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Ilse Garmatz (rechts) wird heute 95 Jahre alt. Am Wochenende soll das groß gefeiert werden. Mit dabei ist auch ihre Tochter Ingrid. (Foto/Repro : Niklas Mag)

Geburtstag

Seit 95 Jahren im Goldenen Engel

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Heute wird Ilse Garmatz 95 Jahre alt. Von ihrer Geburt an lebt sie im Goldenen Engel an der Frankfurter Straße in Bad Vilbel. Sie hat die Entwicklung vom Dorf zur quirligen Stadt miterlebt.

VON NIKLAS MAG

An der Frankfurter Straße 4 in Bad Vilbel ist Ilse Garmatz 1924 geboren und lebt seit jeher im Haus mit dem markanten goldenen Engel an der Fassade. Heute wird sie 95 Jahre alt und blickt zurück auf die zahlreichen Veränderungen, die ihre Heimatstadt seitdem erlebt hat.

"Im Erzweg fing das Dorf an, zur Stadt zu werden", erinnert sie sich. Die Frankfurter Straße bestand zum Großteil aus Bauernhöfen, der Erzweg, die ehemalige Sechshäusergasse, nur ein Feldweg, der zum Wald hinauf führte. "Und um dorthin zu gelangen, musste man Treppen steigen", weiß die Vilbelerin.

Einst erblickte Garmatz im Wohnschlafzimmer ihrer Eltern das Licht der Welt. Dieses gibt es heute nicht mehr, denn das denkmalgeschützte Haus, das einst viele verschiedene Zimmer für Arbeitskräfte bot, beherbergt mittlerweile mehrere Wohnungen. Schaut Ilse Garmatz aus dem Fenster des ehemaligen Festsaals des 1696 erbauten Hauses, kann sie den Goldenen Engel berühren. Eine Figur, die sie ihr Leben lang begleitet hat.

"Als ich drei oder vier Jahre alt war, bin ich immer auf den Sims geklettert und habe mir den Engel angeschaut und mich dabei furchtbar über dessen kaputte Beine geärgert", erinnert sie sich. Die alte Engelsstatue war in ihrer Kindheit völlig verrostet und mehr schwarz als golden. "Als dann Jahre später der Engel erneuert wurde, habe ich deshalb gesagt, dass er ein Gewand um die Beine bekommen muss."

Wo sich heute der Parkplatz Marktplatzzentrum befindet, stand zu Ilse Garmatz Kindheit noch ein großer Bauernhof, die Frankfurter Straße nicht annähernd so wild und geschäftig wie heute. "Ich habe auf der Straße im Garten und an der Nidda gespielt." Doch nach ihrer Schulzeit wurde das Leben urplötzlich härter. "Ich kam aus der Schule und es war Krieg", erzählt die 95-Jährige. "Mein Bruder wurde eingezogen und ich habe in unserem Landwirtschaftsbetrieb alle möglichen Aufgaben übernommen." In den frühen 1940er Jahren habe ihre Familie die Elfenquelle aufgegeben, die neben dem Haus entsprang. "Die Landwirtschaft war während und nach dem Krieg einfach wichtiger", sagt Garmatz. Die Firma Hassia breitete sich irgendwann in Bad Vilbel aus, benötigte den Platz in der Stadtmitte. Der Hof der Familie wurde nach Massenheim umgesetzt. "Diesen bekam mein Bruder, ich bekam das Haus an der Frankfurter Straße."

Chefin von sieben Läden

Direkt nach dem Krieg lernte Ilse Garmatz ihren späteren Ehemann kennen. Dieser war aus Pommern geflohen und bei Verwandten von ihr in Nieder-Erlenbach untergekommen. "Wir hatten lange einen Hofladen und deshalb entschied ich mich, nach dem Krieg einen Laden zu eröffnen. Milch, Käse, Butter."

"Ich habe immer versucht, aus allem das Beste zu machen." Die ehemaligen kleinen Zimmer im unteren Geschoss des Hauses erweiterte sie im Laufe der Jahre immer weiter, bis eine große Ladenfläche im gesamten Erdgeschoss entstand. "Ich baute Schaufenster ein und stellte den Laden später auf Selbstbedienung um. Das gefiel den älteren Vilbelern gar nicht", erinnert sie sich und lacht. "Sie meinten: ›Dann kann jetzt ja jeder von außen sehen, was ich kaufe.‹ Aber sie haben sich daran gewöhnt."

Italienische Waren im Sortiment

Sogar italienische Waren bot Garmatz an, als immer mehr Gastarbeiter nach Bad Vilbel kamen. "Diese wohnten hier in den kleinen Räumen in den Häusern der Frankfurter Straße. Viele italienische Kinder saßen in meiner Küche und haben Hausaufgaben gemacht", erinnert sie sich. Ende der 50er-Jahre hatte Ilse Garmatz mit ihren Selbstbedienungsläden sieben Filialen in und um Bad Vilbel eröffnet. "Diese wurden größtenteils von Familienmitgliedern geführt." Erst als die Großmärkte irgendwann kamen, musste sie die Läden nach und nach schließen. "Da war ich allerdings schon im Rentenalter." Ihr ganzes Leben hat Ilse Garmatz im Goldenen Engel verbracht, die Entwicklung von Bad Vilbel vom Dorf zur Mini-Metropole aus nächster Nähe beobachtet. "Es ist unglaublich, wie sich die Stadt entwickelt hat. Ich lebe immer noch sehr gerne hier."

Am Sonntagmittag wird mit der Familie gefeiert, heute sind alle, die Ilse Garmatz kennen, eingeladen, ihr zu gratulieren. Ilse Garmatz hat zwei Töchter, vier Enkel und sieben Urenkel.

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