Gottfried Lehr erläutert die derzeitigen Probleme mit Kanu-Touristen an der Nidda. Im Chat können die Zuhörer Fragen stellen. FOTO: NIKLAS MAG
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Gottfried Lehr erläutert die derzeitigen Probleme mit Kanu-Touristen an der Nidda. Im Chat können die Zuhörer Fragen stellen. FOTO: NIKLAS MAG

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Die Nidda anders kennenlernen

  • vonNiklas Mag
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Gerade in Zeiten von Corona werden digitale Veranstaltungsformate immer populärer. Gerade kleinere, lokale Seminare und Vorträge können davon profitieren, und so organisierten Gottfried Lehr, Frank Uwe Pfuhl und Marco Weller gemeinsam das Online-Webinar "Nidda, Nasen, Biberburgen", an dem sich am Donnerstagabend fast 50 Zuschauer beteiligten.

U m Punkt 18 Uhr haben alle Teilnehmer über einen Link den virtuellen Seminarraum betreten. "Guten Abend, gleich geht es los", ist plötzlich auf dem Bildschirm zu lesen, einige Anwesende grüßen über die Chat-Funktion Frank Uwe Pfuhl, den Vorsitzenden des Naturschutzbundes Wetterau (NABU). Neben ihm am Tisch sitzt Gewässerökologe Gottfried Lehr, beide schauen in die Kamera und legen los: "Wir sitzen im Alten Rathaus Assenheim. Natürlich mit genug Abstand zueinander", erläutert Pfuhl einleitend. Das Seminar wird in Echtzeit übertragen, die beiden Moderatoren haben die Möglichkeit, verschiedene Bilder, Grafiken oder Videos abzuspielen. Wie auf einer Leinwand während eines analogen Vortrags eben auch.

Diese Möglichkeit nutzt Gottfried Lehr zuerst für einige alte Bilder der Nidda. Denn der Fluss ist im Vergleich zum frühen 20. Jahrhundert kaum wiederzuerkennen. "Damals lag Bad Vilbel noch in Oberhessen", meint Lehr und lacht. Er zeigt die Alte Mühle, das frühere Niddawehr, das heute nicht mehr existiert, und weitere Bilder aus dem Jahr 1930. Doch diese Idylle wurde in den 1960er Jahren unterbrochen. "Man begann damit, die Nidda zu begradigen. Das hatte seinen Höhepunkt in den 1970er Jahren", weiß Lehr, der die mittlerweile fast komplett durchgeführte Renaturierung des Flusses geleitet hat.

Schnurgerade verlief der Fluss

Lehr zeigt den rund 50 Online-Teilnehmern Bilder von einer schnurgerade verlaufenden Nidda, ohne Büsche, Bäume, nur mit getrimmtem Rasen am Rand. "In den 70ern gab es dann aber auch das große Fischsterben im Rhein und so langsam wurde den Menschen klar, dass man so nicht einfach in die Natur eingreifen kann." Auch die begradigte Nidda wehrte sich, bildete an einigen Stellen wieder natürliche Mini-Strukturen, indem der Fluss beispielsweise nach Frost im Winter die Gradlinigkeit hier und da durchbrach.

"Erste Pilotmaßnahmen für die Renaturierung begannen schon 1990. Es sollten wieder Rückzugsräume für Tiere entstehen." Mittlerweile zeigt die Nidda sich an vielen Stellen wieder mit viel Grün am Rand, Bäume liegen im Fluss, Kiesbänke bilden sich. "Das hat dazu geführt, dass die Barbe, der Eisvogel, Störche, Nasen und sogar der Biber nach und nach an die Nidda zurückkehren", beschreibt der Nidda-Experte. "Der Fluss entfaltet wieder seine natürliche Dynamik, es entstehen neue Strukturen und Lebensräume ganz von selbst." Doch gibt es derzeit einen Wermutstropfen. "Gerade Corona treibt viele Leute in die Natur, vor allem sehe ich derzeit viele Kanus." Lehr zeigt ein Video, das er unter Wasser aufgenommen hat. Zahllose Fische tummeln sich auf einer Kiesbank. "Die laichen dort ab, und das Wasser ist kaum höher als 15 Zentimeter. Nun stellen Sie sich vor, eine ganze Gruppen Kanuten zieht da drüber", sagt Lehr.

Kanuten bereiten Probleme

Gerade im Frühjahr und Sommer sei das schlimm für den Fisch-Nachwuchs. Er selbst sei nach entsprechenden Hinweisen an Kanufahrer schon beleidigt worden. Im Chat weist ein Teilnehmer daraufhin, dass ein Verleih sogar Boote für Junggesellenabschiede anbiete. Jens Völker, Vorsitzender des Planungs- Bau- und Umweltausschusses, schlägt vor, die Thematik in die Gremien zu tragen. Zudem, so Lehr, sei von zu viel Kontakt mit der Nidda ohnehin abzusehen, denn der Fluss sei durch Sedimentablagerungen von Äckern, Regenrückhaltebecken und Kläranlagen verschmutzt, beherberge Bakterien und multiresistente Keime.

Auch ein kleines Stück südlich von Bad Vilbel darf die Nidda wieder die Nidda sein. Der Bonameser Nordpark ist nur wenige Minuten mit dem Fahrrad von der Quellenstadt entfernt und zeichnet sich seit über zehn Jahren durch Natur aus, die vom Menschen zwar besucht, aber nicht mehr angerührt wird. Ein Altarm der Nidda umfasst den Park, der Spaziergängern das Gefühl gibt, in eine lange zurückliegende Vergangenheit gereist zu sein. Der Nordpark gehört zum Projekt "Städte wagen Wildnis", das es in verschiedenen deutschen Städten gibt. nma

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