Kein Leerstand: Pfarrer Klaus Neumeier hatte auch während des Lockdowns gut zu tun, sprach mit vielen über deren Sorgen und Ängste. 	FOTO: NIKLAS MAG
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Kein Leerstand: Pfarrer Klaus Neumeier hatte auch während des Lockdowns gut zu tun, sprach mit vielen über deren Sorgen und Ängste. FOTO: NIKLAS MAG

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Als Seelsorger gefragt

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Klaus Neumeier ist seit vielen Jahren Pfarrer der Christuskirchengemeinde in Bad Vilbel. Und auch wenn die Kirchen geschlossen waren, ist Neumeier weiter seiner Arbeit nachgegangen und hat in der Corona-Zeit viel Seelsorge betrieben sowie zahlreiche Gespräche mit Vilbelern geführt.

Klaus Neumeier blickt auf bewegende Monate zurück. Denn wegen Corona musste sich seine Gemeinde nicht nur stellenweise neu erfinden und viele Veranstaltungen absagen, auch hat der Pfarrer viele Gespräche mit Menschen geführt, die diese gesucht haben. »Ich würde sagen, die direkten Seelsorgeanrufe haben gar nicht so stark zugenommen. Also, dass jemand ein Problem hat und sich aktiv Hilfe holen möchte«, bilanziert Neumeier. »Was allerdings enorm zugenommen hat, sind die Tür- und Angel-Gespräche. Alltägliche Begegnungen mit Menschen, die großen Redebedarf hatten, was Corona angeht.«

Verunsicherung war bei vielen groß

Neumeier sind in den Gesprächen zu Beginn der Pandemie verschiedene Wege aufgefallen, wie die Menschen mit ihrer Angst und Sorge umgehen. »Es gab Menschen, die eher in eine Art Schockstarre verfallen sind und andere, die gleich Aktionismus an den Tag gelegt haben und damit möglicherweise sogar über das Ziel hinaus geschossen sind«, berichtet der Pfarrer von seinen Gesprächen zu Beginn des Lockdowns. Doch hätte bei beiden Gruppen relativ schnell die Reflexion eingesetzt, was eigentlich genau los ist.

»Die Fragezeichen waren zu diesem Zeitpunkt bei allen natürlich riesig. Das habe ich ganz deutlich gemerkt. Die allgemeine Verunsicherung war enorm.« Bis jetzt nehme er wahr, welche Belastungen viele Menschen während der Pandemie hatten auf sich nehmen müssen. Manche wegen ihres Berufs im Krankenhaus oder Pflegeheim, andere wegen völliger Isolation. »Eigentlich ist dem Virus nur mit Rationalität zu begegnen, auf die wir sonst sehr großen Wert legen. Doch haben uns die vergangenen Wochen gezeigt, wie emotionsgesteuert wir eigentlich sind«, findet er.

Weiterhin hat Neumeier in den Gesprächen mit den Vilbelern eine gewisse Furcht vor Führungslosigkeit wahrgenommen. »Als nicht einmal Ärzte, Virologen und die Politik sagen konnten, wie es weitergeht, habe ich in den Gesprächen mit den Vilbelern ganz deutlich gespürt, dass die Angst wächst. Für einige Leute war das tatsächlich nur schwer auszuhalten.«

Und dennoch hätte die Pandemie vielen auch verdeutlicht, wie gut wir es in Deutschland haben. »Das funktionierende Gesundheitssystem, eine Politik, die im Vergleich zu anderen Ländern wirklich besonnen reagiert hat. Das ist vielen Leuten in den letzten Wochen klar geworden.«

Zurückfinden in den Alltag

Der Gesprächsbedarf sei derzeit weiterhin hoch, berichtet Neumeier, auch wenn das öffentliche Leben in Bad Vilbel längst wieder laufe. »Die Wahrnehmung der aktuellen Situation ist sehr unterschiedlich. Das hängt meistens mit dem beruflichen Hintergrund der Menschen zusammen.«

Einige seien in den vergangenen Monaten aus ihrem Alltag gar nicht ausgestiegen, andere hingegen hätten zurzeit große Probleme, wieder in einen Alltag zurückzufinden. »Gerade in sozialen Netzwerken, auch in den Bereichen, in denen es vorrangig um Bad Vilbel geht, fällt mir derzeit aber auf, dass noch immer eine große Anspannung herrscht.« Neumeier hofft darauf, dass nach der Pandemie positive Erkenntnisse hängen bleiben: »Uns wurde aufgezeigt, dass wir Menschen keinen Anspruch auf Unversehrtheit haben, egal wie fortgeschritten unsere Medizin oder unsere Technologien sind.« Damit sollte künftig eine größere und tägliche Dankbarkeit für das Leben einhergehen, findet er. Zudem sollten Berufsgruppen aus sozialen Bereichen spätestens jetzt eine viel größere Wertschätzung erfahren, meint der Pfarrer.

Die Christuskirchengemeinde hat Online-Gottesdienste auf Youtube ausgestrahlt und veröffentlicht regelmäßig Videos. Diese sind unter http://www.youtube.com/user/christuskirchengem abrufbar.

Die Christuskirchengemeinde unterhält seit Längerem Kontakte zur Gemeinde Amritsar im Norden von Indien. In dem südasiatischen Land ist die Situation derzeit katastrophal, die Gemeinde versorgt Bedürftige mit Nahrung und benötigt dafür dringend Geld: »Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber auch wenn wir Einzelnen helfen können, ist das wichtig«, sagt Pfarrer Klaus Neumeier. Spenden können unter IBAN DE86 5019 0000 0001 1234 91 unter dem entsprechenden Verwendungszweck an die Christuskirchengemeinde überwiesen werden. nma

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