Interesse an Instrument und Handwerk: Markus Nestele lässt sich in Friedberg zum Klavierbauer ausbilden.	FOTO: NICI MERZ
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Interesse an Instrument und Handwerk: Markus Nestele lässt sich in Friedberg zum Klavierbauer ausbilden. FOTO: NICI MERZ

Klavierbauer-Handwerk

Vilbeler Markus Nestele zieht andere Saiten auf

  • Rüdiger Geis
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Fröhlich, flott oder auch melancholisch: Ein Klavier zaubert Stimmungen hervor, weckt Gefühle, lässt einen träumen. Dafür braucht das Instrument selbst aber auch die richtige Stimmung. Eine Aufgabe für einen Klavierbauer. Der in Bad Vilbel lebende Markus Nestele lernt dieses traditionelle Handwerk.

Man müsste Klavier spielen können«, wusste schon der legendäre Schauspieler und Tenor Johannes Heesters. Für Markus Nestele könnte man abgewandelt sagen: Man muss ein Klavier stimmen können. Denn der 28-Jährige gebürtige Nidderauer, der in Bad Vilbel lebt, macht zurzeit in Friedberg eine Ausbildung zum Klavierbauer. Wenn er also andere Saiten aufzieht, hat dies eher eine Stimmungsverbesserung zur Folge, als es die bekannte umgangssprachliche Redewendung nahelegt. Obwohl sich in beiden Fällen der Ton ändert.

Wie kam er zu diesem traditionellen Handwerk? »Mein Großvater war Schreiner, und ich war schon immer fasziniert von seiner Fähigkeit, Dinge mit seinen Händen herstellen zu können«, sagt Nestele. Allerdings galt seine erste Leidenschaft der Filmmusik. Deshalb studierte er Komposition für Film und Fernsehen und arbeitet selbstständig als Filmmusikkomponist.

Faszination des Handwerks

Die Faszination des Handwerks habe ihn aber nie losgelassen: »Dann habe ich die kleine Klavierbauwerkstatt Piano Palme ganz in der Nähe von mir, in Friedberg, gefunden und war noch mehr fasziniert.« Passend, denn sein erstes Instrument überhaupt war das Klavier bzw. das Keyboard seiner Schwester: »Ich habe immer mal drauf rumgedrückt, und als meine Schwester Klarinette lernen wollte hab ich’s mir geschnappt«, schmunzelt Nestele. Sein liebstes Instrument neben dem Klavier ist die Ukulele. Außerdem spielt er Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Die Aufgaben eines Klavierbauers sind vielfältig. In seiner Ausbildung repariert und restauriert er viele Instrumente: kleine Schäden am Lack, Risse im Resonanzboden, lockere Stegstifte, eine durchgespielte Tastatur oder eine nicht mehr sauber laufende Mechanik sein.

Auch wie man ein Klavier stimmt, lerne man. »Das spannende sind die vielen Kontraste in der Arbeit. Von der Feinarbeit an der Mechanik bis hin zum wuchtigen Einschlagen der Stimmwirbel mit dem Eisenhammer«, erklärt er. Stimmwirbel dienen zum Aufrollen der Saiten.

Ein Teil der Ausbildung findet blockweise in der Berufsschule in Ludwigsburg statt. Dort werden theoretische Kenntnisse über Akustik, Stilkunde und alles über die Bearbeitung von Holz vermittelt. Es gibt in seinem Ausbildungsbetrieb aber auch eine hauseigene Werkstatt, in der Maschinenkunde gelehrt und Arbeitsproben erstellt werden. Wichtig für den Beruf des Klavierbauers sei ein Interesse am Instrument, an dessen Geschichte und natürlich am Handwerk. »Man muss kein Klavier spielen können. Ein absolutes Gehör, um ein Klavier zu stimmen braucht man auch nicht«, meint er. Ein Vorteil ist es aber sicher schon, das Instrument auch zu beherrschen.

Filmmusik und das Handwerk lassen sich nach seinen Erfahrungen »super ergänzen«. Was man am wenigsten in einer Klavierbauwerkstatt höre, sei jemand, der Klavier spielt. Dafür höre man Töne und Geräusche, die man als Pianist oder Komponist niemals mit seinem Instrument machen würde. »Das erste was ich bei meinem Praktikum gehört habe war eine Gesellin, die die Basssaiten eines Klaviers mit Schleifvlies von Rost befreite. Es klang wie zehn Horrorfilme auf einmal«, sagt er.

Hammerschläge auf den Stimmstock - hier sind die Stimmwirbel befestigt - beim Beziehen des Instruments, durchgeschnittene Saiten oder das Befestigen der Rippen am Resonanzboden seien alles einzigartige Geräusche. »Auch die Arbeitsschritte bei der Regulierung der Mechanik klingen wie ein John-Cage-Stück für präpariertes Piano. Es ist erstaunlich, wie musikalisch ein Klavier ohne Saiten sein kann. Mein akustischer Horizont wurde auf jeden Fall erweitert.«

Sein bisheriges Highlight in der Ausbildung war die Restaurierung und Reparatur eines Broadwood-Flügels aus dem Jahr 1817. »Broadwood war der Lieblingsklavierbauer von Ludwig van Beethoven, und es war eine sehr schöne Zeitreise, sowohl musikalisch als auch handwerklich«, sagt der 28-Jährige. Nach der finalen Stimmung wurde der Flügel stilgerecht eingeweiht - natürlich mit einem Beethoven-Stück.

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