Erna Schlutter am Schreibtisch: Hier hat die Vilbelerin auf dem Computer ihre Erinnerungen niedergeschrieben. Am heutigen Mittwoch wird die Dokumentaristin 85 Jahre alt. Auch ihren "Bad Vilbel Report 2020" will sie veröffentlichen. FOTO/REPROS: ANNE-ROSE DOSTALEK
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Erna Schlutter am Schreibtisch: Hier hat die Vilbelerin auf dem Computer ihre Erinnerungen niedergeschrieben. Am heutigen Mittwoch wird die Dokumentaristin 85 Jahre alt. Auch ihren "Bad Vilbel Report 2020" will sie veröffentlichen. FOTO/REPROS: ANNE-ROSE DOSTALEK

"Ein wechselvolles Leben"

Bad Vilbeler Dokumentarian Erna Schlutter schreibt Autobiografie

  • vonAnne-Rose Dostalek
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Bildung ist das Wichtigste. Das gilt heute gleichermaßen für Mädchen wie für Jungen. Doch die Bad Vilbelerin Erna Schlutter hat das noch ganz anders erlebt. Sie hat nun ihre Autobiografie vorgelegt.

Als Erna Schlutter am 28. Oktober 1935 im oberhessischen Nieder-Gemünden (Alsfelder Land) als älteste Tochter eines Bauern geboren wurde, galt im Dorf noch der Spruch: "Ihr werdet genau das, was wir sind." So wurde dem fleißigen und begabten Schulmädchen sein größter Wunsch abgeschlagen: Sie durfte nicht auf aufs Gymnasium gehen. Unterstützung in der Familie gab es nicht. "Meine Mutter war da knallhart", sagt Schlutter, die so gerne Lehrerin geworden wäre. Erst nach Abschluss der normalen Schulzeit, durfte sie ein Jahr lang als Internatsschülerin die neu gegründete landwirtschaftliche Fachschule in Alsfeld besuchen.

Als junge Frau musste sie dann erleben, wie schwer es ist, ohne passende Berufsausbildung eine Familie zu ernähren. Jetzt hat sie ihre detailreichen Erinnerungen aufgeschrieben und als Buch unter dem Titel "Ein wechselvolles Leben" veröffentlicht.

Bekannt für den Bad Vilbel-Report

Erna Schlutter ist vielen Bad Vilbelern als Dokumentaristin bekannt, die mit der Filmkamera bei wichtigen Ereignissen in der Stadt präsent ist. Auch dieses Jahr wird die unermüdliche Seniorin ihren jährlichen Report abliefern und auf DVD brennen. Gelernt hat sie das von ihrem zweiten Mann Karl-Heinz Schlutter, (gest. 2015), Kameramann beim Hessischen Rundfunk. Er starb im Jahr 2015. Ihre gemeinsamen Jahre sind ihre glücklichsten gewesen, in denen sie in Bad Vilbel Wurzeln schlugen. Schlutter gelang ein beruflicher Neuanfang als Sachbearbeiterin in einer Versicherung.

Sich mit ihren Erinnerungen zu beschäftigen, ist Schlutter nicht leichtgefallen. Erst recht nicht, sie jetzt preiszugeben. "Ich hatte viele negative Erlebnisse als junge Frau", sagt sie und fügt ein energisches "Ich habe mir aber nichts zuschulden kommen lassen" hinzu. Denn ihr erster Mann Eugen Schmidt, den sie mit 18 Jahren heiratete, entpuppte sich als schlechter Ehemann, von dem sie sich nach elf Jahren trennte. Der Hof, in den sie "hineingeheiratet" hatte, wie es damals hieß, ging wegen Trunksucht und Misswirtschaft ihres Mannes zum Teil verloren. Hals über Kopf verließ sie ihn, als er sie betrunken bedrohte.

Fortan musste sie ihre beiden Kinder alleine ernähren und kannte als junge Frau und Mutter zweier kleiner Kinder nur harte Arbeit. "Ich habe damals kaum geschlafen", erinnert sie sich, denn schon während der Ehe arbeitete sie nachts als Serviererin, tagsüber kümmerte sie sich um die Kinder.

Nach der Scheidung alleinerziehend

Bemerkenswert mutig fragte sie nach ihrer Scheidung bei der Alsfelder Brauerei nach, ob es nicht ein Lokal mit Wohnung zu mieten gebe. Das klappte 1966 und sie unterschrieb mit 31 Jahren ihren ersten Pachtvertrag für das ehemalige Eiscafé in Ziegenhain. Unter ihrer Führung entwickelte es sich zu einem beliebten Treffpunkt und Schlutter stand endlich finanziell auf sicheren Beinen. "Ich hatte ja keinerlei Unterstützung und es gab auch kein Kindergeld, weil der Vater seinen Verpflichtungen nicht nachkam", sagt sie.

Dass sie es geschafft hat, ihren Weg zu gehen und nie den Mut zu verlieren, sieht sie als Erbteil ihrer Familie an. "Das muss ich von meinen Vorfahren haben", sagt sie und erzählt von der väterlichen Familie Bünding, die in Nieder-Gemünden über mehrere Generationen den Dorfschulzen (Bürgermeister) gestellt haben. Ich bin dort heute noch "Scholzepeters Erna", sagt sie schmunzelnd Ihr Urgroßvater habe mit Vornamen Peter geheißen und sei Bürgermeister gewesen. Dem Dorf und ihren noch dort lebenden Verwandten mütterlicherseits und väterlicherseits fühlt sich Schlutter bis heute noch eng verbunden.

Kindheit auf dem Bauernhof nicht nur reine Idylle

Viele Kapitel im Buch gehören dem gemeinsamen Leben mit ihrem "Traummann" Charly (Karl-Heinz) Schlutter, den sie 1972 heiratete. Ihn lernte sie im eigenen Lokal kennen, als der Hessische Rundfunk Filmaufnahmen für den Film "Der Sommer, der ein Winter war", in Ziegenhain machte.

Mit 85 Jahren blickt Schlutter nun auf ein wahrhaft wechselvolles Leben zurück mit "traumhaft schönen und ebenso schweren Zeiten". Aufgewachsen auf einem Bauernhof, der nicht nur reine Idylle war. Ihre Kindheit in der Nazizeit, schmerzvolle Trennung der Eltern, harte Nachkriegsjahre als junge Ehefrau und Mutter. "Diese Jahre haben mich vieles gelehrt", sagt Schlutter im Rückblick.

Das Buch "Ein wechselvolles Leben" (172 Seiten) kostet 19,90 Euro und ist in der Bücherei "Das Buch" zu kaufen. Darüber hinaus ist es auch bei "Hildebrandt II" und im Kartenbüro der Stadt Bad Vilbel erhältlich. Interessenten, aus der Alsfelder Umgebung, dort unter dem Namen Schmidt bekannt, können sich direkt an Erna Schlutter, Telefon 0 61 01/8 40 96 oder per E-Mail an eschlutter@t-online.de wenden. dos

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