Meisterpflicht

Wenn Qualität garantiert ist

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Fliesen legen lassen ohne Meisterbetrieb? Kann man machen, kann aber in die Hose gehen – sagt Fachmann Cem Kilic aus Bad Vilbel. 15 Jahre nach dem Wegfall der Meisterpflicht fordert er sie zurück.

Langsam, streicht Cem Kilic (37) über den grauen Stein an der Wand des künftigen Badezimmers. Völlig glatt und eben fühlt sich die Oberfläche der Fliesen an. Nur die Fugen sind noch zu spüren. "Das wird noch verfugt", sagt der Bad Vilbeler Handwerker.

Vor drei Jahren hat Cem Kilic in der Quellenstadt seine eigene Firma gegründet, den CK-Fliesenbau. Vier Mitarbeiter schuften inzwischen für ihn. "Ab März sogar sechs." Überall aus dem Rhein-Main-Gebiet kommen Aufträge. Neben einigen Baustellen von Privatleuten bearbeitet die Firma aber nicht mehr als zwei Großprojekte zugleich. "Wir wollen den Überblick behalten und überall ordentliche Leistungen abliefern", erklärt der Chef.

16 Jahre ist es her, dass Cem Kilic seine Ausbildung zum Fliesen-, Platten- und Mosaikleger begann, damals wohnte er noch in Büdingen. Ein Jahr später kippte die damalige rot-grüne Bundesregierung die Meisterpflicht in einigen Handwerksberufen – auch in der Branche, in die Kilic gerade startete.

Plötzlich viele Betriebe

Die Entscheidung hatte Folgen: Plötzlich boten unglaublich viele, auch ungelernte Einzelhandwerker Fliesenarbeiten an. Von 7000 schoss die Zahl der Betriebe auf 37 000 in die Höhe, sagt der Handwerker. "Die Politik hat es gut gemeint, es sollten Jobs geschaffen werden."

15 Jahre später ist Cem Kilic staatlich geprüfter Bautechniker im Hochbau, also sogar noch etwas besser ausgebildet als ein Meister. In ganz Deutschland hat er Großprojekte gesteuert. Und überall festgestellt, dass der Wegfall der Meisterpflicht zu großen Problemen im Fliesenhandwerk führt.

Häufig mit Fehlern anderer konfrontiert

Mit den fehlerhaften Arbeitsergebnissen der Nicht-Meisterbetriebe wird der 37-Jährige häufig konfrontiert. "Das sind oft nur Kleinigkeiten, die falsch gemacht wurden", sagt Kilic. "Aber der Schaden ist fast immer gewaltig."

Besonders schwere Schäden entstünden durch nicht fachgerecht ausgeführte Abdichtungen im Nassbereich. Auf einer seiner aktuellen Baustellen, dem Neubau eines Zweifamilienhauses im Norden von Oberursel, prüft der Bautechniker eine Duschkabine. Dort ist eine braune Schicht auf der Trockenbauwand aufgebracht. "Flüssige Folie", erklärt der Experte. Am Boden werde ein einkomponentiger Dichtschlamm aufgebracht und sehr genau verarbeitet. Nur so sei sichergestellt, dass kein Wasser in Boden und Wände eindringen könne.

Strikte Vorgaben in Deutschland

Sehr strikt seien die Vorgaben in Deutschland per Normen geregelt. "Anders als in anderen Ländern." Und sie änderten sich ständig, sodass laufende Schulungen nötig seien. Handwerker aus anderen Ländern hätten oftmals keine Ahnung davon, sagt Cem Kilic. "Hier geht das deutsche Meisterhandwerk verloren und auch deutsche Identität."

Auch das zunehmende Nachwuchsproblem spricht für den Bad Vilbeler für eine Rückkehr zur Meisterpflicht in einigen Bereichen, wie es auch die Handwerkslobby fordert. Weil nur Meisterbetriebe ausbilden dürfen, deren Zahl aber sinkt, fehle verstärkt qualifizierter Nachwuchs. Und viele Meister reduzierten die Ausbildung in der Furcht, Konkurrenten heranzuziehen, wenn sich Gesellen nach der Lehre selbstständig machten.

Azubi eingestellt

Cem Kilic hält das nicht ab: Im vergangenen Jahr hat er seinen ersten Azubi eingestellt. Auch aus der Not heraus: "Der Markt an guten Leuten ist völlig leer gefegt." Käme die Meisterpflicht zurück, wäre dieses Problem für die Fachbetriebe gelöst.

Schäden anderer ausbessern

Über zu wenig Arbeit kann sich der Bad Vilbeler nämlich nicht beschweren. Gerufen wird er oft auch, wenn Geschädigte entdecken, welche Schäden Einzelhandwerker hinterlassen haben. Allein die Gewährleistung sei oft schon ein Problem, weil die Fliesenleger teils später nicht mehr greifbar seien. Architektin Anna Gärtner (29) vom Bad Homburger Büro Bezzenberger will es auf "ihren" Baustellen nie so weit kommen lassen. Sie empfiehlt Bauherren stets, Meisterbetriebe zu beauftragen: "Das gibt ein Stück Sicherheit." Für Bauherr Christian Sagerer (37) ist das selbstverständlich. Cem Kilics Betrieb sei eine Empfehlung gewesen. Die Arbeitsergebnisse lobt Sagerer ebenso wie den Umgang: "Er sagt direkt, was geht und was nicht, das ist mir sehr wichtig."

Wie der Oberurseler entschieden sich immer mehr Bauherren bewusst, spürt der Bad Vilbeler Fachmann: "Die Kunden achten vermehrt auf Qualität und suchen Meisterbetriebe." Die negativen Erfahrungen sprächen sich herum, weiß Cem Kilic. "Und es wird auch viel berichtet über den Pfusch."

Kommentar

Kunden haben den Schaden

Estrich gießen, Fliesen oder Parkett verlegen, ein Kleid schneidern, eine Uhr reparieren: Seit 2004 muss man in Deutschland kein Meister mehr sein, um dies professionell zu tun. Zehntausende Unternehmen entstanden dadurch. Für viele, gute Fachkräfte eine grandiose Chance, sich selbstständig zu machen und erfolgreich im Markt zu bestehen. Das war für den Handwerksmarkt zunächst nicht schlecht. Es hat unter den Meisterbetrieben die guten von den schlechten getrennt. Auf der Strecke blieben jene, die sich auf ihrem alten Status ausruhten und die Zeit verschliefen. Doch der Wegfall der Meisterpflicht für 53 Berufe öffnete leider auch den Pfuschern Tür und Tor. Den Schaden haben jetzt die Kunden, wenn sich das vermeintliche Schnäppchen zum teuren Sanierungsfall entwickelt. Den Schaden haben aber auch jene Unternehmen, die sich weiter das teuer zu unterhaltende Qualitätssiegel des Meisterbetriebs leisten. Während die Regulierung die kleinen, oft kaum gelernten Einzelhandwerker bevorzugt. Ja, die Politik hat mit dem Abschaffen der Meisterpflicht einen großen Erfolg erzielt und viele Arbeitsplätze geschaffen. In diversen Berufen ist das Arbeiten ohne Meisterbrief auch weiter der richtige Weg. Aber eben nicht in allen. Deshalb ist es nun Zeit, Bilanz zu ziehen. Und dort nachzujustieren, wo Entwicklungen einfach falsch gelaufen sind.

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