Andrea F. wäre in den letzten Stunden gerne bei ihrer Mutter gewesen. Die Corona-Beschränkungen des Altersheims haben dies verhindert. 	SYMBOLFOTO: DPA
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Andrea F. wäre in den letzten Stunden gerne bei ihrer Mutter gewesen. Die Corona-Beschränkungen des Altersheims haben dies verhindert.

Selbsthilfegruppe gründet sich

Bad Vilbel: Mutter stirbt wegen Corona allein - Tochter gründet Selbsthilfegruppe für Angehörige

  • vonPatrick Eickhoff
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Wer Verwandte hat, die im Alters- oder Pflegeheim leben, sieht sich mit ganz neuen Ängsten konfrontiert. Bei der Bad Vilbeler Bürgeraktive gründet sich eine Gruppe zur Verarbeitung dieser Erlebnisse.

Bad Vilbel - Andrea F. (Name der Redaktion geändert) hätte ihre Mutter gerne noch einmal in den Arm genommen, sie zugedeckt, oder einfach mit ihr geredet. Dazu hatte die 58-jährige Bad Vilbelerin nicht mehr die Möglichkeit. »Woran sie gestorben ist, weiß ich bis heute nicht.«

Mitte September war alles noch in Ordnung. Die 82-jährige Hannelore F. ist körperlich fit und gesellig. »Meine Mutter hat 30 Jahre eine Kneipe in Bad Vilbel gehabt, war ein sehr lebensfroher und kommunikativer Mensch.« Doch wenige Tage nach dem Hannelores Lebensgefährte ins Krankenhaus eingeliefert wird, geht es auch der 82-Jährigen schlagartig schlechter. »Die Entscheidung fiel uns schwer in diesen Zeiten, aber wir sind ins Krankenhaus gefahren.« Dort wird die demente Vilbelerin untersucht: Kein Corona.

Bad Vilbel: Mutter verstirbt, Tochter weiß nicht woran

Ihre Mutter sieht Andrea F. in dieser Zeit nicht. »Ich habe mich nur übers Telefon erkundigen können, wie es ihr geht.« Als die 58-Jährige ihre Mutter nach ein paar Tagen wieder sieht, sitzt sie im Rollstuhl und muss ins Altersheim. »Das war natürlich ein Schock. Die Informationen waren am Telefon nie so, dass man genau wusste, wie es ihr geht.« Im Altersheim gelten im Herbst spezielle Besuchszeiten. Dreimal die Woche für je eine Stunde dürfen Andrea F. und ihre Schwester ihre Mutter sehen. Am 24. Oktober stirbt der Lebensgefährte der 82-Jährigen. »Am nächsten Tag wollte ich zu ihr und mit ihr sprechen. Als ich am Heim ankomme, wird mir gesagt, dass ich meine Mutter nicht sehen dürfe. Wieso, konnte mir keiner so genau erklären.«

Am Tag danach erfährt sie, dass es im Heim Corona-Verdachtsfälle gibt - Besuch verboten. »Ein paar Tage danach habe ich erfahren: Meine Mutter ist coronapositiv, aber symptomfrei. Nur einen Tag später - an einem Sonntag - habe ich einen Notarzt am Telefon, der mir sagt, meine Mutter würde nicht mehr richtig reagieren, aber sie sei außer Lebensgefahr«. Andrea F. entscheidet sich, ihre Mutter nicht ins Krankenhaus fahren zu lassen, schließlich herrsche keine Lebensgefahr. Montags erfährt sie übers Telefon, es gehe ihr ein bisschen besser. Am Dienstag heißt es dann, dass ihre Mutter verstorben sei. »Woran und wieso, weiß ich nicht. Ich frage mich, wie es ihr in den letzten Stunden ging. Wurde sich gut um sie gekümmert? Hatte sie Schmerzen?«

Bad Vilbel: Selbsthilfegruppe „Leben mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie“

Um all das besser verarbeiten zu können, möchte die 58-Jährige bei der Bürgeraktive eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen. Sie soll den Namen »Leben mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie« tragen. »Es soll keine Runde werden, in der sich bemitleidet wird. Es geht darum, Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu helfen. Manchmal reicht ein Gespräch aus.«

Silke Schöck von der Bürgeraktive hat die Idee von Anfang an unterstützt. »Uns erreichen ganz viele Nachrichten von Menschen, die mit diesem Problem zu kämpfen haben. Man gibt all das, worüber man sonst die Kontrolle hat, aus der Hand. Gerade, wo es bei Ausbrüchen in Alters- und Pflegeheimen so ist, dass man seine Eltern oder Großeltern vielleicht gar nicht mehr sieht.« Deshalb sei es wichtig, sich gegenseitig Mut zu machen. »Trau dich ruhig, dich nach deinen Angehörigen zu erkundigen und dich einzusetzen. Es ist wichtig, die Initiative zu ergreifen.«

Bad Vilbel: Keine Corona-Leugner in Selbsthilfegruppe erwünscht

Wichtig sei, dass die Selbsthilfegruppe keine Menschen anspreche, die ihre Erfahrungen als Infizierte darstellen. Außerdem stellt Schöck klar, dass »Corona-Leugner« ebenfalls nicht angesprochen sind. »Man kann Dinge in einem Gespräch sehr gut aufgreifen. Auf ihre gemachten Erfahrungen weisen uns derzeit viele hin.« Andrea F. hofft, dass sich einige melden. »Ich hätte mir, als ich in dieser Situation war, einen oder mehrere Ansprechpartner gewünscht.«

»Der oft unmenschliche Umgang mit Angehörigen in der Begleitung der letzten Lebensphase eines nahestehenden Menschen wurde uns in den letzten Wochen öfter geschildert«, berichtet Silke Schöck von der Bürgeraktive Bad Vilbel. Wer Interesse an der Teilnahme bei der Selbsthilfegruppe »Leben mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie« hat, der meldet sich bei der Selbsthilfekontaktstelle Bürgeraktive Bad Vilbel unter Telefonnummer 0 61 01/13 84 oder per E-Mail unter der Adresse info@ buergeraktive-bad-vilbel.de. (wpa)

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