Baustelle auf der Kläranlage der Stadt Bad Vilbel: Bis zum Frühjahr 2021 wird die Anlage erweitert. FOTO: HOLGER PEGELOW
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Baustelle auf der Kläranlage der Stadt Bad Vilbel: Bis zum Frühjahr 2021 wird die Anlage erweitert. FOTO: HOLGER PEGELOW

Deammonifikationsanlage

Bad Vilbeler Kläranlage: Bakterien bauen künftig Stickstoff ab

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
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Auf dem Gelände der Kläranlage im Süden Bad Vilbels sind Bauarbeiten im Gange. Bei laufendem Betrieb lässt die Stadt dort eine Anlage zur Deammonifikation einbauen. Das hat es damit auf sich.

Die riesige Baumaschine krallt sich einen der stählernen Rammpfähle und beginnt ihre Arbeit. Zunächst vibriert es nur ganz leicht, ist zu Beginn sogar leise. Dann wird es immer lauter, einige der Umstehenden halten sich sogar die Ohren zu. Das Erdreich vibriert, die ersten Funken sprühen. Dann wird der Pfahl langsam nach oben gezogen. Die Baumaschine hievt das 16,50 Meter lange Teil komplett aus dem Erdreich, um 90 Grad herum, um es dann neben sich auf die Zufahrtsstraße zum Betriebsgebäude zu legen. Ort des lautstarken Vorgang ist die Kläranlage der Stadt Bad Vilbel. Dort geht es seit Herbst rund, denn es entsteht eine neue Anlage.

Die Pfähle sind in eine Baugrube hineingerammt worden, um eine Bodenplatte gießen zu können. Denn die Anlage zur Prozesswasserbehandlung wird aus zwei baugleichen Speicherbecken, einen weiteren Becken und einem Maschinengebäude bestehen. Die vier Teile werden ab dem Frühjahr 2021 die sogenannte Deammonifikationsanlage bilden. Kurz erklärt ist das eine Anlage zur Reduzierung des Stickstoffgehalts im sogenannten Prozesswasser. Das entsteht, weil die Stadt ihre Schlammentwässerung im Jahr 2010 auf Zentrifugentechnik umgestellt hat. Seitdem fallen zusätzliche Mengen an Zentrat an, auch Prozesswasser genannt. Da dieses aber einen hohen Stickstoffanteil aufweist, muss dieser reduziert werden. Das soll die neue Deammonifikationsanlage leisten. Jahrelang sind die seit September laufenden Arbeiten vorbereitet worden. Dazu gehörte die Besichtigung der Kläranlage in Heidelberg. Der Fachdienstleiter Tiefbau/Abwasser, Matthias Bremer, war zusammen mit Olaf Brune vom Planungsbüro Werner Hartwig zur Referenzanlage gefahren. Die arbeitet bereits seit 2009 mit einer derartigen Stufe zur Deammonifikatin, wie sie nun in Bad Vilbel eingebaut wird.

Der dortige Abwasserzweckverband hat die Anlage für über vier Millionen Euro errichtet. Bei der Deammonifikation handelt es sich um ein biologisches Verfahren zur Behandlung hoch stickstoffhaltiger Prozesswässer, die bei der Entwässerung von Klärschlamm anfallen.

Reinigung ohne Kohlenstoff

Diese Wasser waren zuvor wieder in den Kläranlagenzulauf eingeleitet und im Großklärwerk gereinigt worden. Um die hohen Stickstoffanteile entfernen zu können, hätte der Zweckverband aber hohe Mengen an Kohlenstoff einleiten müssen. Das alternative Deammonifikationsverfahren arbeitet jedoch ohne Kohlenstoff. Vielmehr sorgen spezielle Bakterien für den Abbau des Stickstoffs. Letztlich bedeutet das eine Einsparung an Kohlendioxid. Zudem sinkt der Energieverbrauch gegenüber den herkömmlichen Verfahren, erfuhren die Besucher.

Die neue Anlage in Bad Vilbel, die unter laufendem Betrieb eingebaut wird, besteht aus zwei baugleichen Speicherbecken von je 300 Kubikmetern Inhalt, einem Becken zur Deammonifikation mit 162 Kubikmetern Inhalt und einem Maschinengebäude für die Aggregate der Beckenbelüfter, die Rührwerke sowie die Pumpen für die Beschickung und Leerung der Becken. "Das ist das Herzstück der Anlage", erklären Olaf Brune und Ibrahim Cicek, der stellvertretende Betriebsleiter der Kläranlage. Bremer macht deutlich, dass sich die Anlage in den Kreislauf der gesamten Kläranlage einfügen werde und zu einer erheblichen Reduzierung der Stickstoffe im zu reinigenden Abwasser führen werde.

Die Beteiligten betonen, dass das Verfahren keinerlei Chemie-Einsatz bedeutet. Es steigere zudem die Reinigungsleistung der Anlage. "Und die Anlage arbeitet wirtschaftlicher", sagt Peter Büttner vom Fachdienst Tiefbau.

Wenig Platz und viele Leitungen

Drei Firmen aus Bingen, Aschaffenburg und Fulda haben die Aufträge zur Errichtung der rund vier Millionen Euro teuren Anlage erhalten. Die Arbeiten bedingen ständige Absprachen zwischen den Beteiligten. "Zumal hier der Platz knapp ist und im Erdreich viele Leitungen liegen", machen die Beteiligten die komplizierte Baustelle deutlich. Auch während des Baus könne es zu kleineren Änderungen kommen. So habe die bauausführende Firma Sonntag eine Idee, das Ingenieurbüro prüfe diese dann.

Gebaut wird auch im Winter. Denn sowohl der Rohrleitungsbau als auch der Erdaushub seien sogar bei Frost möglich. Bislang aber hat das Thermometer kaum einmal weniger als null Grad gezeigt.

Für 89 000 Einwohner ausgelegt

Die Kläranlage ist für 89 000 Einwohnerwerte ausgelegt. Sie klärt die Abwasser der Bad Vilbeler Haushalte sowie der Haushalte des Frankfurter Stadtteils Nieder-Erlenbach. Der Vorfluter der Kläranlage ist die Nidda, die in rund 20 Metern Entfernung zum Kläranlagengelände verläuft. Der Vorgang der Abwasserklärung ist kompliziert. Die Stadt Bad Vilbel hat auf ihrer Homepage die Abläufe schematisch und mit ausführlichen Erläuterungen dargestellt. Dort gibt es Daten und Fakten etwa zur Größe der Klärbecken und zu den technischen Einrichtungen.

Die Kläranlage ist für 89 000 Einwohnerwerte ausgelegt. Sie klärt die Abwasser der Bad Vilbeler Haushalte sowie der Haushalte des Frankfurter Stadtteils Nieder-Erlenbach. Der Vorfluter der Kläranlage ist die Nidda, die in rund 20 Metern Entfernung zum Kläranlagengelände verläuft. Der Vorgang der Abwasserklärung ist kompliziert. Die Stadt Bad Vilbel hat auf ihrer Homepage die Abläufe schematisch und mit ausführlichen Erläuterungen dargestellt. Dort gibt es Daten und Fakten etwa zur Größe der Klärbecken und zu den technischen Einrichtungen. pe

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