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Die Sortierer der Bad Vilbeler Tafel bringen Ordnung in die Auslage.

Bad Vilbeler Tafel

Bad Vilbeler Tafel: In den Laster statt in die Tonne

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Mittwochs um 7 Uhr geht es auf die Straße. Dann klappern die Fahrer der Tafel mit ihrem Sprinter die örtlichen Supermärkte ab Für die Bedürftigen nehmen die Helfer den Knochenjob gern auf sich.

Verwundert zieht Hans-Werner Opitz die Augenbrauen nach oben, als er die Klappe zur Ladefläche des weißen Kleinlasters aufreißt und das Thermometer hineinsteckt. 10,4 Grad zeigt das Display an. Sechs Grad wären ideal. "Der neue Wagen ist größer. Der kühlt langsamer runter", murmelt der 78-Jährige dann und deponiert das gelbe Gerät wieder im Handschuhfach. Es ist erst das zweite Mal, dass Opitz mit dem geräumigen Mercedes unterwegs ist, seit die Bad Vilbeler Tafel diesen vor einigen Wochen angeschafft hat. Der Sprinter ist eine Sonderanfertigung mit Kühlraum im Heck. Jetzt, gegen 9.20 Uhr, stapeln sich darin grüne Kunststoffkisten mit Paprikas, Aprikosen und Bananen.

Hans-Werner Opitz (l.) und Harald Spahn sind bei der Bad Vilbeler Tafel ein eingespieltes Team.

"Die Kühlkette soll nicht abreißen", erklärt Opitz, als sein Kollege Harald Spahn gerade mit einem Netz verdorbener Zitronen in der Hand von der Rampe hinter dem Dortelweiler Brunnencenter herunterklettert. Die guten hat er aussortiert, die schlechten schafft er dorthin, wo sie sowieso gelandet wären: In den Abfall. Für wen das Duo im Einsatz ist, ist an ihren schwarzen T-Shirts unschwer zu erkennen: Orange prangt darauf der Schriftzug der Tafel. Ein Erkennungszeichen brauchen die beiden aber eigentlich nicht. Bei den örtlichen Lebensmittelläden kennt man sie. Seit Jahren fahren sie einmal in der Woche kreuz und quer durch die Stadt, um Waren aufzulesen, die die Händler loswerden wollen oder müssen - und die andere noch gebrauchen können. Obst, Gemüse, Wurst, Backwaren und Milchprodukte, aber manchmal auch Klopapier oder Tischdecken werden an die Tafel gespendet. 

Rund 200 Abholer gemeldet

Rund 200 Abholer sind bei der Vilbeler Tafel gemeldet. Doppelt so viele Menschen profitieren von dem Angebot. Viele der Bedürftigen haben Familie. Gegen einen symbolischen Beitrag, ein oder zwei Euro, kann sich je eine Hälfte der Kundschaft im Zwei-Wochen-Rhythmus in der Ritterstraße 34 mit Waren eindecken, die sie sich sonst kaum leisten könnten. Opitz und Spahn gehören zu den 54 Ehrenamtlern, ohne die es das Hilfsangebot nicht geben könnte. Vier weitere Fahrer für den Tafel-Transporter gibt es, bis zu 36 Touren fahren sie wöchentlich. Jedem Paar gehört eine feste Route und ein Wochentag. Der Ex-Maschinenbauingenieur und der ehemalige Telefontechniker sind immer mittwochs dran. Um 7 Uhr starten sie auf die erste von drei Runden.

"Wir kennen uns seit acht Jahren", sagt Opitz und klemmt sich hinters Steuer. "Da klappt die Arbeit fast wortlos." Spahn nickt und kramt ein Büchlein heraus, in das er einträgt, dass sie 50 Kilo in Dortelweil mitgenommen haben. Eine moderate Ausbeute, keine 15 Minuten waren sie mit dem Einladen beschäftigt. Auf ihrer morgendlichen Runde, bei der sie die Bauernhöfe abklappern, hätten sie manchmal auf einen Schlag 100 Kilogramm zu verladen, sagen sie.

Opitz seit der Gründung dabei

Es ist ein Knochenjob für die Rentner, die losziehen, um die schweren Kisten zu schleppen, ob es stürmt oder schneit, und denen jetzt in der Sommerschwüle schon nach dem ersten Stopp der Schweiß auf der Stirn steht. "Wenn ich mittags heimkomme, muss ich immer aufpassen, nicht sofort einzuschlafen", frotzelt Spahn. Seit acht Jahren hilft der 67-Jährige bei der Lebensmittelausgabe mit, obwohl er in Büdesheim wohnt. Opitz ist seit der Gründung 2008 dabei.

Opitz lenkt den Sprinter auf den Hof der Bäckerei Rumpf. Die Türen gehen auf, der Tafel-Trupp springt heraus, eine halbe Minute später rumpelt es im Kühlraum. Dann auf zur nächsten Station - im Gepäck Tüten voller Brot und Brötchen. "Die Zusammenarbeit mit den Läden funktioniert hervorragend", sagt Opitz. "Es steht fast immer alles bereit und wir müssen es nur noch mitnehmen."

25 Märkte spenden

25 Märkte in und um Bad Vilbel spenden für die Tafel. Darunter Supermärkte, Metzgereien, Bäcker und Bauernhöfe. Gegen 10 Uhr haben die beiden Männer den halben Arbeitstag hinter sich. In vier Stunden muss alles in der Tafel bereitliegen, dann kommen die ersten Kunden. Eine weitere Runde auf den Heilsberg müssen die Fahrer bis dahin absolviert haben. Aber aus der Ruhe bringen lassen Opitz und Spahn sich nicht.

Ab und an müssen die Ehrenamtler sich auch ausweisen, erzählen sie. Genügend Tunichtgute haben mit dem guten Namen der Tafel schon Schindluder getrieben und beispielsweise die Spenden-Bons, die man am Pfandautomaten für karitative Zwecke dalassen kann, eingesackt. Bei den echten Helfern sorgt das nur für Kopfschütteln. Sie sind auf Spenden angewiesen. Ohne diese wären die knapp 40 000 Euro für den neuen Sprinter nicht machbar gewesen.

90 Tonnen transportiert

Letzte Station, Innenstadt, Metzger Lukarsch. Während Opitz am Straßenrand wartet, spurtet Spahn in den Laden. Jetzt wollen sie sich doch noch etwas beeilen, sagen sie. Die Sortierer warten, sie wollen heim. Die Ausgabe selbst übernimmt eine zweite Schicht. Auch für die Fahrer ist um die Mittagszeit meist Feierabend. Eingedeckt mit Wurst geht es also zurück zur Basis. 90 Tonnen Lebensmittel hat die Bad Vilbeler Tafel 2018 eingesammelt. "Nach all der Zeit ist es immer noch erschreckend, wie viel weggeworfen wird", sagt Spahn.

"Für uns war das wegen der kleinen Menge eher ein Spaziergang heute", stellt er fest. Schnell ist die Fuhre aus dem Sprinter geräumt und dessen Fahrer machen sich auf, zur nächsten Tour. Eine alte Frau, die es selbst nicht mehr zu Tafel schafft, wollen sie nachher auch noch beliefern. Richtig verabschieden kann sich Opitz aber nicht ohne eine Erkenntnis, die er aus dem Kühlraum heraus ruft: "Jetzt zeigt das Thermometer tatsächlich sechs Grad."

Noch Plätze frei, Helfer willkommen

Die Tafel hat noch wenige Kundenplätze frei. Eine Warteliste gibt es nicht mehr. Details zu den Voraussetzungen, wie der Einkommensgrenze, gibt es unter Telefon 0 61 01/80 27 272 oder per E-Mail an tafel@nachbarschaftshilfe-bv.de. Das Büro der Tafel in der Ritterstraße 34 ist mittwochs von 9 bis 12 Uhr besetzt.

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