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Spaß haben die Tänzer bei der Polonaise. Die Plattenteller bedienen Wolfgang Riemann (h. l. ) und Kurt Grimm.

Schätzchen vom Dachboden

Bad Vilbel (bnk). "Es war einmal ein treuer Husar", erklingt es im flotten Takt der Marschmusik durch das Haus der Begegnung. So etwas wird dort nicht jeden Tag gespielt. Und da ist doch noch etwas anderes herauszuhören.

Irgendwie wird der Rhythmus richtig zackig betont. Interessiert schauen einige Gäste durch den Raum, woher das Geräusch wohl kommen mag. Es ist die "Klapperschlange", die Wolfgang Riemann ganz lässig – ähnlich einer Ziehharmonika – in den Händen hält und ihr durch schwingende Bewegungen die Töne entlockt. "Die habe ich selbst gebaut", erklärt er stolz. Bei einer Musikveranstaltung im Sudetenland habe er das Instrument gesehen und gleich beschlossen, es nachzubauen. Und diese filigrane Holzarbeit ist ihm prima gelungen.

Richtig gut besucht ist am Donnerstag das Bistro im Haus der Begegnung. Nahezu alle Plätze sind von Senioren besetzt, und alle freuen sich über den nostalgischen Musiknachmittag, der alte Erinnerungen weckt. Da quietscht und eiert es auch schon einmal, denn eine alte Schellack lässt sich nicht immer so einfach richtig einstellen. Der guten Stimmung tut dies keinen Abbruch.

Zu den Gästen gehört auch Karin Hartmann, die mit Ehemann Horst gekommen ist. "Ich finde das hier ganz toll", sagt sie begeistert. "Mein Cousin Kurt Grimm hat mir von der Schellack-Party erzählt." Grimm steht zusammen mit seinem Freund Wolfgang Riemann an den Plattenspielern und kümmert sich konzentriert um das Auflegen der alten Scheiben. Da erklingt ein Wiener Walzer. "Ach der Wiener Walzer, das ist mein Lieblingstanz; da muss ich an die Tanzstunde in den sechziger Jahren denken", sinniert Hartmann. Sehr gerne habe sie mit ihrem Mann diesen schnellen Walzer mit den vielen Drehungen getanzt. "Und Horst brachte mir die Linksdrehungen bei", erinnert sie sich. Alles hätten sie in jüngeren Jahren getanzt. Fast alles – bis auf den Tango. Das war wohl nicht ihr Rhythmus.

Und weiter geht die Party. Die großen Schlager der Nachkriegszeit bis hin zu den siebziger Jahren sind auch zu hören. Dazu gehören Lieder wie "Mendocino" von Michael Holm oder "Das Mädchen Carina" von Roy Black. Sie bringen die Besucher zum Träumen. Es werden Erinnerungen ausgetauscht, man lacht, erzählt, und immer mal wieder wird ein Tänzchen gewagt.

Wo kommen all die alten Scheiben her? "Ich sammle alte Schallplatten, da sind auch Schellacks dabei", erklärt Riemann. "Und für die anderen Raritäten haben Freunde und Bekannte auf Dachböden und in ihren Kellern herumgestöbert." Mit seinem Freund Grimm trifft er sich regelmäßig sonntags zum Mittagessen; dabei kamen die beiden Herren auf die Idee, eine Schellack-Party zu veranstalten. Die Besonderheit der Schellack ist, dass sie mit 78er-Umdrehung abgespielt wird im Unterschied zu Singles und Langspielplatten die mit 45 und 33 1/3 Umdrehungen laufen. Die passenden Abspielgeräte waren bald gefunden und instand gesetzt. Mit der Unterstützung von Marianne Sahner-Völke vom Seniorenbüro der Stadt Bad Vilbel konnte der vergnügliche Nachmittag auf den Weg gebracht werden. (Fotos: bnk)

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