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Die achtjährige Anna Schmidt (im Rollstuhl) hat eine komplexe Hirnfehlbildung und ist mehrfach schwerstbehindert. Auch ihre Atemwege sind stark betroffen. Eine Ansteckung mit dem Covid-19-Virus würde sie laut der betreuenden Ärzte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht überleben.

Nach einem Jahr Isolation

Schwerstbehindertes Kind kämpft um Corona-Impfung: Jetzt gibt es Hoffnung

  • vonChristine Fauerbach
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In der Impfdebatte hat eine kleine, aber hoch anfällige Gruppe von Menschen keine Lobby - schwerstbehinderte Kinder. Eine Ansteckung mit dem Covid-19-Virus birgt für sie ein tödliches Risiko.

E s gibt Hoffnung für Familie Schmidt. Das Ende ihrer einjährigen fast vollständigen Isolation und ihres kräftezehrenden Kampfes gegen die Stadt Frankfurt ist in Sicht. Am ersten Sonntag im März 2021 hat Anna ihre erste Corona-Schutzimpfung erhalten, obwohl der Impfstoff erst für Jugendliche über 16 Jahre zugelassen ist.

Corona-Impfung vor dem Frankfurter Verwaltungsgericht erstritten

Zu verdanken hat die Achtjährige ihre Impfung der weitsichtigen Entscheidung mutiger Menschen. Zu diesen gehören Richter im Verwaltungsgericht Frankfurt, die in einer Einzelfallentscheidung für Anna den Off-Label-Use (Anwendung eines Medikaments außerhalb seiner Zulassung) bestätigten und ihr einen Impfanspruch zuerkannten (Az. 5 L 219/21.F). Und der Leiter des Impfzentrums Frankfurt, ein Kinderneurologe, der sich für eine Impfung von Anna entschied.

Begleitet und befürwortet haben Annas Impfung auch die Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) Frankfurt-Mitte und der behandelnde Kinderarzt. Anna würde laut der betreuenden Ärzte aller Wahrscheinlichkeit nach eine Ansteckung mit dem Covid-19-Virus nicht überleben.

»In diesem Einzelfall haben Menschen an maßgeblichen Stellen richtige Entscheidungen getroffen«, freut sich Nadine Bauer. Die Geschäftsführerin des gemeinnützigen Philip Julius-Vereins begleitet die Familie. »Glück und ein langer Atem waren bis zur ersten Schutzimpfung von Anna nötig, da sich ihr spezieller Krankheitsfall nicht an oberster Stelle der Impf-Prioritätenliste wiederfindet. In diesem Fall ist es gelungen. Die nächste Familie steht wieder vor den gleichen Hürden.«

Unsicherheit wegen zweiter Impfung - Widerspruch der Stadt Frankfurt

Noch ist nicht sicher, ob Anna Ende März auch ihre zweite Impfung erhält. Die Stadt Frankfurt hat gegen die Einzelfallentscheidung Widerspruch eingelegt. Und so mischen sich in die Freude der Eltern über die geglückte Erstimpfung ihrer schwerstbehinderten Tochter, Wehmut, Bedenken und Angst.

Das Ehepaar Schmidt lebt mit Anna und ihrer vier Jahre jüngeren Schwester in Frankfurt. »Anna ist aufgrund einer Gehirnfehlbildung (Lissenzephalie) umfassend behindert. Sie hat den Entwicklungsstand eines circa zwei Monate alten Säuglings. Sie kann nicht laufen, nicht sitzen und nicht sprechen. Ihr Grad der Behinderung beträgt 100. Anna ist in höchstem Maße pflegebedürftig (Pflegegrad 5) und extrem anfällig für Atemwegsinfekte«, informieren die Eltern. Anna ist rund um die Uhr auf Unterstützung angewiesen. Zwar hat die Familie seit Ausbruch der Corona-Pandemie ihre Sozialkontakte auf ein Minimum reduziert, die Eltern, beide Juristen, arbeiten von zu Hause aus, die kleine Schwester geht nicht mehr in den Kindergarten, aber »eine vollständige Isolation ist nicht möglich, weil wir von zwei Intensivpflegediensten unterstützt werden.« An Wochentagen 18 Stunden pro Tag, am Wochenende sind die Pflegekräfte nur nachts da. Von ihnen ist noch keine einzige gegen das Coronavirus geimpft.

Antrag auf Schutzimpfung abgelehnt - Eltern beschreiten den Rechtsweg

»Im August 2020 war eine Corona-positive Pflegekraft bei uns im Einsatz. Das Gesundheitsamt hat daraufhin unsere gesamte Familie unter Quarantäne gestellt. Glücklicherweise kam es trotz des zwangsläufig sehr engen Kontaktes mit Anna nicht zu einer Ansteckung.« Anna kann sich aufgrund ihrer geistigen Behinderung nicht durch das Tragen einer Maske vor einer Infektion durch ihre Pflegekräfte schützen. Und dies, obwohl sie aufgrund ihrer Grunderkrankungen einem signifikant erhöhten Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf durch das Coronavirus SARS-CoV-2 ausgesetzt ist. Wegen Lungenentzündungen befand sie sich bereits mehrfach stationär im Krankenhaus und musste beatmet werden. Zuletzt lag sie im Mai 2019 mit einer viralen Lungenentzündung auf der Kinderintensivstation in Frankfurt-Höchst. Anna überlebte diesen Infekt nur knapp.

Nach der Entwicklung des Impfstoffes setzten Annas Eltern wie auch andere von schwerstbehinderten Risikokindern ihre Hoffnung in eine schnellstmögliche Impfung. Da das Gesundheitsamt Frankfurt dem Antrag auf Schutzimpfung für Anna nicht nachkam, beschritten die Eltern den Rechtsweg. »Trotz gerichtlichen Entscheids (unter https://www.lareda.hessenrecht.hessen.de/bshe/document/LARE210000320) fühlte sich anfangs niemand zuständig für die rasche Umsetzung des Urteils.«

Stichwort: Philip Julis

Philip Julius - Verein zur Unterstützung schwerstbehinderter Menschen und ihrer Familien ist Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband Hessen und im Bundesverband Kinderhospiz. Infos über den Verein und seine Arbeit gibt es auf der Homepage und im Blog unter www.philip-julius.de sowie auf Facebook und Youtube. Die Geschäftsstelle befindet sich in der Homburger Straße in Bad Vilbel, Telefon 0 61 01/9 89 07 71, E-Mail: nadine.bauer@philip-julius.de. Vertretungsberechtigte Vorstände sind Jörg Eigendorf und Katrin Eigendorf; Geschäftsführerin ist Nadine Bauer. Wer den gemeinnützigen Verein unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende oder Einkauf bei Amazon Smile, betterplace.org und auf boost tun.

Der Philip Julius-Verein wurde für den Deutschen Engagementpreis nominiert, der jährlich vom Bündnis für Gemeinnützigkeit, dem Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, der Deutschen Fernsehlotterie und der Deutsche Bahn Stiftung vergeben wird. CF

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