Die Gestalten aus Holz sind Flüchtlingen nachempfunden. Sie schmücken seit zehn Jahren den Platz auf dem Heilsberg. FOTOS: JSL
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Die Gestalten aus Holz sind Flüchtlingen nachempfunden. Sie schmücken seit zehn Jahren den Platz auf dem Heilsberg. FOTOS: JSL

Ein Platz über den Dächern

  • vonJürgen Schenk
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Die Adolf-Freudenberg- Anlage auf dem Heilsberg bietet eine herrliche Aussicht auf Bad Vilbel. Für zwei Vilbelerinnen ist der Platz über den Dächern der Stadt ein ganz besonderer: Regelmäßig begrüßen sie dort ihr neues Lebensjahr mit Decken und Sekt.

Die Adolf-Freudenberg-Anlage macht an diesem Herbstmorgen einen verlassenen Eindruck. Es ist nasskalt und still am Hang des Bad Vilbeler Heilsberges. Nur das bunte Laub auf und neben den Bäumen sorgt für ein paar willkommene Farbtupfer.

An der Stelle, wo der Hang am stärksten zur Kernstadt hin abfällt, ist die Aussicht auf Bad Vilbel hervorragend: Neue Mitte, Bahnstrecke, Christuskirche - einige Fixpunkte sind schnell ausgemacht. Man erkennt Dortelweil und Massenheim. Und ganz am Horizont den Karbener Wald, der wie ein lang gezogenes Band die Szenerie abschließt.

Die Adolf-Freudenberg-Anlage auf dem Heilsberg bietet Weitsicht. Vor über 50 Jahren wurde der kleine Park angelegt. Stifter war der damalige Heilsberger Pfarrer Adolf Freudenberg (1894 bis 1977). Er wirkte seit 1947 als Seelsorger der Flüchtlingsgemeinde an der Heilig-Geist-Kirche. Wegen der jüdischen Abstammung seiner Frau war Freudenberg 1934 als Diplomat aus dem Staatsdienst ausgeschieden und hatte sich daraufhin der Kirche zugewandt. Nach ihm wurde die Anlage auf dem Heilsberg benannt.

Manche böse Zungen nennen die Grünfläche mit ihrem aufgeschütteten Plateau aber auch "Feldherrenhügel". Immer wieder heißt es, sie sei "in die Jahre gekommen" und benötige "ein Aufhübschen". Das mag teilweise zutreffend sein. Dennoch scheint es in Bad Vilbel Menschen zu geben, die mit der Freudenberg-Anlage Stücke ihres Lebens verbinden. Zwei davon kann man beinahe jeden Tag dort oben am Aussichtspunkt treffen.

Geburtstagsritual mit Sekt

Thea Eisenblätter und Gerlinde Kallus nehmen regelmäßig den mühsamen Weg aus der Südstadt in Angriff. Und das machen die beiden älteren Frauen nicht nur, um ihre Hunde auszuführen. Sie wollen "ihre" Aussicht auf die Quellenstadt genießen, "ihre" Häuser von oben betrachten, so wie sie es schon von Jugend an tun. Auch wenn es manchmal nur ein paar Minuten sind - für eine kleine Anekdote reicht die Zeit immer, bevor sie sich auf den Rückweg machen.

Anders sieht es an ihren Geburtstagen aus. "Wir haben beide in der kalten Jahreszeit Geburtstag", verrät Thea Eisenblätter. "Dann nehmen wir uns dicke Jacken und Decken und gehen hier hoch. Zu zweit, mit einer wunderbaren Aussicht und einer Flasche Sekt, begrüßen wir das neue Lebensjahr. Das machen wir schon länger so."

Normalerweise sei die Freudenberg-Anlage ein sehr ruhiger Platz, sagt Gerlinde Kallus. Nur zum Jahreswechsel kämen viele Leute zusammen, um das Silvester-Feuerwerk zu sehen. "Und das sind nicht nur Heilsberger, sondern Leute aus verschiedenen Stadtteilen. Dann ist hier richtig was los. Man hat einfach den besten Blick auf die ganze Gegend."

Im Winter war der Hang an einigen Stellen der perfekte Ort zum Schlittenfahren. Im sogenannten "Russenwäldchen" soll es gleich mehrere Schlittenbahnen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden gegeben haben. "Eine nannten wir die Todesbahn. Die sind wir nie gefahren, weil sie wirklich nicht ohne war", erinnern sich die beiden Freundinnen. Die anderen Abfahrten hätten sie häufig auf einem Schlitten gemeistert. Eine orientierte sich dabei am Mut der anderen.

Bänke sind alt und verdreckt

Der Park ist in seinem jetzigen Zustand sicherlich kein Schmuckstück Bad Vilbels. Aus der Politik wurden in der Vergangenheit Rufe laut, die das Plateau ganz abtragen lassen wollten. Man möchte damit mehr Platz schaffen. Auch von einer Neugestaltung mit neuen Sitzmöglichkeiten war die Rede. Es ist deutlich zu sehen: Die Sitzbänke sind alt und teilweise verdreckt. Vor rund 16 Jahren wurde zum letzten Mal Geld aus einer Spende in die Anlage investiert. Die Stelen mit den Figuren von Ausgebombten und Heimatvertriebenen sind allerdings ein hübsches Accessoire. Sie entstanden im Jahr 2010 und stehen für die Ursprünge des Heilsberges als Flüchtlingssiedlung. Die Vertriebenen, die hier eine neue Heimat gefunden haben, kamen vorrangig aus Westpreußen, Ostpreußen und dem Sudentenland.

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