Seit mehr als 20 Jahren setzt sich Norbert Ott von der Unfallhilfe Bad Vilbel für die Rechte von verunfallten Arbeitnehmern ein und steht ihnen beratend zur Seite. Manche Fälle begleitet er schon seit Jahren. Dabei wird er auch mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert. 
+
Seit mehr als 20 Jahren setzt sich Norbert Ott von der Unfallhilfe Bad Vilbel für die Rechte von verunfallten Arbeitnehmern ein und steht ihnen beratend zur Seite. Manche Fälle begleitet er schon seit Jahren. Dabei wird er auch mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert. 

Unfallhilfe

Unfallhilfe Bad Vilbel: Wenn ein Augenblick alles verändert

Ein Arbeitsunfall kann jeden Arbeitnehmer plötzlich treffen. Weigert sich eine Genossenschaf, für die Kosten aufzukommen, kann das existenzbedrohend sein. Die Unfallhilfe Bad Vilbel engagiert sich für verunglückte Menschen in der Wetterau.

Oft passiert ein Arbeitsunfall in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit. Doch das kann schwerwiegende Folgen für das ganze Leben bis hin zur Existenzgefährdung haben. In solchen Fällen kommt die Berufsgenossenschaft des Arbeitnehmers für die Behandlung und für den Unterhalt auf. Doch was passiert, wenn die Zahlungen verweigert werden?

Norbert Ott ist Leiter der Pro-Clienta-Unfallhilfe Bad Vilbel. Er ist täglich mit solchen Fällen beschäftigt. "Es geht nicht darum, dass eine bestimmte Berufsgenossenschaft angeprangert wird. Es geht einfach darum, dass viele Menschen unter die Räder kommen und nicht wissen, wie sie sich wehren können." Allein in der Wetterau habe es in den letzten fünf Jahren über 10 000 Fälle gegeben, wo "gewisse Auffälligkeiten" deutlich wurden.

Kunstfehler und verschwundene Akten

So wie bei Axel S. Vor zehn Jahren war er in einer Müllverbrennungsanlage in eine nicht abgedeckte Grube gestürzt. Durch eine Fehldiagnose in der BG Unfallklinik in Frankfurt wurde ihm eine Rippe amputiert. "Bei dieser OP kam es zu einem Kunstfehler. In diesem Fall sind Akten plötzlich verschwunden und Arztberichte fehlerhaft. Herr S. wird von A nach B geschickt und fühlt sich wie menschlicher Sondermüll", schildert Ott. Nach 35 Jahren Tätigkeit für einen Arbeitgeber erhält Axel S. nun keine Bezüge mehr. "Das bedeutet für ihn den Verlust der Existenz."

Klaus B. erlitt vor drei Jahren einen schweren Unfall auf dem Arbeitsweg. Auch er erhält nach einer Fehldiagnose der BG Unfallklinik Frankfurt kein Krankengeld. "Wir betreuen beide Fälle und helfen den Betroffenen, zu ihrem Recht zu kommen", sagt Ott. "Was passiert mit diesen oftmals gebrochenen Menschen? Wirtschaftlich betrachtet, belasten sie die Sozialsysteme, zahlen keine Lohnsteuer mehr. Was das menschlich betrachtet bedeutet, kann man nur erahnen."

Betroffene kennen ihre Rechte nicht

Die Unfallhilfe setzt sich für diese Menschen ein. "Von der kompetenten Beratung hin zur zentralen Steuerung des gesamten Abwicklungsprozesses bieten wir zahlreiche Hilfsangebote. Wir stellen unter einem Dach für alle Unfallarten alles an Ressourcen bereit, was die rechtlich und persönlich optimale Abwicklung des jeweiligen Unfalls gewährleistet. Dazu zählen Fachärzte, spezialisierte Anwälte und Psychologen."

Oft kann der Leiter der Unfallhilfe nicht verstehen, warum die Genossenschaften oder Versicherungen selbst in eindeutigen Fällen die Zahlungen verweigern. "Ich habe den Eindruck, dass allgemein davon ausgegangen wird, die Betroffenen lassen es nicht auf einen Rechtsstreit ankommen und nehmen ihre Ansprüche nicht wahr. Oft wissen Arbeitnehmer auch nicht, welche Rechte sie in solchen Situationen überhaupt geltend machen können."

Mehrkeit kommt nach Weiterempfehlung

Die überwiegende Mehrheit der Hilfesuchenden kommt per Weiterempfehlung zur Unfallhilfe. Im Durchschnitt ist die Unfallakte innerhalb von 14,3 Tagen geschlossen. Die von Axel S. zieht sich jedoch schon über zehn Jahre hin. "In diesem Fall ist der Unfall existenzbedrohend, da Axel S. ein schwerbehindertes Kind hat. Die Sachlage ist besonders kompliziert. Ausgerechnet die Akten, in denen der Kunstfehler der BG Unfallklinik beschrieben wird, sind verschwunden", sagt Ott.

Doch manche Unfälle gehen auch über die normalen Aufgaben der Unfallhilfe hinaus. So wie beim Unfall der 31-jährigen Fourough. Vor genau zwei Jahren überlebte sie einen schweren Verkehrsunfall in Luxembourg. Die drei anderen Insassen des Autos kamen dabei ums Leben. Einer war ihr Verlobter. "Die Frau stammt aus dem Iran und lebt erst seit wenigen Jahren in Frankfurt. Ihre Eltern haben bis zum Unglück nicht gewusst, dass sich ihre Tochter in Deutschland aufhält. Fourough hat andere Sorgen, als sich mit Kostenübernahmen zu beschäftigen", sagt Ott. "In solchen Fällen ist man also nicht nur Berater, sondern in erster Linie Ansprechperson."

"Ei, was is denn passiert?"

Nach ihrem Unfall wurde Fourough zunächst in Trier behandelt: "In Luxembourg wurde versucht, die 31-Jährige möglichst schnell wieder nach Deutschland zu bringen. Daher wurde sie in Trier behandelt." Als das Budget für die Arztbehandlungen aufgebraucht war, wurde sie "blutig entlassen". Das bedeutet, dass ihre Verletzungen noch nicht ausreichend behandelt waren. "Wenn man durch einen schweren Unfall einen geliebten Menschen verliert, sind Betroffene einfach überfordert. Wir versuchen, in diesen Situationen gemeinsam eine Lösung zu finden", sagt Ott.

Über einen Unfall zu sprechen, ist für Hilfesuchende nicht einfach. Um Vertrauen zu schaffen, beginnt Norbert Ott jedes Telefonat mit dem gleichen Satz. "Im tiefsten Hessisch frage ich: Ei, was is denn passiert? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich so einen guten Draht zu den Menschen finde." Es ist Norbert Otts Anliegen, mit der Unfallhilfe möglichst vielen Menschen in ihrer Notlage zu helfen. Denn jeder Mensch kann durch einen unverschuldeten Arbeitsunfall plötzlich in eine solche Situation kommen.

Im Notfall immer da

Die Pro-Clienta-Unfallhilfe wurde 1996 gegründet, um Menschen, die unverschuldet in einen Unfall verwickelt wurden, mit allen vorhandenen Mitteln zu helfen. Dabei wird sie nicht selbst aktiv, sondern berät die Hilfesuchenden. Alle Hilfeleistungen werden aus dem neu gebauten Unfallhilfe- und Beratungszentrum koordiniert. Sollten auch Sie Hilfe benötigen, können Sie sich unter Tel. 0 800/242 43 60 oder per E-Mail an kontakt@proclienta 360.de direkt an die Unfallhilfe Bad Vilbel wenden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare