Zuschauermagnet Therme? Die Verantwortlichen rechnen mit 1,3 Millionen Besuchern pro Jahr. Die Grünen sind der Meinung, dass sei zu hoch geschätzt. ANIMATION: THERMENGRUPPE WUND-STIFTUNG
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Zuschauermagnet Therme? Die Verantwortlichen rechnen mit 1,3 Millionen Besuchern pro Jahr. Die Grünen sind der Meinung, dass sei zu hoch geschätzt. ANIMATION: THERMENGRUPPE WUND-STIFTUNG

200-Millionen-Euro-Projekt

Bad Vilbeler Therme: Geht die Stadt zu viel Risiko?

  • vonPatrick Eickhoff
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Das 200-Millionen-Euro-Projekt Therme hat Bad Vilbels Stadtverordnete hitzig diskutieren lassen. Die Grünen hätten das Projekt gerne gestoppt, die CDU berichtete von den Vorteilen des Bades.

Hat sich die Stadt mit derTherme zu viel zugemutet? In der Stadtverordnetenversammlung kam es zu heftigen Diskussionen darüber. Größter Kritikpunkt: die Finanzierung. Am Ende stimmten CDU, FDP, FW den Eckdaten, auf deren Grundlage jetzt die Verträge geschlossen werden sollen, zu. Die Grünen lehnten ab. Bei einer Enthaltung stimmten je zwei SPD-Stadtverordnete dafür und zwei dagegen.

Den Anfang einer sehr langen Diskussion machte Stadtwerke-Geschäftsführer und Stadtrat Klaus Minkel (CDU). Er griff die Entwicklung des Projektes auf, das die Stadt und ihn bereits seit vielen Jahren begleitet. Die Einreichung des Bauantrags stehe kurz bevor. "Jetzt wissen wir, wohin die Reise geht." Denn die Eckdaten des Rahmenvertrages stehen, und im Kern "konnte der frühere sehr günstige Verhandlungsstand erhalten bleiben".

Therme Bad Vilbel: Grüne fragen nach Glaubwürdigkeit

Das Projekt, das Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU) in einer ersten Einschätzung im Jahr 2011 auf rund 50 Millionen Euro beziffert hatte, ist inzwischen auf 200 Millionen Euro angewachsen. Die Pläne sind einige Male verändert worden. Sollte die Therme anfangs von der Wund-Gruppe gebaut werden, haben sich infolge des tragischen Todes des Firmeninhabers Josef Wund etliche Rahmenbedingungen geändert. Dann kam die Corona-Pandemie hinzu.

Die Forderung der Stadt, dass die Gruppe das Defizit des entstehenden Kommunalbades - schätzungsweise 800 000 Euro - mitträgt, sei laut Minkel ebenso ein enormer Vorteil wie das feste Nutzungsentgelt von zwei Millionen Euro. Minkel erläuterte, dass man mit 1,3 Millionen Besuchern pro Jahr rechne. Das bringe nach wenigen Jahren 4,5 Millionen Euro. Bei 1,5 Millionen Besuchern würden gar 5,5 Millionen Euro erreicht.

Dieser Argumentation folgten nicht alle Parteien. Die Grünen hatten bereits nach dem Haupt- und Finanzausschuss in einer Pressemitteilung den sofortigen Ausstieg aus den Verhandlungen gefordert. Fraktionsvorsitzender Jens Matthias sagte: "Die Entscheidung ist uns definitiv nicht leichtgefallen." Positiv zu erwähnen sei, dass der Eintrittspreis fürs Kommunalbad mit 3,50 Euro pro Erwachsenem sehr günstig sei.

Therme Bad Vilbel: Deutliche Kritik am Großprojekt

Doch Matthias fand auch deutliche Kritikpunkte am Großprojekt. "Die Rahmenbedingungen haben sich immer weiter verschoben und verschlechtert. Jedes Mal wurde wieder erzählt, wie toll das ganze Projekt ist. Die Frage ist, wie glaubwürdig ist das Ganze noch?"

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen kam auf die wirtschaftlichen Eckpunkte zu sprechen. Es werde mit zu hohen Besucherzahlen gerechnet. "Wenn sie eine Pizzeria mit insgesamt 35 Plätzen aufmachen und sie gehen zur Bank und sagen, es werden immer 33 Plätze belegt sein. Das finanziert ihnen niemand." Es liege nach wie vor keine Finanzierungsvorlage vor. Es sei naiv, zu glauben, dass trotz Corona jährlich 1,3 bis 1,5 Millionen Besucher den Weg in diese Therme finden.

Christian Kühl, Fraktionsvorsitzender der SPD, sagte, dass es schon Grund genug sei, die Vorlage abzulehnen, da er bis heute weder die Namen der Vertragspartner, "geschweige denn einen von ihnen persönlich kenne". Das Hauptanliegen der Sozialdemokraten sei jedoch, dass die Stadt endlich wieder ein Hallenbad bekomme. Klar sei, dass diese Vorlage eine Verschlechterung für die Stadt sei, "bezogen auf die Zahlen, die uns noch vor Jahresfrist vorgelegt wurden", sagt Kühl. Jedoch nutze es nichts, dies zu bedauern. "Die vorherigen Vereinbarungen existieren nicht mehr, und einen anderen Investor, der uns ein besseres Angebot macht, wird es nicht geben."

Therme Bad Vilbel: Schulen erhalten vier Bahnen an fünf Tagen

Jens Matthias hatte zuvor angeregt, dass der sachliche Blick auf die Finanzen und auf die Belastung für die Stadt fehle. "Auf einem Teil des Areals könnte statt der Therme ein kommunales Schwimmbad gebaut werden. Dies kostet vielleicht 10 bis 15 Millionen Euro und wäre vollkommen ausreichend." Jetzt solle das Geld in ein gewagtes Großprojekt gesteckt werden, ohne zusätzlichen Nutzen für die Stadt. "Oder glaubt wirklich jemand, dass die Badegäste nachdem sie pro Familie 150 bis 200 Euro in der Therme gelassen haben, noch zum Einkaufen in die Innenstadt kommen oder einen Abend in der Burg verbringen?" Es gebe viele Dinge, die unklar seien. "Hoffentlich haben wir das im Griff und wundern uns nicht in zehn Jahren über die Inhalte der Verträge."

Die Fraktionsvorsitzende der CDU, Irene Utter, lobte zunächst die Pläne fürs Kommunalbad. "Die Schulen erhalten vier Bahnen an fünf Tagen die Woche." Die Idee, einfach nur ein Bad zu bauen, sei viel teurer als von den Grünen gerechnet. "Sie wollen Emotionen schüren. Deshalb benutzen Sie auch Begriffe wie ›Freizeitmonster‹." Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU) sprach von der Chance auf eines der modernsten und schönsten Bäder. "Darauf sollten wir stolz sein und nicht in Depression verfallen."

Therme Bad Vilbel: Minkel: Bedenken hintenanstellen

Christopher Mallmann von den Grünen ging noch mal auf die Finanzierung des Projektes ein. "Müsste es nicht selbstverständlich sein, eine Bonitätsauskunft zum Partner eines so bedeuteten Projekts vorzulegen? Die Zweifel daran, ob dem Investor die Finanzierung gelingen wird, bestehen." Die Sorge sei, dass die Beträge, mit denen die Stadt sich engagiert, immer höher würden. "In einer Branche, die durch eine Pandemie nach drei Monaten an der Insolvenz schrammt, sollte eine Stadt nicht die Realsteuern mehrerer Jahre investieren." Er fragte: "Was hat die Stadt unternommen, um sich von der Fähigkeit zu überzeugen, eine Finanzierung zu erhalten? Was ist Ihnen gezeigt worden?"

Das beantwortete Stadtrat Minkel (CDU) nicht gänzlich. Mallmann solle keine Nebelkerzen werfen, denn die Zahlung der Stadtwerke sei von einer Bank verbürgt, und das sei logischerweise auf Herz und Nieren geprüft worden. Es sei eine alte Leier der Grünen in Bad Vilbel, als "Spaßbremse" aufzutreten. "Es gibt keinen Grund, gegen das Projekt zu sein. Es wäre ein schwerer Schaden für die Stadt, wenn wir das nicht realisieren können." Er appellierte: "Stellen Sie ihre Bedenken hintenan."

Dass die Meinungen in der Stadtverordnetenversammlung weit auseinandergingen, das merkten nicht nur die zahlreichen anwesenden Gäste. SPD-Fraktionsvorsitzender Christian Kühl informierte, dass auch in seiner Partei intensiv diskutiert wurde. "Meinungen und Stimmungen können sich innerhalb von acht Jahren ändern. Die Zahl derjenigen, die in unserer Fraktion die Ansiedlung der Therme als Gewinn betrachten, vor allem in finanzieller Hinsicht, hält sich mit denen die Waage, die, ebenfalls aus guten Gründen, nicht mehr zustimmen können." Deshalb werde man nicht einheitlich als Fraktion abstimmen. Das sorgte für erstaunte Blicke der anderen Parteien. "Die Ansiedlung der Therme hat in den vergangenen Jahren mehrere Wendungen genommen, genau wie die Stadt eine Entwicklung genommen hat, die vor ein paar Jahren so noch nicht abzusehen gewesen ist." In all den Jahren habe sich bei einigen Mitgliedern die Skepsis immer mehr erhöht.

Aus diesem Grund habe man die Abstimmung freigegeben. "Wir wollen der Öffentlichkeit nicht vorgaukeln, dass wir bezüglich der Ansiedlung immer noch einer Meinung sind. Befürworter der Therme haben aus unserer Sicht genauso gute Argumente wie jene, deren Bauchschmerzen überwiegen." Und so teilten sich anschließend auch die Stimmen auf. Bei einer Enthaltung stimmten zwei SPD-Stadtverordnete dafür und zwei dagegen. wpa

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