Sie stellen bei einem Termin den Suchtbericht vor (von links): Hans Peter Krämer, Karbens Bürgermeister Guido Rahn, der Bad Vilbeler Fachdienstleiter Jörg Heinz, Berater Lutz Illhardt und Bad Vilbels Sozialdezernent Jörg-Uwe Hahn.
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Sie stellen bei einem Termin den Suchtbericht vor (von links): Hans Peter Krämer, Karbens Bürgermeister Guido Rahn, der Bad Vilbeler Fachdienstleiter Jörg Heinz, Berater Lutz Illhardt und Bad Vilbels Sozialdezernent Jörg-Uwe Hahn.

Karben/Vilbel: Sucht- und Drogenberater

Wegen Corona mehr Alkoholkonsum

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
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Manche haben es geahnt - die Experten haben konkrete Erkenntnisse: In diesen Krisenzeiten trinken mehr Leute mehr Alkohol. "Die Probleme kommen später", ahnt einer, der es wissen muss. Der Sucht- und Drogenberater für Bad Vilbel und Karben, Lutz Illhardt, hat nun Daten und Fakten vorgestellt. Und in den Statistiken steht der Alkohol ganz oben.

K eine Frage: Infolge der Corona-Pandemie sind viele Menschen in die Krise geraten. Die Angst vor dem Virus, aber auch Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit - die Probleme sind vielfältig. Eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim in Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg hat im Juli gezeigt, dass der Alkoholkonsum bei rund einem Drittel der Erwachsenen seit Beginn der Krise gestiegen ist. 35,5 Prozent der mehr als 3000 Teilnehmenden haben bei einer anonymen Online-Umfrage angegeben, während der Pandemie "mehr oder viel mehr Alkohol" getrunken zu haben als zuvor.

Im Lockdown wird mehr verzockt

Zwar konnten Drogen- und Suchtberater Lutz Illhardt und Hans Peter Krämer, der die Jugendberatung und Jugendhilfe im Wetteraukreis leitet, keine konkreten Zahlen für die Region vorlegen. Aber ihre Beobachtung in den vergangenen Wochen deckt sich durchaus mit den Erkenntnissen der Forscher. "Der Alkoholkonsum ist teilweise sehr hoch", sagt Illhardt. Und Krämer ergänzt, dass sich unter Umständen noch eine ganz andere Suchtproblematik verstärken kann. "Die Leute haben im ersten Lockdown wesentlich mehr gespielt." Sei es das Zocken am Automaten oder online.

Beide sind ins Bad Vilbeler Rathaus gekommen, wo der Berater der "Suchthilfe und Suchtprävention für Bad Vilbel und Karben" seinen jährlichen Bericht präsentiert hat. Der listet zwar die Daten und Fakten für 2019 auf, ist hinsichtlich der Suchtproblematik aber aussagekräftig. Danach ist der Alkohol die stärkste Drogen unter allen. 46 Prozent der 129 in der südlichen Wetterau beratenen Personen griffen so häufig zu Bier, Wein und Schnaps, dass sie süchtig geworden oder bei Polizeikontrollen aufgefallen sind. Cannabis folgt mit 32 Prozent mit weitem Abstand. Opiate, Kokain oder Amphetamin spielen mit Werten von zwei und neun Prozent eine untergeordnete Rolle. Lediglich vier Prozent der Klienten ließen sich wegen pathologischen Spielens beraten.

Wenige Angehörige bei den Gesprächen

Insgesamt führte Illhardt im vergangenen Jahr 504 Beratungsgespräche. Die meisten Süchtigen gab es in den Altersgruppen von 18 bis 21 Jahren, zwischen 27 und 34 Jahren sowie von 35 bis 54 Jahren. Bei den Senioren scheinen Süchte weniger das Problem: Gerade mal ein einziger aus der Gruppe der über 65-Jährigen wurde vom Experten 2019 beraten.

Enttäuschend findet Illhardt, dass nur sehr wenige Angehörige in seine Sprechstunden in den beiden Städten gekommen sind, nämlich gerade mal zehn. Erfreulich hingegen, dass 66 Prozent zu allen Beratungsterminen erschienen seien. 23 Prozent der Klienten seien in andere Einrichtungen vermittelt worden, nur elf Prozent hätten abgebrochen.

Keine Vorfälle bei Dortelweiler Kerb

Die Hälfte der Stelle gilt diesen Beratungen, die andere Hälfte der Prävention. Dazu listet Illhardt in seinem Bericht eine Reihe von Veranstaltungen auf. So ist er, teilweise mit Polizei- und Ordnungsbehördenbegleitung, beim Bad Vilbeler Markt ebenso anwesend gewesen wie beim Karbener Weihnachtsmarkt. An den Schulen veranstaltet er regelmäßig das Programm "Cool sein - cool bleiben", er setzt Suchtprävention für Auszubildende um, und hat auch an einem Stand beim Neubürgerempfang beraten.

Die ständige Präsenz und die aktive Ansprache vor allem Jugendlicher bei Festen wie Kerbveranstaltungen scheint Wirkung zu zeigen. Illhardt lobt, die jugendlichen Besucher hätten sich hinsichtlich Müll und Alkohol "sehr gut" verhalten. So sei im Jahr 2019 der Platz nach der Dortelweiler Kerb sehr aufgeräumt gewesen. Bei sämtlichen Veranstaltungen seien "keine nennenswerten Vorfälle festgestellt worden".

Man darf gespannt sein, wie Illhardts Bericht über 2020 ausfallen wird. Immerhin fand in diesem Jahr kaum eine Veranstaltung statt. Bei krisenbedingter Steigerung des Alkoholkonsums könnten sich aber bald mehr Klienten in den Beratungsstellen einfinden.

Es ist beinahe ein Ritual geworden. Alle Jahre wieder legt Lutz Illhardt seinen Jahresbericht vor. Er informiert anhand von Daten und Tabellen darüber, was er im Vorjahr alles gemacht hat. Sein Bericht ist quasi ein Nachweis gegenüber der Öffentlichkeit und den politisch Verantwortlichen über seine umfangreiche Arbeit. Denn Illhardt steht in Diensten der beiden Städte in der südlichen Wetterau.

Immerhin 80 000 Euro lassen sich Bad Vilbel und Karben die Stelle kosten, der Wetteraukreis gibt eine Spende von 5000 Euro hinzu. pe

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