1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Bad Vilbel

Spannender als ein Krimi

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Bad Vilbel (cf). Spannender als ein Krimi war der Vortrag »Genetischer Fingerabdruck – Meilenstein kriminalistischer Beweistechnik«, den Dr. Harald Schneider in der Mensa des Georg-Büchner-Gymnasiums (GBG) hielt.

Der Leiter der Fachgruppe Biologie/DNA-Analytik der Kriminaltechnik des Hessischen Landeskriminalamtes (HLKA) fesselte Lehrer, Neuntklässler und Oberstufenschüler. Begrüßt wurde er von Oberstudienrat Marc Grahmann, bei dem viele Schüler Biologie als Leistungskurs haben.

»Wir fanden die vielen Fallbeispiele wie den der KaDeWe-Zwillinge oder von Mirco sehr interessant«, sagten Fabian Schneider und Anna Hause (beide 16, Q1-Phase). »Es war interessant zu sehen, wie die Theorie in der Praxis umgesetzt wird und wie komplex alles ist. Die Fallbeispiele setzten sich aus aktuellen Fällen und sogenannten cold cases, das heißt verjährte Fälle, zusammen. So auch aus einem Fall aus dem Jahr 1972«, so Jonas Tille (17). Der Täter wurde nach einem Diebstahl als Mörder überführt, und zwar mit einer in der Datenbank gespeicherten Tatortprobe und modernster Technik.

Bevor LKA-Experte Schneider seinen informativen Vortrag begann, stellte er sich seinen Zuhörern vor: Er kommt aus Battenberg, hat 1980 in Frankenberg Abitur gemacht, Biologie studiert und in Marburg eine Doktorarbeit über Molekularbiologie geschrieben. Seine Arbeit beim Landeskriminalamt in Wiesbaden sei »mehr als nur ein Job«. In dem von ihm aufgebauten Bereich arbeiteten anfangs drei, heute über 50 Sachverständige, technische Assistenten und promovierte Naturwissenschaftler. Nur einen kleinen Teil ihrer Arbeitszeit verbringen die Kriminalbiologen am Tatort, den größten im Labor. Ein Teil der Laborarbeit, die »Spurensuche« wird manuell erledigt, der andere ist in der DNA-Straße mit Robotern automatisiert. Im Gegensatz zu den Stars in amerikanischen oder deutschen Fernsehserien verbringen Schneider und seine Mitarbeiter viel Zeit mit dem Studium von Akten, der Koordinierung von Untersuchungen sowie dem Erstellen, Verfassen und Vertreten (vor Gericht) von Gutachten. Bei ihm komme noch die Aus- und Fortbildung von Kriminalbeamten hinzu, sagte Schneider. Im Mittelpunkt seines Vortrages stand der »genetische Fingerabdruck«, den der Molekularbiologe als einen »Meilenstein kriminalistischer Beweistechnik« bezeichnete.

Dieser sei ein Sachbeweis in Straf- und Kapitalverfahren, diene der Identifizierung oder Entlastung von Verdächtigen. Hilfreich ist er bei Serienmordfällen, zur Leichenidentifizierung, bei Vaterschaftsanalysen oder der Klärung von Verwandtschaftsverhältnissen.

Die seit 1991 im HLKA verfügbare Technologie hat laut Schneider »eine selbst für Optimisten nicht vorhersehbare, revolutionäre Entwicklung« genommen. So sei die Palette untersuchbarer biologischer Spuren wesentlich erweitert worden; mittlerweile seien auch mikroskopisch kleine Blut-, Haut- und Haarspuren verwendbar. »Auch geringste, mit früher üblichen Verfahren nicht analysierbare Spuren, etwa Hautschuppen an Tätermasken, Kontakt- und Gebrauchsspuren an Waffen, sind nunmehr einer molekularbiologischen Untersuchung zugänglich.« Waffen würden zum Beispiel auf Schuss-, Blut-, Faser- und Kontaktspuren und daktyloskopische Spuren (Fingerabdruck) untersucht. DNA-Befunde lieferten den oft entscheidenden Hinweis zur Aufklärung schwerster Kapitalverbrechen oder aber zur Entlastung zu Unrecht Verdächtigter. »Die DNA-Analyse identifiziert den Spurenleger, aber dieser ist nicht zwingend der Täter.

« Die DNA sei außer bei Eineiigen-Zwillingen für jeden individuell. Die DNA bleibe zeitlebens unverändert, deshalb sei der genetische Fingerabdruck von einer Person immer identisch, egal von welchem Körperteil er stamme.

98 Prozent der DNA besitze keine biologische Funktion, aber sie enthalte in den zwei Prozent des nicht kodierenden Bereichs forensisch relevante Unterschiede. Bei einem gentechnischen DNA-Profil (Short Tandem Repeats) werde die Anzahl der Merkmale der Chromosomen bestimmt. Für DNA-Spuren untersucht würden Blut, Sperma, Vaginalsekret, Speichel, Haare, Gewebe und Knochen. Zwar zerstörten Bakterien und Pilze die DNA-Spur schnell, werde diese aber kühl und trocken gelagert, bleibe sie bis zu 30 Jahre und länger haltbar. Deshalb könnten mittels der DNA-Analyse nicht nur aktuelle, sondern auch Jahrzehnte zurückliegende Straftaten zweifelsfrei aufgeklärt werden. Eine DNA-Analyse laufe in vier Stadien ab: Spurensuche, DNA-Extraktion (Freisetzung), PCR-Analyse (sechs bis acht Zellen = 12 bis 15 Piktogramm groß ist hier die Untersuchungsmasse für die Auswertung).

In der HLKA-Datenbank gespeichert seien über 850 000 Personen. Zu ihnen gehören Straffällige wie Sexualstraftäter, Räuber, Mörder, wiederholt schwere Straftäter sowie über 150 000 noch nicht zuzuordnende Spuren. Die DNA Jugendlicher blieben fünf Jahre, die Erwachsener zehn Jahre gespeichert. Die Aufklärungsquote bei Sexual- und Kapitalverbrechen liege in Hessen bei 90, die bei Raub und Diebstahl bei 60 Prozent, so Schneider.

Von Kritikern immer wieder vorgebracht würden die Kosten der Untersuchung. Diese seiend beispielsweise im Fall »Mirco« hoch gewesen, doch: »Jedes Opfer hat es verdient, dass wir seinen Mörder finden und bestrafen«, betonte der Referent.

Verbesserungen für die Fahnder bringen und brachten die ständige Optimierung der Tatortarbeit durch Lasertechnik, die Methoden bei Analyse, Mikrospurenanalytik, genetischem Phantombild, der Aufbau einer weltweiten DNA-Datenbank und länderübergreifende Zusammenarbeit. Schneider zeigte zahlreiche mikroskopische Aufnahmen, ging auf außergewöhnliche Aufklärungserfolge der vergangenen Jahre konkret ein und beantwortete zahlreiche Zusatzfragen seines jugendlichen Publikums.

Auch interessant

Kommentare