit schaffe ich es über die vier Wochen. Aber die Sorge bleibt, dass im Januar wieder alles dicht gemacht wird", so der Gastronom.

Er und viele Kollegen hätten im Sommer viel Geld investiert, um den Corona-Maßnahmen gerecht werden zu können. "Und jetzt werden wir dafür bestraft." Ihm fehle ein klares Konzept der Regierung. Doch macht die Gemeinschaft Hoffnung: "In Bad Vilbel sprechen wir Gastronomen nicht nur für uns selbst, sondern auch immer für die anderen."

Tim Wegge führt die Genusserie-Bar und das Genüsschen, ein Bistro. Auch er verspürt eine gewisse Wut, dass nun erneut der Umsatz ausfällt: "Ich hoffe, dass die Regierung entsprechende finanzielle Hilfen bereit stellt. Wobei das wäre eher eine Entschädigung als eine Hilfe." Er könne die Meinung der Regierung nicht teilen, dass die Gastronomie geschlossen werden müsste, um die explodierenden Corona-Zahlen wieder zu senken. "Ich glaube, die Regierung vergisst manchmal, wie wichtig Restaurants und Bars für die Gesellschaft sind." Er werde nun erneut auf Lieferservice und seine eigenen Produkte setzen, die in Bad Vilbeler Geschäften verkauft werden. "Reserven habe ich auch noch, aber eben nicht unendlich viele", beschwert sich Wegge.

Metzgermeister Jochen Lukarsch hat App für Warteschlange

Metzgermeister Jochen Lukarsch in der Frankfurter Straße muss sich zwar nicht zu sehr vor Umsatzausfall fürchten, da sein Lebensmittelhandel geöffnet bleiben darf, sieht sich aber mit anderen Problemen konfrontiert: "Im Sommer konnten die Leute auch draußen vor dem Laden warten, da ging das. Aber jetzt im Winter wird das ein Problem." Der gastronomische Teil seines Betriebes werde während den kommenden Wochen beschnitten, Mittagessen gibt es nur noch zum Mitnehmen.

"Damit sich aber vor der Theke keine Schlangen bilden, haben wir jetzt eine App." In dieser können Kunden bequem aussuchen, was sie haben möchten, bestellen und ihre Waren oder Gerichte abholen kommen. "Selbst wenn nur ein Teil der Leute die App benutzt, ist uns hier schon sehr geholfen. Das wird uns entlasten", glaubt der Metzgermeister.

Hotelier: Es wird zu wenig für Selbstständige getan

Oliver Wissel ist als Inhaber des Hotels Stadt Friedberg ebenfalls von der Regelverschärfung betroffen, muss allerdings nicht komplett schließen. "Es ist absurd, wenn ich den Geschäftsmann unterbringen darf, nicht aber die Oma, die ihre Familie besucht", sagt der Bezirksvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands. Er verweist auf Statistiken, wonach diese Betriebe keine Infektionsherde seien. Fast alle hätten umfangreiche Hygienekonzepte erarbeitet und Sicherheit geboten. Wissel beziffert seine Corona-Umsatzeinbußen auf 75 Prozent und ist verärgert, weil zu wenig für Selbstständige getan werde. "Was ist mit dem Lohn der Unternehmer? Auch meine Familie muss leben. Das interessiert keine Sau", betont er. Mit dem Verlustausgleich für November könnten Gastronomen und Hoteliers leben, nicht aber mit der Gesamtsituation.

Alte Mühle vier Wochen zu

Zum zweiten Mal vom Lockdown betroffen sind auch Kulturveranstalter. Während die Burgfestspiele mit ihrer Mini-Saison bereits durch sind, muss Gesine Otto, künstlerische Leitung der Alten Mühle, nun wieder den Terminplan umwälzen. "Die vier Veranstaltungen im Oktober werden alle abgesagt oder verschoben", erklärt sie. "Manche Engagements haben wir schon vor über einem Jahr klar gemacht und wir haben uns mit den Hygiene-Bestimmungen viel Mühe gegeben. Es ist schade, dass die Alte Mühle jetzt erstmal wieder zumachen muss." Die Eins-zu-eins-Konzerte am kommenden Sonntag würden jedoch noch stattfinden. "Die Musiker des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters bieten das an. Ein Musiker spielt für einen Zuschauer. Es kostet kein Geld, der Zuschauer gibt nur das, was er spenden möchte." Diese Einnahmen gehen an durch die Corona-Krise in Not geratene Künstler. "Die Zeit-Slots waren schnell ausgebucht, lediglich einer ist noch frei", berichtet Otto am gestrigen Nachmittag. Das Theater werde nach dem Sonntag mindestens für den November schließen müssen.

Viele Gastronomen planen wieder den Abhol- und Lieferservice. Online unter badvilbelbringts.de sind alle Bad Vilbeler Restaurants aufgelistet, die einen Lieferdienst anbieten. nma

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