Dieser Barkas B1000-Bus, Baujahr 1983, ist eines der jüngsten Exponate des Sammlers Burkhard Fiebig. Damit ist die Volkspolizei in Cottbus unterwegs gewesen. FOTO: CHRISTINE FAUERBACH
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Dieser Barkas B1000-Bus, Baujahr 1983, ist eines der jüngsten Exponate des Sammlers Burkhard Fiebig. Damit ist die Volkspolizei in Cottbus unterwegs gewesen. FOTO: CHRISTINE FAUERBACH

Erinnerung zum Anfassen

Bad Vilbeler sammelt Geschichten zu DDR-Gegenständen

  • vonChristine Fauerbach
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Der Bad Vilbeler Burkhard Fiebig legt mit "Sammel-Zone" ein Buch zu seiner privaten DDR-Ausstellung mit 1000 Exponaten vor. Er sammelt nicht nur Dinge, sondern auch die Geschichten dazu.

Es gab alles in der DDR, nur nicht immer, nicht überall und schon gar nicht, wenn es gerade gebraucht wurde", sagt der Volksmund und beschreibt damit treffend den wirtschaftlichen Mangel an Konsumgütern. In seinem Buch "Sammel-Zone", dessen Untertitel "Innerdeutsche Grenze, DDR-Alltag, DDR-Design" lautet, hat der Bad Vilbeler Burkhard Fiebig ein wichtiges Dokument vorgelegt. Das Buch veranschaulicht und vertieft seine private, rund 1000 Exponate umfassende DDR-Ausstellung mit vielen Fotos, Recherchen und Herkunftsgeschichten.

Die Schwerpunkte der Fiebig-Sammlung bilden die Themen Grenze, Plattenbau und Alltag sowie DDR-Design, Sammeln und Katalogisieren. Bereits in seinem ersten Buch mit dem Titel "Ab durch die Mitte", indem Fiebig seine 1300 Kilometer lange Grenzwanderung mitten durch das Herz Deutschlands mit seinen Lesern teilt, hält der Autor und Sammler die Erinnerungen an die "Ostzone" wach.

Beklemmende Erinnerungen

Geboren ist Burkhard Fiebig 1956 in Frankfurt am Main. Aufgewachsen ist er in Bad Vilbel, wo er bis heute arbeitet und mit seiner Familie lebt. Sein Interesse am "anderen Teil" Deutschlands ist familiär bedingt. "Mein Vater kam aus Dresden, meine Mutter aus Leipzig, und geheiratet haben sie in Berlin. Noch vor dem Mauerbau am 13. August 1961 sind sie in den Westen gegangen. Großeltern, Onkel und Tanten, die Cousinen und Cousins wollten nachkommen. Doch daraus wurde durch die innerdeutsche Grenze nichts."

Aus diesem Grund verbrachte Familie Fiebig die Ferien stets in der "Zone" bei den Verwandten. Reisen aus der ehemaligen DDR in den Westen konnten nur Rentner. "Da die meisten Verwandten noch zu jung waren, fuhren wir also nach Dresden und Leipzig, um die Verbindung zur Großfamilie lebendig zu halten."

Zu den beklemmenden Erinnerungen gehören das Passieren der Grenze in Gerstungen oder Herleshausen. "Sie waren jedes Mal mit Angst behaftet. Die gnadenlosen Durchsuchungen, die kalten Befehle, der arrogante Ton der DDR-Grenzer und die hilflosen Blicke der Reisenden lassen noch heute in mir eine unbehagliche Stimmung aufkommen, angesiedelt zwischen Ohnmacht und Wut", sagt Fiebig.

Kontakt zur Familie im Osten ist nie abgerissen

Die west-östlichen Familienbande konnten weder die Teilung, die Grenze, der Kalte Krieg und schon gar nicht die Besucher schikanierenden Grenzer und Beamten zerstören. "Unser Kontakt ist nie abgerissen." Dank Visum, Zwangsumtausch, dem Eintragen der Besuchsadresse, dem An- und Abmelden bei Ein- und Ausreise bei der Volkspolizei, "konnte man in der DDR nicht verloren gehen". Und begründeten das Interesse von Burkhard Fiebig an der "jungen deutschen Geschichte".

Den Grundstock für Fiebigs Sammlung legten seine Eltern. Sie kauften für das umgetauschte Geld Spielsachen wie Baukästen oder Fußbälle für die beiden Söhne. Bei der Räumung des Elternhauses 1998 in Bad Vilbel stellte der Sohn fest, dass ganz viele Dinge aus der DDR waren. Angefangen von der Küchenuhr und Meißner Porzellan über den Wodka und Flaschenöffner in der Bar bis zum Räuchermännchen und der Weihnachtspyramide. "Bei der Beschäftigung mit den Sachen habe ich bemerkt, dass es ganz tolles DDR-Design gab. Und ich stellte fest, das Großversandhäuser viele DDR-Waren wie technische Geräte von Universum, Praktika-Kameras oder Nylon-Kittelschürzen verkauften. Auch Ikea hat in der DDR das Holz für seine Möbel anfertigen lassen. Das Ergebnis war: Wenn der Westen Waren kaufte, gehörten diese in der DDR zu den Mangelwaren."

Auf ihren Trabi mussten die Bürger zehn bis 14 Jahre warten. Erschwert wurde die Arbeit der Designer, die in der DDR "Formgestalter" hießen, dadurch, dass die SED-Führung alles absegnen musste.

Besucher erkennen Vieles wieder

Der Wiedererkennungswert ist bei vielen Besuchern beim Gang durch die Ausstellung groß, berichtet Fiebig. Das Buch zur Ausstellung entstand während der coronabedingten Ausgangssperre. "Ich habe Fotos von meinen Exponaten gemacht und ihre Geschichte recherchiert. Dabei habe ich viel über die Teilung unseres Landes und die Entwicklung der beiden deutschen Staaten gelernt."

Das Anliegen von Fiebig ist es, durch Zeitzeugnisse aufzuklären, eine Gesprächskultur auf Augenhöhe anzustoßen und Erinnerungen zum Anfassen zu bieten. Im Vorwort zum Buch zitiert er Willy Brandt: "Auf beiden deutschen Seiten haben Menschen gelebt mit Bedürfnissen, Empfindungen und Errungenschaften. Die es wert sind, respektiert und akzeptiert zu werden. Beide deutsche Staaten haben ihren Platz in der Geschichte und es tut sicherlich gut, nicht auf Bewertungen wie Siegermacht und Unrechtsstaat zu bestehen oder Etikettierungen vorzunehmen. Erst dann kann zusammenwachsen, was zusammengehört!"

Das Buch "Sammel-Zone - Eine Wanderung durch meine private DDR-Ausstellung mit vielen Fotos, Recherchen und Herkunftsgeschichten" von Burkhard Fiebig umfasst 130 Seiten. Erhältlich ist es für 6,95 Euro; ISBN 9 783000 659218. Wer sich seine Ausstellung im Kellermuseum, die er anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der deutschen Wiedervereinigung eröffnete, ansehen möchte, kann einen Termin telefonisch unter 0 61 01/13 04 oder per E-Mail an die Adresse fiebig@sammellust-grenzerfahrung.de vereinbaren. Zusätzliche Informationen gibt es auf Fiebigs Homepage unter www.sammellust-grenzerfahrung.de. cf

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