Ein Mann, ein Ziel, 35 000 Vokabeln

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Als Kind hütete er Schafe in der mongolischen Steppe, als junger Arzt arbeitete er an der Universität in Ulaanbaatar. Heute lebt Nasanbayar Bodigerel in Nidderau und führt eine Heilpraktikerpraxis in Bad Vilbel. Zuletzt hat er Wörterbuch auswendig gelernt. Mit seiner Geschichte will der 52-Jährige anderen Mut machen. Es ist auch die Geschichte zweier Sprichwörter – eins aus der neuen, eins aus der alten Heimat.

Als Nasanbayar Bodigerel vor fast 20 Jahren aus der Mongolei nach Deutschland kam, konnte er zwar Englisch, aber kein Wort Deutsch. Wie auch? Der heute 52-Jährige ist das sechste von neun Kindern einer Nomadenfamilie. "Ich wurde bis zum achten Lebensjahr bei den Eltern auf dem Land mit den Tieren gro?, erzählt er. Mit sechs Jahren fing er an zu reiten, die Familie lebte in Jurten, zog viermal im Jahr an einen anderen Standort um.

"Mit acht Jahren kam ich in die Schule, ins Internat. Meine Eltern wohnten fünfzig Kilometer entfernt. In den Ferien sind wir von der Schule nach Hause mit dem Pferd. Da halfen wir weiter mit den Tieren." Die Eltern betreuten 300 Schafe, einige Kühe, Ziegen und Pferde, die dem damals kommunistischen Saat gehörten.

Zweimal täglich mussten die Schafe mit der Hand gemolken werden. Durch die harte Arbeit der Nomaden bekam Bodigerel Kraft und Ausdauer mit, "es hat mich zäh gemacht", sagt er. Kenne man solch eine harte Arbeit, empfinde man anderes als leicht. Bodigerel war froh, wenn die Schule wieder anfing, denn dort gefiel es ihm.

"Zu Hause war es auch schön, aber anstrengend", sagt er rückblickend. Im Internat lernte der Junge Selbstständigkeit, etwa, weil die Kinder kaputtgegangene Kleidung selbst reparieren mussten. "Stopfen, Nähen, Waschen – das haben wir alles selbst gemacht", erinnert er sich. Bodigerel machte Abitur, studierte Medizin und wurde Kinderarzt. Später war er Sportmediziner und Dozent an der Universität der Hauptstadt Ulaanbaatar.

Doch schon als Kind hatte Bodigerel den Wunsch, im Ausland zu leben. Ein deutscher Freund, der in der Mongolei arbeitete, unterstützte ihn schließlich auf seinem Weg in die Bundesrepublik. Den nahm Bodigerel mit der transsibirischen Eisenbahn, war fünf Tage unterwegs. Seit 2000 ist er hier, 2004 hat er eine Naturheilpraxis in Bad Vilbel eröffnet. Der Freund hatte ihm geholfen , einen Ausbildungsplatz an der Heilpraktiker-Schule in Frankfurt zu finden. Denn Bodigerels Medizinstudium war in Deutschland nicht anerkannt worden.

Während der ersten Zeit in der neuen Heimat wohnte Bodigerel bei einer Familie in Grävenwiesbach. "Dort habe ich Deutsch gelernt", sagt der 52-Jährige. Er ging in die Volkshochschule nach Frankfurt, absolvierte Sprachkurse. Das Deutschlernen machte ihm Spaß. Deshalb war es auch nicht abwegig für ihn, sich einem besonderen Projekt zu stellen: Er wollte die 35 000 Wörter des Deutsch-Mongolischen Wörterbuchs auswendig lernen. 427 Seiten ist das Buch stark.

Durchhaltevermögen gezeigt

Auf die Idee gebracht hatten ihn seine Freunde. Die hatte er gefragt, wie gut sein Deutsch sei. Die Antwort: Es könnte besser sein. "Ich fertigte einen Ordner an. Jeden Tag habe ich eine Seite gelesen und Wörter aufgeschrieben, die ich nicht kannte." Er dachte: Wenn man eine Sprache lernen will, muss man gründlich lernen und die Basis beherrschen. Denn in der Mongolei gibt es ein Sprichwort: "Sprachlos ist fußlos." Bodigerel ist davon überzeugt, dass dies stimmt.

"Es war schwer, die Geduld zu behalten", schildert er. Doch erneut inspirierte ihn ein Sprichwort, diesmal ein deutsches: "›Wer A sagt, muss auch B sagen.‹ Ich sagte mir: ›Dann muss ich bis Z ins Ziel kommen.‹" Die Redewendung machte Bodigerel Mut.

2014 begann er das Projekt, machte immer mal wieder eine Pause und bis Februar dieses Jahres brauchte er, um die 35 000 Vokabeln zu lernen. Er wiederholte das Gelernte regelmäßig, kann immer noch 90 Prozent auswendig. Dass ihm die Paukerei etwas brachte, spürte er nach und nach: "Ich merkte, dass ich immer besser zurechtkam, je mehr Vokabeln ich lernte." Ein neues Ziel: Er hat begonnen, einen Akupunktur-Atlas zu zeichnen.

Seine Geschichte will er erzählen, um Menschen Mut zu machen und Kraft zu geben. "Es kommen viele Ausländer nach Deutschland. Manche meinen, sie seien zu alt, um die Sprache zu lernen. Doch das Alter spielt keine Rolle, um zu lernen", betont er. Er habe es anfangs sehr schwer gefunden, doch Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen hätten ihm geholfen.

Nasanbayar Bodigerel: "Ich bin stolz, dass ich als Nomadenkind ein ganzes Wörterbuch auswendig gelernt habe."

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