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Nach dem Schlaganfall sollte man Verbündete finden

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Wer einen Schlaganfall erleidet, dessen Leben wird einmal komplett auf links gedreht. Das greift vor allem die Psyche an. Ein Ausweg aus dem Gefängnis im Kopf: Verbündete finden. Zum Beispiel in Bad Vilbel.

Als Vitomir Spendic zu erzählen beginnt, wie ihm das Schicksal sein altes Leben genommen hat, fühlt es sich an, als hielten alle im Gruppenraum zwei kurz die Luft an. Wir sind zu siebt an diesem Abend: Fünf Menschen, die einen Schlaganfall überlebt haben, ihre Beraterin Silke Schöck von der Selbsthilfekontaktstelle und ich, der Reporter, der heute bei ihrem Treffen im Bad Vilbeler Haus der Begegnung dabei sein darf. Eine absolute Ausnahme.

Die Selbsthilfegruppe Schlaganfall ist sonst alles andere als eine öffentliche Veranstaltung. »Normalerweise bleibt alles, was hier gesagt wird, in diesem Raum«, erklärt Schöck. Es soll ein geschützter Ort sein, an dem sich diejenigen, die unter den Folgen der schweren Erkrankung leiden, austauschen. Intim, privat, vertraut. Aber die Teilnehmer wünschen sich auch, dass noch mehr Leidensgenossen den Weg zu ihnen finden. Deshalb haben sie die Presse eingeladen. »Da draußen versteht uns nämlich niemand«, sagt Spendic und deutet zur Tür.

Jährlichen erleiden 270 000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Das geht aus den Zahlen der Schlaganfall-Hilfe hervor. Die mit Abstand häufigste Ursache für die Erkrankung ist ein Blutgerinnsel, das ein gehirnversorgendes Gefäß verschließt. Seltener ist, dass ein Blutgefäß im Kopf reißt. In beiden Fällen kommt es jedoch zu einer Durchblutungsstörung. Die Nervenzellen im Gehirn werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt und beginnen abzusterben. Mit tragischen Folgen.

Lange Reha-Aufenthalte

Innerhalb der ersten zwölf Monate sterben bis zu 40 Prozent der Betroffenen – und für all jene, die überleben, ist nichts so mehr, wie es einmal war. Die meisten tragen bleibende Lähmungen oder Sprachstörungen davon, oft müssen sie sich über lange Reha-Aufenthalte zurück in den Alltag kämpfen. »Das schlimmste ist aber, dass die Psyche komplett hinüber ist«, sagt Spendic und blickt in die Runde. »Die Motorik ist weg, die Sprache ist weg. Man kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Und schließlich fragt man sich: Wie kann ich noch ein Teil dieser Gesellschaft sein?«

Vor knapp zwei Jahren hatte der 58-Jährige einen Schlaganfall. Warum, kann er sich bis heute nicht erklären. Spendic spielte Tennis und Fußball, rauchte nicht, kochte leidenschaftlich gern und führte als Selbstständiger eine Autowerkstatt. Kurz: Ihm ging es gut. Dann war vom einen auf den anderen Tag alles anders: Er konnte nicht mehr laufen, konnte nicht mehr sprechen, die rechte Seite war gelähmt. »Man bekommt ein zweites Gesicht«, sagt der Vilbeler, dem seine Erkrankung auf den ersten Blick kaum anzumerken ist. Sein »zweites Gesicht«, so nennt er dieses andere Ich, das ihn seit dem Schicksalsschlag begleitet. Das Ich, das ihm vor Augen hält, dass er keinen Sport mehr machen kann. Dass er den Job aufgeben musste. Dass da dauerhaft dieser Schmerz ist, der sich wie ein schlimmer Muskelkater anfühlt. Dass die Krankenkasse ihn erst mit den vielen Formularen alleingelassen hat und ihm heute kaum etwas zahlt. Dass er wegen der Krankheit irgendwie nicht mehr dazugehört.

»Alle hören dir zu. Aber viele Gedanken machen sie sich nicht«, sagt Spendic über seine Mitmenschen. Er habe aber Hilfe und Verständnis auf dem Weg zurück gebraucht. Deshalb schätzt er die Selbsthilfegruppe so sehr, auch wenn der Zeitungsausschnitt über ihre Treffen erst drei Monate an seiner Pinnwand hängen musste, bevor er sich dorthin wagte. »Hier kann man loslassen und über Dinge sprechen, die sonst niemand versteht«, erklärt der 58-Jährige. Weil ihn das weitergebracht hat, will er anderen davon erzählen. Ihnen Mut machen.

Menschen jeden Alters

Und so macht es Spendic auch nichts aus, in dieser Geschichte mit ganzem Namen aufzutauchen. Anders ist das bei seinen Mitstreitern, die zwar ihre Geschichten erzählen und sich fotografieren lassen, ihre Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen wollen.

Da ist die 81-Jährige, die zwei Mini-schlaganfälle hat und nun Angst hat, dass der große folgt. Da ist die 39-Jährige, die vor zwölf Jahren als Studentin eine Hirnstammblutung hatte, und sich freut, in der Selbsthilfegruppe »nicht immer nur Gesunde« zu treffen. Da ist die 70-Jährige, in deren Augenwinkel eine Träne glitzert, wenn sie hört, was die anderen erzählen, und die dem lieben Gott dankt, dass sie nach dem Hirnschlag »nur« zum Logopäden musste. Und schließlich ist da der 81-Jährige, der sich nach zwei Schlaganfällen erst von der Außenwelt abkapselte und heute wieder die Posaunenkonzerte seines Enkels besucht.

Jeden dritten Dienstag im Monat sprechen sie über all das. Über ihre Familien, die mit der Krankheit manchmal nicht gut umzugehen wissen. Über die besten Ärzte in ihrem Metier. Aber auch über die Walking-Treffs, zu denen sie gern gehen. Sonst kämen noch mehr Teilnehmer, erzählt Schöck. Nach einem Fachvortrag hatte sich die Selbsthilfegruppe vor einem Jahr gegründet. Schöck oder eine ihrer Kolleginnen sind seither bei jedem Treffen dabei. »In der Startphase einer Selbsthilfegruppe helfen wir, beispielsweise bei der Gesprächsführung zu leiten«, erklärt sie. »Bald kann ich mich aber ausklinken.« Man versteht sich gut, aus Bekanntschaft sind Freundschaften geworden. Und so ist die Freude groß, als Spendic verkündet: Er hat wieder angefangen zu kochen.

Die Selbsthilfegruppe Schlaganfall trifft sich an jedem dritten Dienstag im Monat von 18 bis 19.15 Uhr im Haus der Begegnung, Kontakt: Tel. 06101/1384.

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