Da keine Kunden in das Geschäft von Simone Roßmus dürfen, deponiert sie die Ware zum Abholen vor ihrem Eingang.	FOTOS: CF
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Da keine Kunden in das Geschäft von Simone Roßmus dürfen, deponiert sie die Ware zum Abholen vor ihrem Eingang. FOTOS: CF

Frust im Handel

Wetterau: Modegeschäfte verdienen im Lockdown eher „Taschengeld“ als Umsatz

  • vonChristine Fauerbach
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Der stationäre Textileinzelhandel befindet sich in einer Notsituation. Monika Delazer aus Bad Vilbel und Simone Roßmus aus Karben berichten, wie sie trotz Lockdown für ihre Kunden da sind.

  • Der zweite Corona-Lockdown trifft heimische Textileinzelhändler in der Wetterau hart.
  • Die Einzelhändler üben auch Kritik an der staatlichen Überbrückungshilfe.
  • Simone Roßmus aus Karben und Monika Delazer aus Bad Vilbel stellen ihre Lösungen vor.

Bad Vilbel / Karben - Viele deutsche Einzelhändler kämpfen um ihre Existenz. Sie müssen trotz ausgefeilter Hygienekonzepte ihre Geschäfte schließen und Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Viele, wie Simone Roßmus von »Sie & Er Mode und Wäsche« in Karben, haben sich der in der zweiten Januarwoche gestarteten Aktion »Wir machen auf_merksam« angeschlossen.

Bad Vilbel und Karben: Kritik an staatlicher Überbrückungshilfe

Mit der Aktion protestieren die Händler dagegen, dass ihre Geschäfte geschlossen bleiben müssen - ohne aus ihrer Sicht ausreichende staatliche Hilfen zu bekommen. »Ich weiß noch nicht, ob ich überhaupt staatliche Hilfe bekomme. Zudem wird Hilfe immer nach Umsatz und nicht nach Gewinn berechnet. Das halte ich für falsch, da somit die Fixkosten nicht berücksichtigt werden. Wird der Umsatz bei der Berechnung zugrunde gelegt, dann fallen Reduzierungen unter dem Einkaufswert unter den Tisch.«

Auch Monika Delazer von »Delazer World of Sports« in Bad Vilbel will erst mit ihrem Steuerberater Rücksprache halten, ob sie die Überbrückungshilfe III in Anspruch nehmen kann.

Bad Vilbel und Karben: Telefonische Beratung, Abhol- und Lieferservice

Wütend sind die beiden Solo-Selbstständigen darüber, dass im Handel mit zweierlei Maß gemessen werde. »Wir müssen unsere Geschäfte geschlossen halten. Da tut es weh, wenn ich Sport- und andere Textilien bei Discountern im Angebot sehe«, sagt Delazer. »Mich ärgert richtig, dass das Rewe-Center in Karben Bekleidung, Wäsche und Schuhe anbieten darf. Und das sogar ohne zusätzliche Hygienemaßnahmen in diesen Bereichen. In meinem Laden gibt es nicht nur am Eingang, sondern auch in den Kabinen Desinfektionsspender und zusätzlich Probierschutzhauben«, sagt Roßmus. »Ich habe 2000 Artikel auf Lager. Ich weiß nicht, was ich mit meiner Winterware machen soll, die jetzt im Geschäft und in den Schaufenstern hängt, im Frühjahr aber keiner mehr kaufen möchte«, sagt die Kärberin.

Die beiden Geschäftsfrauen stehen ihren Kunden telefonisch ganztags zur Beratung ohne entsprechende Einnahmen zur Verfügung. Sie bieten Waren im Abhol- und Lieferservice an. Ware kann in beiden Geschäften telefonisch, per E-Mail, das Internet und WhatsApp geordert werden. »Bei mir läuft der Gutscheinverkauf zurzeit besser als der Online-Verkauf«, sagt Roßmus.

Bad Vilbel und Karben: Weniger Nachfrage von Stammkunden

»Der Wegfall des Weihnachts-, Silvester- und jetzt des Wintergeschäftes ist für uns extrem. Normalerweise ist die zweite Weihnachtsferienwoche eine unserer umsatzstärksten im ganzen Jahr. Und jetzt muss ich mein Geschäft schließen. Von unseren Stammkunden werden Serviceleistungen wie Tennisschlägerbesaitungen und vereinzelt Textilien und Laufschuhe nachgefragt, dabei vor allem Ware, die im Schaufenster zu sehen ist. Keine Nachfrage gibt es für Schlittschuhe und Skibekleidung«, berichtet Delazer.

»Ich habe keine Freizeit, und geht der Lockdown über den Februar hinaus, dann wird es für viele von uns ganz eng«, betont die Vilbelerin. Ihr Traditionsgeschäft gibt es bereits seit 56 Jahren, davon im 27. Jahr unter ihrer Leitung.

Bad Vilbel und Karben: Keine Stornierung für neue Ware

Beide Frauen bewerten ihre Einnahmen trotz hohem Engagements als »Taschengeld«, obwohl »der Telefonverkauf anstrengender ist als der Direktverkauf«. Sie appellieren an die Kunden den stationären Einzelhandel zu unterstützen.

Frühjahr- und Sommerware haben die beiden Unternehmerinnen bereits im Spätsommer 2020 oder sogar noch früher bestellt. Sie wird jetzt über einen Zeitraum von bis zu vier Monaten ausgeliefert, muss bezahlt und kann nicht mehr storniert werden. »Beim ersten Lockdown waren Hersteller, Handel und Einkaufsverbände großzügiger, doch inzwischen ist viel Liquidität verloren gegangen«, sagt Delazer, die Mitglied im Einkaufsverband Sport 2000 ist.

Roßmus wünscht sich, »dass die Politik endlich zwischen Solo-Selbstständigen und großen Modeunternehmen unterscheidet, sodass sie ihr Geschäft kurzfristig unter Hygieneregeln auch sonntags wieder öffnen kann und staatliche Unterstützung beim stationären Textilhandel ankommt, bevor Arbeitsplätze wegfallen und Unternehmer ruiniert sind. Direktverkauf ist immer besser als Online-Bestellungen, zudem umweltfreundlicher«.

Monika Delazer von »Delazer World of Sports« in der Frankfurter Straße in Bad Vilbel zeigt einen Teil ihrer Ware im Internet unter www.delazer.de. Sie ist unter 0 61 01/8 47 87, per Fax unter 0 61 01/8 30 15, per Whats-App unter der Nummer 0 151/23 26 31 55 und per E-Mail an info@delazer.de erreichbar.

Simone Roßmus von »Sie & Er Mode und Wäsche«, Bahnhofstraße 191 in Karben, können Kunden kontaktieren unter Telefon 0 60 39/68 58, E-Mail: sieunderkarben@t-online.de, auf www.facebook.com/SieundEr.ModeundWaesche und auch auf www.instagram.com/sieunderkarben. Beide Unternehmerinnen sind bis 14 Uhr in ihren Geschäften erreichbar. (cf)

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