Präventionsprogramm

Position gegen Hass

  • VonJürgen W. Niehoff
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Die Bad Vilbeler Naturfreunde haben sich in einem Seminar zu Stammtischkämpfern fortgebildet, um gegen Stammtischparolen gewappnet zu sein.

Wie kann Sprachlosigkeit überwunden werden, wenn im privaten Umfeld rassistische oder menschenfeindliche Sprüche auftauchen? Diese Frage hat sich Werner Battenhausen von den Naturfreunden gestellt. Ihm geht es um den respektvollen Umgang der Menschen untereinander. Er stieß auf das Rechtsextremismus Präventionsprogramm »Zusammenleben durch Teilhabe«, das vom Bundesinnenministerium gefördert wird und extremistischen und verfassungsfeindlichen Strömungen entgegen wirken soll.

Am vergangenen Samstag standen die beiden für das Programm geschulten Psychologiestudenten Sandra und Joscha im Haus der Begegnung bereit, um 19 vorwiegend jüngeren Gästen Wege zu zeigen, wie man Sprachlosigkeit auch in schwierigen Momenten überwinden kann.

Ohne Patentrezept

»Ich saß in einer U-Bahn als plötzlich eine Frau, aus der Transgenderszene, von zwei Männern übelst angemacht wurde. Und ich habe mich nicht getraut, einzugreifen«, schildert die 40jährige Steffi die Situation, in der sie sich über ihre Sprachlosigkeit geärgert hat. Sie fühlte sich überfordert und wusste nicht, wie sie hätte eingreifen und helfen können. »Derartige Momente kenne ich. Ich fühle mich dann hilflos eingeschlossen wie in einem U-Boot und kann nichts sagen«, ergänzt eine Teilnehmerin. Bettina, ei-ne Sozialarbeiterin an einer Schule erzählt von Erlebnissen aus ihrem Alltag, wo Eltern ihre Kinder in Schutz nehmen, wenn diese wegen ihrer menschenverachtenden Haltung getadelt wurden. »Da fehlt mir dann oftmals die Schlagfertigkeit, mit dem richtigen Argument die Eltern bloß zustellen, wenn die dann noch ihren Nachwuchs verteidigen.« Linda hingegen bekommt ihr Temperament nicht in den Griff, wenn andere Menschen sich extremistisch äußern: «Ich überziehe und haue zu sehr drauf, was mich dann unglaubwürdig macht.«

Eigene Sprachlosigkeit

Nachdem die Teilnehmer ihre Erlebnisse von eigener Sprachlosigkeit geschildert haben, kommen die Trainer zu Wort. »Es gibt kein Patentrezept, das euch in solchen Situationen helfen kann. Jeder Mensch ist verschieden, verfügt über ein unterschiedliches Temperament und ist möglicherweise auch unterschiedlich redegewandt«, erklärt Trainerin Sandra. Ein Ausweg stelle deshalb das persönliche Stellungnehmen dar. »Positioniert euch, sagt wie ihr selbst die Sache seht. Dabei solltet ihr jedoch darauf achten, den Gegenüber nicht anzugreifen oder bloß zu stellen. Das schafft nur erneute Provokationen«. In vielen Fällen sei es sogar besser, beispielsweise im Lehrer–Schüler–Verhältnis oder Vorgesetzten zu Mitarbeiter, wenn solche Gespräche unter vier Augen geführt würden. Dann sei die Einsichtsfähigkeit oftmals einfacher zu erzielen als vor einer größeren Menge, wo ansonsten der Trotz die Oberhand gewinnen würde.

Nicht sich selbst gefährden

Oftmals müsse man das Eingreifen und Zurechtweisen von der Situation abhängig machen. »Kein Mensch muss sich selbst gefährden – auch wenn das Gesagte noch so menschenverachtend ist. Die persönliche Sicherheit steht über allem«, erklärt Joscha.

In einem zweiten Teil, der dann allerdings nicht mehr öffentlich war, wurden den Teilnehmern Verhaltensweisen gezeigt, wie sie ihre Schrecksekunde überwinden und schlagfertig das richtige Argument gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit haben. Wobei die beiden Trainer darauf hinweisen, dass es ein allgemeines Patentrezept, ein jederzeit passendes Gegenargument niemals gebe. »Deshalb im Zweifel nur die eigene Position verdeutlichen. Das reicht in den meisten Fällen schon aus.«

Infokasten

Immer auch politisch

Die Naturfreunde sind ein sozial-ökologischer und gesellschaftspolitisch aktiver Verband für Umweltschutz, sanften Touris-mus, Sport und Kultur mit mehr als 70 000 Mitglieder in über 600 Ortsgruppen. »Was uns von anderen Naturschützern und Natursportlern unterscheidet, ist unser Anspruch, politisch zu wirken. Darauf können die Naturfreunde stolz sein. Unser Platz bleibt der einer linken Freizeitorganisation mit dem Anspruch auf eine bessere Welt«, sagt Werner Battenhausen. (jwn)

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