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Rasant und reich an Verwirrung: Die Komödie »Der nackte Wahnsinn« verlangt den Darstellerinnen und Darstellern viel schauspielerisches Können und auch körperliche Konstitution ab.

»Der nackte Wahnsinn« in Bad Vilbel

Mysteriöse Sardinen und Fallstricke

  • VonChristine Fauerbach
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Türen, Taschen, Kisten, Kontaktlinsen, Kognak und Sardinen sind wichtige Requisiten in der turbulenten Burgfestspiel-Inszenierung der Komödie »Der nackte Wahnsinn«.

Das Stück verlangt den Schauspielern ein Höchstmaß an Präzision und Timing bei den Auftritten der Figuren ab. Nur so kommt die komödiantische Schlagkraft beim Publikum an. Das bedankte sich bei der Premiere für die schauspielerische Leistung beim Ensemble mit Szenenapplaus und anerkennenden Pfiffen für »nackten Wahnsinn« in Dauerschleife.

F ür Komödien bei den Burgfestspielen ist seit Jahren Regisseurin Adelheid Müther zuständig. Vor zwei Jahren lachte das Publikum zuletzt herzhaft bei ihrer zehnten Burgfestspielinszenierung »Pension Schöller«. Jetzt zeigt sie mit dem rasanten Slapstick »Der nackte Wahnsinn« des britischen Autors Michael Frayn aus dem Jahr 1982 eine ebenso turbulente wie große Liebeserklärung an das Theater. Mit großer Spielfreude zeigen neun gestandene Theaterschauspieler und -schauspielerinnen in drei Akten wie es vor, auf und hinter der Bühne bei einer Inszenierung kurz vor der Premiere zugeht. Was nicht einfach ist bei einem Stück, dessen Inhalt scharfer Betrachtung und Logik nicht unbedingt standhält. »Was zum Teufel ist hier eigentlich los?«, fragen sich nicht nur die Schauspieler. Frayns Stück spielt mit der ganzen Palette an Theaterklischees, Bühnenpannen und lotet dabei die Möglichkeiten einer Drehbühne aus. Und so wird im Laufe des Stücks das Geschehen vor, auf und hinter der Bühne sichtbar.

Schäferstündchen mit Vicki

Der 1. Akt zeigt eine technische Durchlaufprobe. Der 2. Akt eine spätere Vorstellung aus der Perspektive hinter der Bühne und der 3. Akt wieder das Geschehen auf der Bühne bei der letzten Vorstellung, bei der alle mit den Nerven am Ende sind und vom Stück nur noch Reste vorhanden sind.

Schon die erste Probe ist ein einziges Desaster. Sie wird vom völlig entnervten Regisseur Lloyd Dalles (Julian Keck), der seine Anweisungen von der Mitte der Tribüne ausgibt, zur Generalprobe ernannt. Nichts funktioniert. Schauspieler wie die resolute Putzfrau Dotty Otley, mit bürgerlichem Namen Mrs. Clackett (Britta Hübel), oder die »sehr blonde« Mitarbeiterin des Finanzamtes Vicki alias Brooke Ashton (Friederike Maria Nölting) können wie fast alle anderen ihren Text nicht. Womit die Hilfe von Regieassistentin Poppy Norton-Taylor (Alice von Lindenau) gefragt ist.

Gesucht werden ständig verloren gegangene oder verlegte Requisiten, allen voran Teller mit Sardinen. Erst verheddern sich alle Darsteller in der abstrusen Story, dann in einem Strudel aus privaten Problemen. Makler Garry Lejeune (Roger Trampelmain, gespielt von Steffen Weixler) will das vermeintlich leere Haus für ein Schäferstündchen mit Vicki nutzen. Gestört wird er nicht nur von »Perle« Dotty Otley, sondern auch von den Hausbesitzern und Steuerflüchtlingen Frederick Fellowes (Philip Brent, gespielt von Volker Weidlich) und seiner Frau Belinda Blair (Flavia Brent, die Silke Buchholz zum Leben erweckt). Das Paar ist aus Spanien in sein zum Verkauf stehendes Haus zurückgekehrt, um seinen Hochzeitstag zu feiern.

Einbrecher sorgen für Verwirrung

Für Komik und Verwirrung sorgen zudem Einbrecher Selsdon Mowbray (Andreas Krämer), der sich als Vater von Vicki entpuppt, und Inspizient Tim Allgood (Peter Albers). Die komödiantische Schlagkraft des Stückes resultiert aus Präzision und perfektem Timing der auf die Bühne kommenden und ihr abgehenden Figuren.

Für Komik sorgt zudem die Konstellation, dass sich die Figuren teils nicht wirklich begegnen, sondern ständig bei wachsender Verwirrung aneinander vorbeilaufen. Aber alle spüren, dass in diesem Haus etwas nicht stimmt.

Das muntere Spiel mit Theater-Klischees wird gnadenlos überzeichnet und mündet im 3. Akt in Slapstick. Nebenbei erhalten die Zuschauer eine Vorstellung davon, wie es ist, als Theaterschauspieler täglich diesen Job zu machen. Der lässt kaum Zeit für ein bürgerliches Leben. Trifft das Spiel dann auf das Leben oder umgekehrt, dann wird »Der nackte Wahnsinn« Realität.

Dem Ensemble auf der Bühne und dem kreativen Stab hinter den Kulissen gebührt ein dickes Lob für einen unterhaltsamen Abend.

Tobias Utter
Sebastian Wysocki

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