Wer hat den Vertrag gebrochen? Die Verantwortlichen der Europaschule in Dortelweil sagen, sie seien sich keiner Schuld bewusst. FOTO: PATRICK EICKHOFF
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Wer hat den Vertrag gebrochen? Die Verantwortlichen der Europaschule in Dortelweil sagen, sie seien sich keiner Schuld bewusst. FOTO: PATRICK EICKHOFF

Sohn steht ohne Schule da

Schulgeld verdreifacht: Mutter klagt gegen Europaschule in Bad Vilbel

  • vonPatrick Eickhoff
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Für Angelika M. sollte der Sommer ein ganz besonderer werden. Ihr Shop für Sportartikel feiert zehnjähriges Bestehen. Doch es kommt alles anders. Wegen Corona brechen ihr die Einnahmen weg, und dann soll die 45-Jährige von heute auf morgen 1025 statt 300 Euro Schulbeitrag für ihren Sohn an die Europaschule in Dortelweil zahlen. Jetzt liegen die Unterlagen beim Staatsanwalt.

Angelika M. (Name der Redaktion geändert) weiß nicht mehr weiter. Seit vielen Jahren betreibt sie einen Shop für Sportartikel auf einer spanischen Urlaubsinsel. Dieser macht seit Monaten Verlust. "95 Prozent der Einnahmen sind weggebrochen. Meine Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch halten kann", sagt sie. Und als wäre dieser Alptraum-Sommer, in dem die 45-Jährige eigentlich das zehnjährige Bestehen ihres Geschäftes feiern wollte, nicht schon schlimm genug, kommt es für sie noch dicker.

"Mit einem Schreiben der Europaschule fing alles an." Sie solle ab September den dreifachen Schulbeitrag an die Einrichtung in Dortelweil zahlen. 1025 statt 300 Euro. "Ein Missverständnis", wie Angelika M. erzählt. Sie habe ihr Einkommen offengelegt, das ihres Mannes nicht. Das sei immer so gewesen. "Er ist nicht der Vater und nicht sorgeberechtigt. Wir haben keine gemeinsame Haushaltskasse. Das war mit der Schule seit dem Bewerbungsgespräch geklärt und vertraglich geregelt." Doch auf Nachfrage wurde ihr nur erläutert, sie solle einfach den höheren Betrag zahlen, dann "sei alles gut".

Schulbeitrag abrupt verdreifacht

Die 45-Jährige weigert sich, findet die Argumentation "haarsträubend". Dann kommt die Kündigung. "Ich konnte es erst gar nicht glauben." Ihr 16-jähriger Sohn Luis (Name ebenfalls geändert) steht ohne Schule da. "Die Fristen für die Anmeldung in anderen Einrichtungen sind bereits abgelaufen. Das wussten auch die Verantwortlichen der Europaschule." Die Mutter weiß nicht mehr weiter, nimmt sich einen Anwalt. "Ich lasse mich schließlich nicht erpressen." Angelika M. erstattet Anzeige wegen versuchter Erpressung.

Der Leiter der Europäischen Schule Rhein-Main, Tom Zijlstra, widerspricht der aufgebrachten Mutter deutlich. Sie übersehe geflissentlich, dass auf eine Schulgeldermäßigung kein Rechtsanspruch bestehe. "Das Kind könnte auf der Schule bleiben, wenn bei der Schulgeldberechnung das gesamte Haushaltseinkommen herangezogen wird. Das verweigert aber die Mutter hinsichtlich ihres Ehemannes, der nicht leiblicher Vater ist."

Schule behauptet Gegenteil

Das stimme so nicht, betont Angelika M.: "Ich habe mich einer Überprüfung des Einkommens nicht entzogen. Vielmehr war es so, dass wir bereits im Rahmen des Steuerbescheids 2017 einen gemeinsamen Steuerbescheid bei der Schule eingereicht haben, in dem das Einkommen meines Mannes geschwärzt war." Schließlich laute die vertragliche Regelung, das Einkommen der Eltern sei ausschlaggebend. Die gemeinsamen Steuerbescheide seien immer akzeptiert worden. "Hinzu kommt, dass ich nicht die Daten meines Mannes verweigere, sondern dass ich sie schlichtweg gar nicht habe. Mein Mann schwärzt seine Daten in den Steuererklärungen und leitet sie dann an mich weiter. Dies macht er, da er aus Prinzip niemandem seine persönlichen Daten zur Verfügung stellt, mit dem er keinen Vertrag hat." Die Schule habe etwas von ihr gewollt, was sie selbst nicht habe. "Und da sie keine Daten erhielten, wurde einfach und willkürlich der Höchstsatz für meinen Sohn festgesetzt."

Das Gegenteil behauptet die Schule. In einer gemeinsamen Erklärung mit dem Geschäftsführer der privaten Bildungseinrichtung, Klaus Minkel, schreibt Schulleiter Zijlstra weiter: "Es ist ein althergebrachter Grundsatz, teilweise auch im öffentlichen Recht verankert, dass das Einkommen des Haushalts heranzuziehen ist, wenn es um die Erlangung einer Vergünstigung geht, da von einer gemeinsamen Kasse auszugehen ist."

Schulleiter spricht von "zerrütteter Beziehung"

Angelika M. hat dafür keinerlei Verständnis. "Schulgelderhöhungen müssen laut Vertrag vor dem 31. März mitgeteilt werden und nicht Mitte Mai." Außerdem wisse die Schule über die Situation Bescheid. Ihr Sohn gehe seit drei Jahren auf die Schule. "Und auf einmal werden rückwirkend Unterlagen herausgekramt? Das ist ein Fass ohne Boden. Da sind wir bei drei Jahren schnell bei 30 000 Euro. Das entbehrt jeglicher vertraglichen Grundlage." Die vergangenen Monate haben Spuren hinterlassen. Angelika M. wirkt niedergeschlagen. "Ich mache mir Sorgen um meinen Sohn und seine Zukunft."

Schulleiter Tom Zijlstra spricht von einer "zerrütteten Beziehung". Die ESRM habe nicht das Beschulungsmonopol. "Das Kind kann preiswert an einer öffentlichen Schule unterrichtet werden." Die Schule arbeite ohne Gewinnerzielungsabsicht. "Sie hat demzufolge keine Rücklagen. Die knappen Mittel müssen auf nachgewiesene Notfälle beschränkt werden, beispielsweise bei Alleinerziehenden, Krankheit und Arbeitslosigkeit. Wir müssen uns davor schützen, dass Kinder, die womöglich in allerbesten materiellen Verhältnissen leben, zu niedrigsten Schulgeldern subventioniert werden würden, was unsolidarisch und unsozial gegenüber denen wäre, die die Subvention aufzubringen haben." Die 45-Jährige macht das wütend. "Wenn Arbeitslose in den Augen der ESRM Notfälle sind, warum sind es dann nicht auch Selbstständige, die coronabedingt gar kein Einkommen mehr haben?"

Schlaflose Nächte und letzter Kontaktversuch

Insgesamt helfen der Mutter die Antworten der Europäischen Schule nicht weiter. "Das ist alles so kurzfristig. Wir haben keinen Handlungsspielraum." Die angespannte Situation sorgt auch für Chaos in den eigenen vier Wänden. "Ich habe versucht, den ganzen Ärger von meinem Sohn fernzuhalten, aber das geht nicht mehr."

Die 45-jährige Mutter hat in den vergangenen Woche noch einmal versucht, Kontakt zur Führungsebene der Einrichtung aufzunehmen. "Einzig, weil mein Sohn bei seinen Freunden bleiben möchte, habe ich diese ganzen Versuche unternommen." Bisher vergeblich. Jetzt liegen die Unterlagen beim Staatsanwalt. "Wir haben noch einmal darauf hingewiesen, dass die Kündigung keine Grundlage hat." Die Mutter hat seitdem die ein oder andere schlaflose Nacht durchlebt. "Ich hoffe, dass das alles bald ein Ende nimmt."

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