Stada in Bad Vilbel.
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Stada in Bad Vilbel.

Homeoffice in der Wetterau

Südliche Wetterau: Homeoffice ist in Bad Vilbel und Karben nicht überall möglich

Wie gehen die Unternehmen in der Region mit dem Thema Homeoffice um und an welchen Stellen stoßen sie an ihre Grenzen? Eine Umfrage in Karben und Bad Vilbel.

Mobiles Arbeiten von zu Hause aus, »Ausdünnen« von großen Büros zu Einzelbüros, Wechsel in einen Schichtbetrieb, besonderer Schutz von jenen Mitarbeitern, die persönlich erscheinen müssen: Die Palette an Maßnahmen, die Arbeitgeber in der Corona-Pandemie ergreifen können, um ihre Belegschaft zu schützen, ist groß. Und sie wird von Unternehmen und Einrichtungen in Karben und Bad Vilbel mannigfaltig genutzt, wie eine stichprobenartige Umfrage dieser Zeitung zeigt. Doch: Wie stark dabei auf mobiles Arbeiten gesetzt wird, unterscheidet sich teils deutlich - auch in Abhängigkeit vom Arbeitsbereich.

Die Kommunen etwa müssten besonderes Augenmerk auf sogenannte kritische Infrastruktur legen, erklärt Yannick Schwander, Sprecher der Stadt Bad Vilbel. Ein Beispiel ist die Kläranlage, deren Betrieb zu jedem Zeitpunkt sichergestellt sein müsse. Da dazu immer ein Kollege vor Ort sein muss - die aktuell viel diskutierte Heimarbeit also nicht möglich ist -, habe man in Bad Vilbel ein Wechselsystem etabliert, sodass auch bei einem Corona-(Verdachts-)Fall immer ein Kollege auf Abruf bereitstehe.

Homeoffice in der Wetterau: Bbw bietet Ausbildung nur vor Ort

Ein weiteres Beispiel, bei dem keine Heimarbeit möglich ist: der Publikumsverkehr im Stadtpunkt, erinnert Hans-Jürgen Schenk, Pressesprecher der Stadt Karben. Ähnlich gestaltet es sich bei den Banken, die ihre Kunden zwar aufrufen, persönliche Besuche zu reduzieren, wo dies möglich ist - die aber vor Ort da sein müssen. Um Kontakte darüber hinaus zu reduzieren, »finden bei uns derzeit keine persönlichen internen Kontakte zwischen Beschäftigten mehr statt«, sagt Eric Zimdars für die Sparkasse Oberhessen. »Vielmehr haben wir alle Sitzungen, Austauschrunden und Treffen in digitale Kanäle verlegt und Mitarbeiter, wo immer machbar, ins Homeoffice geschickt.«

Auch das Berufsbildungswerk (Bbw) Südhessen in Karben setzt zwar »in allen Bereichen, nicht nur in der Verwaltung, verstärkt auf Homeoffice«, erklärt Sprecherin Elke Beeck. Doch hier ist es die Ausbildung, bei der das nicht möglich ist. Das Verhältnis zwischen Präsenzunterricht und Heimlernphasen liege aktuell bei 50:50. Sprich: Die Auszubildenden lernen - ähnlich wie Schüler - zu 50 Prozent daheim, werden darüber hinaus jedoch vor Ort betreut, was Personal benötigt. Eine komplette Ausnahme ist der Bereich Jugendhilfe: »Hier geht Homeoffice nicht, weil die Jugendhilfe-Wohngruppen rund um die Uhr vor Ort betreut werden müssen«, erklärt Beeck.

Homeoffice in der Wetterau: Jeder Fünfte bei der Stadtverwaltung Karben im Homeoffice

Noch deutlicher werden die Grenzen der Heimarbeit bei einem Blick auf die produzierenden Unternehmen wie König und Neurath in Karben oder Stada in Bad Vilbel: Hier können Mitarbeiter naturgemäß nicht von daheim aus arbeiten; beide Firmen geben jedoch an, entsprechende Schutzmaßnahmen installiert zu haben. »Alle Mitarbeiter in der Produktion, der Qualitätskontrolle, den Laboren, den Entwicklungslaboren und der Logistik« müssten aber weiterhin zur Arbeit kommen, erklärt Stada-Deutschlandchef Eelco Ockers auf Anfrage.

So unterscheiden sich dann auch die »Homeoffice-Quoten«: Bei der Stadt Karben etwa sei über alle Bereiche hinweg mindestens jeder Fünfte (20 bis 25 Prozent) im Homeoffice, schätzt Schenk. Von den rund 800 aktiv Beschäftigten der Sparkasse Oberhessen arbeiten eigenen Angaben zufolge »bis zu 300 Personen, also über 1/3 aller Beschäftigten« von zu Hause aus. Beim Bbw seien es in der Verwaltung rund 50 Prozent, in anderen Bereichen eher 25 Prozent. Bei König und Neurath ist laut Vorstandssprecher Michael Cappello »ein Großteil des administrativen Bereichs« von daheim aus tätig. Fast alle Unternehmen gaben dabei an, auf besondere Gruppen mehr Rücksicht zu nehmen: Eltern mit schulpflichtigen Kindern sowie Risikogruppen.

Homeoffice in der Wetterau: Vilbeler Marketingagentur arbeitet zu 100 Prozent von zu Hause aus

Absoluter - und wohl seltener - Spitzenreiter ist in der Umfrage die Bad Vilbeler Marketingagentur »Tipps Trends News« mit 100 Prozent Heimarbeit: Alle zwölf Mitarbeiter, vom Vertrieb über die Produktion bis hin zur kaufmännischen Leitung, seien aktuell von daheim aus tätig, erklärt Geschäftsführer Christian Wiegand zwischen zwei Videokonferenzen. »Ich finde, wir haben aktuell auch die große Chance, Strukturen neu zu denken und die Kamera quasi mal in eine andere Perspektive zu rücken, um auf unser Arbeitsleben zu blicken«, betont der 37-Jährige. Er ist der Einzige, der ab und zu vor Ort nach dem Rechten schaut. Denn: Auch die Post muss schließlich gesichtet werden.

Dabei variiert die grundsätzliche Einstellung der Arbeitgeber zum Thema Homeoffice. Sprich: Werden Arbeitnehmer eher dazu ermuntert, von daheim aus zu arbeiten, oder besteht der Arbeitgeber - möglicherweise ohne triftige Gründe - eher auf Präsenz? Letzterem will eine neue Verordnung von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) entgegenwirken und dem Homeoffice weiteren Aufschwung verleihen (siehe Kasten).

Homeoffice in der Wetterau: Schwaches Internet ist problematisch

Die »Grundvoraussetzung für das Gelingen« sei dabei die Technik, erinnert Cappello, Sprecher von König und Neurath. »Virtuelle Kollaborationstools ermöglichen nicht nur den Kontakt zu Kollegen, sondern auch zu Kunden, Lieferanten und Partnern.« Die Stadt Karben kann das unterstreichen: Schon im Frühsommer habe man begonnen, Mitarbeiter mit der nötigen Hard- und Software auszustatten, so Schenk. Dabei weiß er genau, dass eben diese technische Grundausstattung auch zum Knackpunkt werden kann: Die Leitungskapazität der Stadt sei zu schwach, noch immer warte man auf eine zum 1. Oktober zugesagte Erneuerung - trotz mehrmaligem Anklopfen bei der Deutschen Glasfaser, so Schenk. »Es nutzt eben nichts, wenn wir 50 Mitarbeiter in der Heimarbeit haben und die Leitung dann aber keine vernünftige Verbindung zulässt.«

Um Kontakte auch im beruflichen Umfeld weiter zu reduzieren, hat Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Mittwoch eine neue Verordnung erlassen: Wenn keine »zwingenden betrieblichen Gründe« dagegensprechen, müssen Arbeitgeber ihren Beschäftigten demnach die Möglichkeit zum Homeoffice anbieten. Beschäftigte sind hingegen nicht verpflichtet, dieses Homeoffice-Angebot anzunehmen oder umzusetzen. Wenn etwa dem ins Büro umgewandelten Heim die digitale Grundausstattung wie WLAN oder Laptop fehlt, greift die grundsätzliche Pflicht nicht.

Für die Betriebe gelten zudem künftige strengere Arbeitsschutzregeln, was Abstände und Mund-Nase-Schutz angeht. Wenn Räume von mehreren Personen gleichzeitig genutzt werden, müssen pro Person zehn Quadratmeter zur Verfügung stehen. In Betrieben ab zehn Beschäftigten müssen diese in möglichst kleine, feste Arbeitsgruppen eingeteilt werden.

Die Verordnung, die aus dem jüngsten Bund-Länder-Beschluss zur Eindämmung der Corona-Pandemie hervorgegengen war, soll voraussichtlich am Mittwoch, 27. Januar, in Kraft treten und zunächst befristet bis zum 15. März gelten. jkö

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