Christian Lengemann (l.) und Jörg Lindenthal (r.) zeigen Sebastian Wysocki die über 2000 Jahre alte Grabstätte.
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Christian Lengemann (l.) und Jörg Lindenthal (r.) zeigen Sebastian Wysocki die über 2000 Jahre alte Grabstätte.

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Spannende Funde in Massenheim

Wer im Baugebiet Harheimer Weg künftig in ein Haus oder eine Wohnung einzieht, tritt in sehr alte Fußstapfen. Denn bereits vor rund 2300 Jahren war der heutige Massenheimer Ortsrand besiedelt. Archäologen untersuchen derzeit die zahlreichen Funde, die bei den Ausgrabungen gemacht wurden. Darunter sind durchaus seltene Stücke.

Wie mag das Leben im vorchristlichen Massenheim wohl ausgesehen haben, wie lebte der Ur-Vilbeler, dessen Knochen die Ärchaologen im Baugebiet Harheimer Weg zwischen Massenheim und Frankfurt gefunden haben? Christian Lengemann kann zumindest einen kurzen Blick in das zweite und dritte Jahrhundert vor Christus bieten. Der Archäologe hat die spannendsten Funde aus Massenheim auf einem Tisch gesammelt: »Es gab hier geomagnetische Untersuchungen, weil vermutet wurde, dass es hier etwas gibt. Fast jede Anomalie im Boden war dann auch ein Treffer«, berichtet er.

Latène-Zeit nennt der Fachmann diese Periode, die etwa von 450 vor Christus bis zum Jahr null andauerte. Keramik gab den entscheidenden Hinweis: »Wir haben sogenannte Braubacher Schalen gefunden. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie per Drehscheibe hergestellt wurden. Eine Technik, die damals aufkam«, weiß Lengemann. Zur Einordnung: Der Keltenfürst vom Glauberg war da schon knapp 200 Jahre lang tot.

Eine fein verzierte Scherbe hält der Archäologe in die Höhe: »Diese hier wurde mit Grafit angereichert, damit der Glitzereffekt entsteht.« Auch Saatgut, eine Glasperle und eine Nadel, um Kleidungsstücke zu verbinden, haben die Wissenschaftler entdeckt. Besondere Funde sind ein eisernes Haumesser und auch eine Speerspitze. Die beiden Eisenstücke sind jedoch noch von Erde bedeckt und müssen sorgsam gesäubert werden. »Das machen dann Spezialisten«, erläutert Bezirksarchäologe Hardy Prison. Er ist für das Land Hessen zuständig und dafür, die Funde nach Wiesbaden zu bringen. »Es gibt viel zu restaurieren, aber grundsätzlich sind wir immer dafür, dass solche Funde dann vor Ort betrachtet werden können.« Das bringt den Ersten Stadtrat Sebastian Wysocki (CDU) auf eine Idee: »Wir haben hier in Massenheim das Heimatmuseum, da würde das super passen«, sagt er.

Besonders gut vor Witterungen geschützt ist eine Grabstätte. Zwei große menschliche Knochen ragen aus dem Boden, ebenso ein großer Topf.

»Die Knochenerhaltung ist gut, aber das Grab wurde definitiv schon einmal ausgeräumt«, meint der Wetterauer Kreisarchäologe Jörg Lindenthal. Beim tieferen Graben werde man vermutlich weitere Teile des Skeletts finden.

Typisch für die Kelten sind neben Grabstätten auch tiefe Lagergruben, erzählen die Archäologen. Davon habe man gleich mehrere auf dem früheren Gehöft gefunden. Von einer Keltensiedlung gehen die Wissenschaftler nicht aus: »Wir stellen uns das Leben der Kelten in der Wetterau mit kleinen Höfen vor.

Die Siedlungen gab es eher am Glauberg oder auch im Taunus«, erklärt Lindenthal. Die Gruben wurden für Abfall verwendet oder auch um Getreide und Fleisch zu lagern. »Die Kelten haben entdeckt, dass kegelförmig ausgehobene Gruben die Eigenschaft haben, dass die Temperatur unten konstant bleibt«, weiß Lengemann. Im Grunde ein vorchristlicher Kühlschrank.

Schwarze Verfärbungen an der Seite der Gruben deuten auf ein Feuer hin oder darauf, dass auch Asche in das riesige Loch geworfen wurde. Einen Teil des Geländes habe man bisher noch nicht ausgegraben. »Wir glauben, dass wir an der Westseite Anzeichen für Pfosten erkennen können. Dort könnte ein Haus gestanden haben. Wir sind gespannt, was wir noch finden«, meint Lengemann.

Für die Archäologen ist es wichtig, die Fundstellen und Funde genau zu dokumentieren. Dafür werden sogar Zeichnungen der Grubenwände angelegt, um auch nach deren Überbauung mit Wohnhäusern noch alle Informationen dazu parat zu haben. Ein Bau-Boom in den vergangenen Jahren habe dazu geführt, erzählen die Archäologen, dass Spezialisten Jahrzehnte brauchen werden, um alle zu säubern und zu restaurieren. Mit einem Einschweiß-Verfahren sei es möglich, die Funde zu sichern.

Noch einige Wochen werden die Archäologen in Massenheim zu tun haben. Einmal im Jahr erscheint das Buch »Hessen Archäologie«. Die Massenheimer Ausgrabung ist besonders genug, dass diese definitiv in einer zukünftigen Ausgabe zu sehen sein wird. nma

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