Auch wenn bei der Generalprobe noch niemand zusieht: Die Gemeinde probt den Livestream unter Realbedingungen. FOTOS: NMA
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Auch wenn bei der Generalprobe noch niemand zusieht: Die Gemeinde probt den Livestream unter Realbedingungen. FOTOS: NMA

Online-Gottesdienste

Bad Vilbeler Christuskirche: Predigt nach Drehbuch

  • vonNiklas Mag
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Die Christuskirchengemeinde in Bad Vilbel sendet ihre Sonntagsgottesdienste live ins World Wide Web. Damit geht eine ganze Menge Aufwand einher - nicht nur liturgisch und technisch.

Im November bleibt die Christuskirche leer, alle Präsenzgottesdienste sind abgesagt. Doch an einem Tag der Woche herrscht reges Treiben vorm Altar. Der Grund: Die Generalprobe für den Internet-Gottesdienst am Sonntag. Die Christuskirchengemeinde zeichnet ihre Gottesdienste nicht auf, um sie ins Netz zu stellen. Stattdessen haben sich die Verantwortlichen bereits während des ersten Lockdowns im Frühjahr entschlossen, die Gottesdienste live zu senden.

"Vergangene Woche haben wir das wieder angefangen. Wir machen das live, weil das atmosphärisch schöner ist für die Leute zu Hause. Der Sonntagmorgen-Gottesdienst kann live gefeiert werden", beschreibt Thorsten Mebus. Er ist Gemeindereferent und vor allem verantwortlich für den musikalischen Teil des Gottesdienstes.

Christuskirche Bad Vilbel: Zu Hause befreit mitsingen

Der Aufwand, den die Kirche für die Live-Übertragungen fährt, ist allerdings ungleich höher im Vergleich zu einem aufgezeichneten Video. "Die Vorbereitung für den Gottesdienst an sich läuft nicht groß anders ab als normal. Jede Gruppe bereitet sich vor, allerdings muss das liturgisch deutlich komprimierter sein", sagt Mebus. Musik hätte auch in den Online-Gottesdiensten breiten Raum, denn zu Hause könnten die Menschen befreit mitsingen.

Für die Übertragungen peilt die Gemeinde eine Länge von rund 30 Minuten an. "Technisch ist es natürlich deutlich mehr Aufwand", sagt Mebus. Regie und Bildschnitt müssen vorab ausgearbeitet und von allen Beteiligten eingeübt werden. Schließlich müssen die Kameras immer denjenigen im Blick haben, der gerade spricht. Auch müssen Pfarrerin, Pfarrer oder Prediger immer genau wissen, welche der Kameras wann das Bild ins Netz sendet. "Deshalb treffen wir uns vorher immer zur Generalprobe. Um alles einmal durchzugehen, die Technik zu prüfen und alles zu klären", beschreibt Mebus und richtet den Blick auf das geschäftige Treiben im Kircheninnenraum. Die Band wickelt Kabel, die Kameramänner richten die Kameras aus, und Pfarrerin Ulrike May geht noch einmal durch, zu welcher Zeit sie wo zu stehen hat.

Christuskirche Bad Vilbel: Jugendmitarbeiter in der Regie

Bei Maurice Petrowitz aus Dortelweil laufen alle Fäden zusammen. Der Jugendmitarbeiter sitzt in der Mitte des Kirchenraums und hat auf mehreren Bildschirmen alle Kamerabilder auf einen Blick vor sich. Er startet und beendet den Livestream ins Netz. "Proben machen wir normalerweise vor Gottesdiensten eigentlich nicht. Das ist wirklich der besonderen Situation geschuldet", meint Mebus.

Obwohl es der Gemeinde theoretisch erlaubt ist, Gottesdienste vor Ort abzuhalten, hat sich die Christuskirche bewusst für das Online-Format entschieden. "Ich finde es wichtig, dass Religion weiterhin frei ausgeübt werden darf, aber dennoch gelten ja Kontaktbeschränkungen", sagt die Pfarrerin. "Wir könnten das nicht verantworten hier mit 100 Leuten zu sein." Zudem seien die Rückmeldungen der Gemeindemitglieder sehr positiv. Mit dem Online-Format erreiche man weiterhin völlig neue Zielgruppen, Menschen, die normalerweise nicht Sonntagmorgens den Weg in die Kirche finden.

Christuskirche Bad Vilbel: Predigt jederzeit online anschauen

"Ein Vorteil dieses Formats ist auch, dass niemand auf Sonntagmorgen festgelegt ist. Wir senden zwar live auf Youtube, aber der Gottesdienst ist danach weiterhin dort abrufbar", erklärt Mebus. Pfarrerin May ergänzt: "Mir tut es persönlich schon weh, dass wir keine Gottesdienste mehr hier feiern können, aber so ist das momentan. Die Gemeindemitglieder und auch wir alle sind uns weiterhin sicher, dass wir damit eine sehr vernünftige Entscheidung getroffen haben."

Dann beginnt die Probe. Maurice Petrowitz zählt kurz bis drei, klickt dann auf die Maus und der für die Öffentlichkeit unsichtbare Test-Stream ins Internet startet. Die Band setzt ein und die Konzentration steigt an. Doch man merkt schnell: Die engagierte Christuskirchengemeinde weiß, was sie tut. Und so musste kein Gemeindemitglied am Sonntag auf einen Gottesdienst verzichten. Und das wird in den nächsten Wochen auch so bleiben.

Am Sonntag wird die Christuskirchengemeinde auch wieder live ab 10.30 Uhr auf ihrem Youtube-Kanal ihren Gottesdienst senden. Ein Friedensgottesdienst zum Volkstrauertag wird es sein. "Auch bei diesem Online-Format möchten wir aktuelle gesellschaftliche oder jahreszeitliche Themen aufgreifen", sagt Pfarrerin Ulrike May. Bis einschließlich ersten Advent sind die Live-Gottesdienste angesetzt.Auch nach der Übertragung sind die Gottesdienste noch online anzuschauen unter youtube.com/ christuskirchengem. nma

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