Wenn auf einmal die Erinnerung fehlt

Das Nichts als Königsdisziplin des Theaters? Regisseurin Mascha Pitz und Schauspieler Peter Albers bringen das Vergessen eines demenzkranken Großvaters eindrucksvoll auf die Bad Vilbeler Bühne. Ein Einblick in aufreibende Proben.

Von JKÖ

Das Nichts als Königsdisziplin des Theaters? Regisseurin Mascha Pitz und Schauspieler Peter Albers bringen das Vergessen eines demenzkranken Großvaters eindrucksvoll auf die Bad Vilbeler Bühne. Ein Einblick in aufreibende Proben.

Wenn Sie Löcher im Kopf haben und sich plötzlich, von einem Moment auf den anderen, an nichts mehr erinnern können, dann ist das körperlich wahnsinnig anstrengend darzustellen." Peter Albers weiß, wovon er spricht: Denn als dementer Großvater Amandus sind es genau diese Löcher im Kopf, die – in hellen Momenten – ihn selbst, vor allem aber seine Familie, umtreiben. Der 60-Jährige lässt daran, auf der Bühne des Theaterkellers mit leerem Blick in die Ferne starrend, keinen Zweifel. Diese Löcher, das Nichts also, sind die Schlüsselmomente in "Honig im Kopf", das im Juni seine Premiere feierte.

Regisseurin Mascha Pitz hat das als Kinofilm bekannt gewordene Stück in Bad Vilbel auf die Bühne gebracht – und gemeinsam mit Albers und dem Team dafür fünf aufreibende Probewochen verbracht. "Honig im Kopf" begleitet Amandus, den seine Alzheimer-Erkrankung zu seinen kindlichen Ursprüngen zurückführt – und seine Enkelin Tilda (Marlene-Sophie Haagen), die ihren geliebten Großvater mit ihrer kindlichen Naivität auf dieser Reise begleitet.

Dass es kein geringerer war als Til Schweiger, der das Stück einst auf die Leinwand brachte, machte für Pitz in der Inszenierung keinen Unterschied zu anderen Stücken. Die 30-Jährige ist bereits im achten Jahr bei den Burgfestspielen dabei, seit fünf Jahren führt sie Regie. Vielmehr hat sie die Brisanz des Themas gereizt: "Es betrifft alle Generationen. Und es ist heute aktueller denn je: Jeder kennt zumindest irgendwen, der selbst betroffen ist, oder hat gar selbst einen dementen Bekannten."

Lachen und traurig sein

Früher sei über das "Ulkigwerden" nur gelacht worden, wissen Pitz und Albers. Heute bringen sie es sensibel auf die Bühne, wenn Großvater Armandus nachts zum Wasserlassen aufwacht und in den Kühlschrank uriniert. "Da liegen Lachen, Nachdenken und Traurigsein nah beieinander."

"So etwas macht man aber nicht mal eben aus der Hosentasche", bringt es Albers auf den Punkt. Für die Hauptrolle hat er Demenzkranke beobachtet, mit ihnen geredet, recherchiert. Wie zeigt man Wut, wenn man den Anlass vergessen hat? Wie zeigt man Vergessen? "Es gibt sicher leichtere Rollen", sagt Albers. "Nach den Proben waren wir jedes Mal fix und fertig, durch die körperliche Anstrengung geradezu nass geschwitzt."

Acht bis neun Stunden pro Tag haben sie über fünf Wochen hinweg geprobt, manchmal so lange, bis ganz ungewollt Löcher im Kopf entstanden sind: "Nach drei Stunden ist man schon völlig fertig", sagt Albers, der zum dritten Mal bei den Burgfestspielen dabei ist. "Dann noch einmal weiter zu proben, erfordert Kraft – lässt aber wieder ganz neue Ideen sprudeln." Vor allem der Austausch mit den anderen Teammitgliedern ist es, der beflügelt. So steckt der Protagonist das Lob für sein Schauspiel nicht allein ein: "Erst im Zusammenspiel mit Marlene, die mich als Tilda durch das ganze Stück trägt, entfaltet sich der Großvater", sagt er.

Die Zusammenarbeit der Generationen hat Proben zu einem besonderen Erlebnis gemacht. "Gerade die verschiedenen Erfahrungen und auch die Reibungen zwischen uns waren es, die die Arbeit so kreativ gemacht haben", loben Albers und Pitz unisono. Für die Regisseurin ist das Gesamtwerk im letzten Schritt Puzzle-Arbeit: So seien Tag für Tag andere Szenen geübt worden, am Ende galt es dann, diese zusammenzufügen.

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