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"Die Nidda hat sich längst gerächt"

Als Hartmut Groß 1974 nach Bad Vilbel zog, traf er die Nidda in bemitleidenswertem Zustand an: begradigt und kanalisiert, keine Spur von einem natürlichen Idyll, wie er Flüsse eigentlich kannte. Über Jahre hat er sich wie kaum ein Zweiter für den Naturschutz an der Nidda stark gemacht. Nun hat er ein facettenreiches Buch über die Geschichte der Nidda geschrieben. Im Interview spricht er jedoch kaum über die Vergangenheit. Denn trotz weitgehend gelungener Renaturierung bereitet ihm eine Sache große Sorgen.

Herr Groß, ich bin selbst in den 90ern unmittelbar neben der Nidda aufgewachsen. Da war der Fluss längst ein Kanal. Was habe ich alles verpasst?

Hartmut Groß:Vor der Kanalisierung hatten die Menschen ein besonderes Verhältnis zu ihrem Fluss. Es war ein inniges Verhältnis. Die Nidda war eine erweiterte Spielstube. Die Kinder haben dort ihre Freizeit verbracht, schwimmen gelernt, Fische gefangen, waren im Winter darauf Eislaufen. Sie haben den Fluss zu jeder Jahreszeit in der jeweiligen Ausprägung der Natur erlebt.

Aus heutiger Sicht werden die Kanalisierungen schnell als Frevel abgetan, damals hatten die hochwassergeplagten Menschen jedoch gute Gründe. Hätten die Menschen es damals besser wissen können?

Groß:Ja, sie hätten es besser wissen können. Ein Kanal ist einfach nicht die angemessene Geometrie für einen Fluss. Aber die Überschwemmungen haben den Menschen damals ohne Zweifel zugesetzt. Das darf man nicht verkennen und muss man den damaligen Entscheidern zu Gute halten.

Machen Sie den Entscheidungsträgern von damals einen Vorwurf?

Groß:Überhaupt nicht. Jede Zeit hat ihre Kultur. Viele haben ihre Fehler von damals inzwischen erkannt und auch zugegeben. Früher galt nunmal die Maxime, der Mensch muss vor dem Wasser geschützt werden. Heute wissen wir, die Maxime sollte eigentlich lauten, dass Wasser vor dem Menschen geschützt werden muss.

Der Fluss sieht heute zwar besser aus, doch die Wasserqualität ist streckenweise noch schlecht. Haben wir wirklich etwas aus der Vergangenheit gelernt?

Groß:Die neue Erkenntnis ist, dass die Renaturierung notwendig war, um eine Grundlage zu bilden, für das, was jetzt ansteht - nämlich die Verbesserung der Wasserqualität. Ohne die Renaturierung könnten anderen Maßnahmen gar keinen Effekt haben. Die Renaturierung ist fast geschafft. Jetzt haben die Kommunen ihre Aufgabe vor sich.

Ist diese Botschaft denn bei den Kommunen angekommen?

Groß:Total, aber mit der Umsetzung ist es wie bei den Forderungen zum Klimaschutz: Es wird zu sehr abgewogen und die Realisierung damit verzögert. Im Wesentlichen geht es um die Kläranlagen und damit um die ganze Konsumwirtschaft, die Kosmetikindustrie, die Arzneimittelindustrie. Das geht auch alle privaten Haushalte an. Stoffe, die Kläranlagen Probleme bereiten, müssen vermieden werden. Dazu gehört auch mehr Aufklärung seitens der Kommunen. Das wird allerdings nicht überall klappen, deswegen braucht es dringend eine vierte Reinigungsstufe in den Kläranlagen - in Bad Vilbel sollte die eigentlich in diesem Jahrzehnt kommen.

Sie leiten Ihr Buch mit einem recht bedrohlichen Zitat von Johann Heinrich Pestalozzi ein: "Früher oder später, aber immer gewiss, wird sich die Natur an allem Tun des Menschen rächen, das wider sie selbst ist." Wann hätte sich die Nidda gerächt?

Groß:Die Nidda hat sich längst gerächt: Die Fischer haben keine Fische mehr gefunden, die Kinder haben ein Erlebnisraum verloren. Da sind Lebensräume vernichtet worden. Das ist Rache genug.

Ihr Buch knüpft an Ihre Nidda-Dokumentation von 1991 an. Wäre der Hartmut Groß von 1991 denn mit der heutigen Situation zufrieden?

Groß:Eigentlich schon. Was hier passiert ist, darf man nicht kleinreden. Es sind noch Strecken offen, aber der Großteil der Renaturierung ist erledigt. Jetzt geht es um die Wasserqualität und wie die Auen einbezogen werden. Aber nicht alles lässt sich zurückdrehen, die Auen wurden zugebaut und zugeackert.

Sie haben für Ihre Recherchen etliche Bilder und Dokumente betrachtet. Warum erfüllt Sie dieser doch recht kleine Fluss mit so viel Leidenschaft?

Groß:Weil ich an ihm in weniger als 100 Meter Entfernung jahrzehntelang gewohnt habe. Heute lebe ich zwar am Erlenbach, aber auch besonders die kleinen Zuflüsse machen unsere Natur aus. Selbst kleine Gräben, die sommertags kein Wasser führen, gehören als Vorgarten zum Lebensraum eines Flusses. Mir ist es wichtig, vor der eigenen Haustür zu kehren.

Nicht nur die Kanalisierung hat den Fluss übel zugerichtet, auch Schmutz im Abwasser und gelegentliche Unfälle sorgten für Fischsterben. Ist ein Fluss ein Spiegelbild des fehlerhaften Menschen?

Groß:Das kann man wohl sagen. Die gesamte Natur ist ein Spiegelbild unserer Ethik.

Was haben Sie bei Ihren Recherchen über die Menschen gelernt?

Groß:Ich glaube, dass jeder Mensch einen Kern in sich trägt, der die Natur schützen will. Aber es gibt Faktoren, die die Menschen veranlassen, darüber hinwegzusehen und die Natur als nicht so wichtig zu erachten und auszubeuten. Die Natur ist aber kein Konsumelement, man kann sie nicht kaufen und benutzen, man muss sie erfühlen und erleben.

Warum können die Menschen ihre Flüsse nicht in Ruhe lassen?

Groß:Die Flüsse haben ein Potenzial, das der Wirtschaft zugutekommt. Das ist ein sehr großer Anreiz. Das Potenzial der Nidda für die Wirtschaft ist heute aber bei null. Der letzte Fischer hat 1936 aufgegeben, und Mühlen gibt es auch längst nicht mehr.

Das heißt, heute können nur Verbote den Fluss vor den Menschen schützen?

Groß:Verbote, wie sie etwa für Kanufahrer ausgesprochen wurden, sind zweischneidig, denn sie verhindern, dass der Mensch die Erlebnisräume in der Natur betreten kann. Doch natürlich hat der Mensch ein Recht, die Natur zu erleben. Verbote sind daher die Ultima Ratio.

Aktuell gibt es viele Diskussionen, wenn bei Renaturierungsarbeiten Uferbäume gefällt werden. Wie positionieren Sie sich?

Groß:Wenn ein Baum gefällt wird, dann liegt dafür meist ein nachvollziehbarer Grund vor. Wenn die Nidda dafür erweitert wird, dann wird damit etwas in Gang gesetzt, das einem ökologischen Nutzen Rechnung trägt. Das ist ein Schritt in die Zukunft, da kann ich die Fällungen tolerieren.

Was macht Ihnen mit Blick auf die Zukunft am meisten Sorgen?

Groß:Bad Vilbel muss jetzt erstmal den Hessentag stemmen und kann sich angeblich nicht um die vierte Reinigungsstufe kümmern. Meine Sorge ist, dass die Dringlichkeit nicht gesehen wird. Selbst von der grünen Landespolitik merke ich nicht, dass dort sonderlich viel Druck gemacht wird.

Sie beschreiben die Renaturierung als "Wiedergutmachung an der Natur". Wann wird diese gelungen sein?

Groß:Gewässerschutz ist eine Daueraufgabe. Aber ich hoffe, dass nun, nachdem die Renaturierung vieles ins Rollen gebracht hat, endlich an die Verbesserung der Kläranlagen gedacht wird.

Gab es etwas, das Sie bei Ihren Recherchen selbst überrascht hat?

Groß:Absolut. Der Bericht "Die Nidda stand still" über das Jahr 1619 oder die Überschwemmung in Eschenrod, bei der 21 Menschen starben. Diese Geschichten waren mir zuvor nicht bekannt. Auch ich habe noch einiges gelernt, was mir sehr viel Freude bereitet hat.

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