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Philipp Polzin (links) und Jonathan Granzow geben bei »Sister Act« und »Was Ihr wollt« den Takt an und vor. Die beiden Musikalischen Leiter sind begeistert von ihrer Aufgabe bei den Burgfestspielen.

Burgfestspiele Bad Vilbel

Mit Musik Geschichten erzählen

  • VonHanna von Prosch
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Auf der Schauspielbühne ist die Musik Dienerin des Geschehens. Anders ist es beim Musical, das von Musik durchdrungen ist und davon lebt. Dennoch bleibt es auch Theater. Für die Musikalischen Leiter der Burgfestspiele Bad Vilbel, Philipp Polzin und Jonathan Granzow, haben beide Genres unterschiedlich Herausforderungen.

Hier das temperamentvolle Musical »Sister Act«, interpretiert und geleitet von Philipp Polzin. Dort die nicht weniger bewegte Shakespeare-Komödie »Was ihr wollt«, für die Jonathan Granzow musikalisch verantwortlich zeichnet. Polzin, Jahrgang 1985, beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren intensiv mit Musicals. Er hat Musik- und Theaterwissenschaften studiert, ist diplomierter Toningenieur, war als Musikalischer Leiter auf Kreuzfahrtschiffen, hat am First-Stage-Theater Hamburg, dem Deutschen Theater München und bei den Hersfelder Festspielen mitgewirkt. Als Freischaffender wohnt er in Köln. In Bad Vilbel ist er seit 2016 engagiert und leitet dieses Jahr auch musikalisch das Dschungelbuch.

Von Einflüssen inspirieren lassen

Granzow, Jahrgang 1987, lebt in Wiesbaden und ist in erster Linie Komponist und Arrangeur. Er hat Schulmusik studiert und ist aktuell mit einer Promotionsstelle an der Hochschule für Musik in Mainz betraut. 2017 war er das erste Mal bei den Burgfestspielen, 2019 schrieb er die Bühnenmusik zu »Shakespeare in Love«. Für ihn war es wie eine Vorahnung, dass damals die Königin am Schluss sagte: »Ach, spielt doch was ihr wollt.« »Das ist toll«, meint er. »Ich kann musikalisch daran anknüpfen und lasse mich von aktuellen Einflüssen inspirieren.«

Vor der Premiere gab er sich gelassen: »Die Musik ist im Werden.« Schauspielmusik wird für jede Inszenierung neu komponiert. Mit Regisseurin Milena Paulovics arbeitet er gerne und freut sich, dass sie beide ähnliche Vorstellungen davon haben, wo und wie die Musik zur Wirkung kommen soll. Dabei geht es vor allem um die Lieder des Narren, eine zentrale Figur, die im musikalischen Ausdruck Dinge auf den Punkt bringt, tröstet, mahnt. Darsteller Sebastian Zumpe wurde deshalb auch unter dem Aspekt gesanglicher Qualitäten gecastet.

Bei Sister Act, mit der Musik von Alan Menken, sind die Noten vom Verlag vorgegeben. Polzin interpretiert und führt. »Er erarbeitet mit den Sängerinnen und Sängern eine individuelle Ausgestaltung, gibt dabei aber auch Freiräume soweit es geht.«

Dabei achtet er auf gute Artikulation, Emotion und Wandlung. »Die Kunst ist es, jeder Produktion seine eigene Handschrift zu verleihen«, fasst er zusammen.

»Ob Musical oder Schauspiel, es ist zuletzt immer ein Ritt auf der Rasierklinge«, bestätigen beide spontan. Ein Beispiel: Bei den Proben wird noch ohne Mikrofone gesungen. In den Aufführungen bedeutet das eine Hörumstellung für die Darsteller, an die sie sich gewöhnen müssen. Dazu sind Kontrollmonitore auf der Bühne notwendig, die im Bild nicht stören dürfen. Gerade beim Schauspiel erwarte man sie ja nicht, stellt Granzow klar.

Knarzenden Boden einkalkulieren

Eine der wichtigsten Eigenschaften der Musikalischen Leiter ist Flexibilität. Für das Schauspiel insbesondere, was das rechte Maß der Musik angeht und wie man sie in ihrer Intensität auf die Bühnenwirkung abstimmt. Sie müssen erkennen, wo ein paar Takte oder Phrasen zu lang wirken, wo die Artikulation zu stark oder zu schwach ist, wo Freiheit geboten oder mehr Genauigkeit gefordert ist.

Granzow muss selbst den knarzenden Bühnenboden einkalkulieren und wie viel Klang von der Sprache in den Zuschauerraum kommt, damit die Musik nicht dominiert.

Am Ende kommt die Schauspielmusik komplett vom Band. Der Komponist spielt sie digital ein, probiert sie auf der Bühne aus und ändert - bis zuletzt. »Dabei fehlt natürlich die Lebendigkeit eines Live-Orchesters, bei dem kein Tag wie der andere ist. Trotzdem können wir bei den Vorstellungen variieren, müssen aber eventuelle Änderungen wie Lautstärke oder Kürzungen mit Regie und Technik genau festlegen«, sagt er. Seine Aufgabe ist mit der Premiere erfüllt.

Polzin hingegen steht beim Musical jeden Abend am Pult. »Wegen der Abstandspflicht durch Corona mussten wir allerdings die Bläser vorab aufnehmen und zuspielen. Schlagzeug, Bass, Gitarre, zwei Keyboards und der Gesang kommen live.«

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