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Vertrauen ins Praxiswissen: Stadtverordneter Herbert Anders (rechts) lauscht den Ausführungen des ehemaligen Behindertenbeauftragen Hajo Prassel.

Neue Aufgaben für Prassel-Nachfolger?

Bad Vilbel(app). "Behinderte als separate Gruppe zu betrachten, ist falsch", eröffnete SPD-Politiker Michael Wolf vergangene Woche im Sozialausschuss sein Plädoyer. Dort hatte seine Fraktion per Prüfantrag vorgeschlagen, das Amt des städtischen Behindertenbeauftragten auf das eines Inklusionsbeauftragten zu erweitern.

Bei vielen Fragestellungen gehe es inzwischen nicht nur um die Belange behinderter Menschen. "Wenn zum Beispiel ein Weg oder ein Gebäude gebaut wird, betrifft die Barrierefreiheit nicht nur Menschen im Rollstuhl, sondern auch Senioren oder Mütter im Kinderwagen", erklärte Wolf. Wenn man das zuständige Ehrenamt breiter fasse, könne man mehr Gruppen miteinbeziehen. Andere Städte seien da weiter als Bad Vilbel, dort werde der Inklusionsbeauftragte wie selbstverständlich herangezogen, beispielsweise wenn es etwa um Baubelange ginge.

Dies sei in Bad Vilbel bisher nicht der Fall, erklärte Hans-Joachim Prassel, SPD-Mitglied und bis vor einiger Zeit selbst Behindertenbeauftragter. Um das zu sehen, musste er gar nicht weit zurückblicken.

"Eben ging es um den Neubau der Kindergärten - keiner der beiden hat einen separaten Aufzug", veranschaulichte Prassel. Wolle ein Kind im Rollstuhl also in den ersten Stock, müsse es einen erheblichen Umweg auf sich nehmen. "Das ist integratives Denken statt Inklusion. Behinderte dürfen Dabeisein, aber Teilhaben dürfen sie nicht", kritisiere Prassel. Inklusion sei also wichtig - aber ob der SPD-Vorschlag sinnvoll sei, darüber wollte der Fachmann kein abschließendes Urteil fällen. "Wir müssen über die Funktion des Amtes nachdenken. Fakt ist, dass bereits jetzt die Aufgaben mit einer Stelle und dass auch noch ehrenamtlich kaum zu leisten sind", verdeutlichte er. Hajo Prassel diente der Stadt seit 2010 als parteiübergreifender Berater in Sachen Barrierefreiheit und half Bürger in Sozialrechtsfragen. Im Frühjahr zog er um und gab im Zuge dessen das Amts des Behindertenbeauftragten ab. Bis heute fehlt ein Nachfolger. "Ich konnte das machen, weil ich es gerne tat und Rentner bin. Allein für die Bürgerberatung kamen da schnell 20 Stunden pro Woche zusammen", sagte Prassel. Und so war der Praktiker nicht der Einzige, den der SPD-Vorstoß nicht vollends überzeugen konnte.

"Ich denke die Stadt ist nicht bereit für einen Inklusionsbeauftragen", sagte Sascha Nuhn (Grünen), der selbst gehörlos ist. "Viele Leute wissen gar nicht, was Inklusion überhaupt ist oder haben ein falsches Verständnis davon. Es geht um Vielfalt und Teilhabe. Das müssen wir kommunizieren"

"Ich denke mit Hajo Prassel haben wir damals einen Glücksgriff gemacht, der nicht selbstverständlich ist", sagte Irene Utter (CDU). "Was er geleistet hat, ist ehrenamtlich kaum schaffbar. Die Kompetenzen da noch auszuweiten, halte ich für schwer, vor allem da Teile dieser Aufgaben ja bereits jetzt durch den Ausländerbeirat oder den Seniorenbeirat erfüllt werden." Zunächst müsse Priorität sein, überhaupt einen Nachfolger zu finden.

Als Folge der Debatte zogen die Sozialdemokraten ihren Prüfantrag zurück, um ihn zu überarbeiten. Im Stadtparlament heute Abend wird er kein Thema sein.

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