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Mit seinem Fahrrad fährt Sebastian Stehr von einem Kunstwerk zum anderen. Immer mit dabei: Sprühdosen, Farbeimer und eine Leiter. Fotos: Dominik Rinkart

Graffiti-Kunst

Lebenssinn in Sprühdosen

Die Hütten, die da stehen, wo bald die "Smart City" hochgezogenwird, sind dem Abriss geweiht. Ideal für den Bad Vilbeler Graffiti-Künstler Sebastian Stehr und seine vergänglichen Motive.

Ganz ruhig steht er da, die Dose in seiner rechten Hand, und betrachtet eine Wand. Es ist ein frühlingshafter Tag, auf den Feldern weht ein leichter Wind und die Sonne kämpft in den Morgenstunden, um die dichten Wolken der Nacht zu durchdringen. Sebastian Stehr hat für all dies keinen Blick - im Moment. Eigentlich, so erzählt er, zieht er sämtliche seiner Inspirationen aus genau solchen Beobachtungen, in diesem Augenblick geht es um Perfektion und die ganz großen Sinnfragen.

Sebastian Stehr ist ein lässiger Typ, entspannt lässt er seine Arme beim Reden neben seinem Körper schwingen, Farbspritzer zieren seine Arbeitskleidung, zwischen einem schwarzen Schal und einer Wollmütze, die einem Hut ähnelt, betrachten zwei zugekniffene Augen die Wand. Sie suchen Antworten auf zwei Fragen: Wo im Bild lässt sich technisch noch etwas verbessern und was ist der Sinn der Lebens? Denn vor zwei Dingen hat Sebastian Stehr definitiv keine Angst: Höhe und Ratlosigkeit.

Sechs Meter hoch

"Que es la vida?" hat er in schnellen Armschwüngen neben das schlanke, sechs Meter große Frauengesicht gesprüht. Das schwarz-weiße Konterfei hält einen Finger vor den Mund, ganz als würde es davor warnen eine Antwort auf diese Frage finden zu wollen. "Der Weg ist das Ziel", sagt Sebastian Stehr. Der 44-jährige Graffiti-Künstler redet gerne in philosophischen Zitaten, seine größten künstlerischen Vorbilder sind keine Geringeren als Leonardo da Vinci und Goethe.

Kunst zum Nachdenken

Das noch unfertige Frauengesicht ist nicht bloß ein Bild, es ist eine Exkursion in Stehrs Gedankenwelt und eine Aufforderung an den Betrachter. Kunst solle schließlich zum Nachdenken anregen, erklärt der Bad Vilbeler, zumindest aber zum Innehalten und Auseinandersetzen. Da ist ihm ein Mensch, der Graffitis für schlichte Schmiererei hält lieber, als jemand, der es gar nicht wahrnimmt. Am meisten, natürlich, freut er sich über Anerkennung.

Okay von der Stadt

Diese erhielt er von der Stadt, als sie ihn darüber informierte, dass die Hütten auf den Feldern des Quellenparks in Kürze abgerissen werden. In wenigen Wochen beginnen die Erschließungsarbeiten für Vilbels neue "Smart City". Für Stehr bedeutet das einen Freifahrtsschein, sich nach Belieben an den leerstehenden Bauten austoben zu können. Das ist das Größte für ihn: Freiheit, die grenzenlose Möglichkeit sich auszudrücken

Seit er 14 Jahre alt ist, greift Stehr quasi täglich zur Spraydose: "Mittlerweile bin ich Auftragskünstler, ich zahle sogar Steuern", erzählt er. Längst gibt es in großen Städten Streetart-Galerien und Graffiti-Kunst ist in der Fachwelt anerkannt. Doch so schön das auch sein mag: Das Aufrüttelnde, das Provokante, diesen grenzenlosen Charme der Freiheit, gibt es im Museum nicht zu sehen.

Graffiti als Ausdrucksform

"Graffiti ist eine Ausdrucksform", erklärt Stehr und bittet um Verständnis, selbst wenn sich ein kleiner Sprayer mal an einer privaten Wand versucht: "Die Leute verstehen nicht, dass das die Ausdrucksweise der Kids ist und sie stundenlang zu Hause geübt haben." Und er kann beruhigen, inzwischen gäbe es Mittel mit denen sich Graffitis schnell und ohne Rückstände entfernen ließen.

"Illegal" ist ein großes Wort und längst bietet Stehr lieber Workshops in Kunstschulen an, statt nachts durch Wohngebiete zu streunern. Doch soviel ist sicher, im Graffiti sind die ungebändigten Urwerte einer jeden Kunstform noch immer daheim. Wenngleich auch Graffiti den Gang der Künste geht: "Jede Kunstbewegung, die mal provokativ war, ist irgendwann in den Gallerien angekommen und wurde kommerziell."

Stehr lebt vom Sprayen

Dank Workshops und Auftragsarbeiten kann der zweifache Familienvater vom Sprayen leben, mit Höhen und Tiefen zwar, doch zufrieden. Im hohen Gras eines Bad Vilbeler Feldes weilen und eine Abrisshütte bemalen, bringt dem Künstler hingegen kein Geld, doch es bringt ihm soviel mehr: "Dieses Bild zeigt eine Frau, die ich in Peru kennen gelernt habe", erzählt er und hält inne: "Was ist Leben? Keiner weiß es! Ein befreiender Gedanke."

Stehr möchte diese Frage auf der ganzen Welt stellen. San Francisco, Madrid, Amsterdam oder eben Lima, an unzähligen Orten war er schon und hat seine Gedanken mit Bildern hinterlassen. Verewigt hat er sich dabei nie: "Graffiti ist die vergänglichste alle Künste", erklärt er. Sobald ein Bild vollendet ist, macht er eine Foto und teilt es in sozialen Netzwerken - damit macht er sich einen Namen.

Nur für kurze Zeit

Doch dann? "Schon im nächsten Moment kann jemand kommen und das Bild übermalen." Insbesondere wer illegal unterwegs sei, müsse damit rechen, dass sein Kunstwerk nahezu sofort entfernt werde. Doch auch in seiner Welt, der legalen, bestehen Bilder meist nur für kurze Zeit. Traurig macht in das keineswegs: "Das gehört dazu: Ich stecke Liebe in etwas hinein und muss doch irgendwann loslassen. So ist das Leben."

Mehr Bilder von Sebastian Stehr gibt es im Sozialen Netzwerk Instagram auf seinem Profil indian_t2b.

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