Der jüdische Friedhof wurde 1845 als "Israelitischer Begräbnisplatz" angelegt. Die letzten beiden Beerdigungen waren vermutlich die des Ehepaares Julius und Flora Grünebaum geb. Mulling. Ihre Grabsteine sind noch vorhanden. FOTOS: JÜRGEN SCHENK
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Der jüdische Friedhof wurde 1845 als "Israelitischer Begräbnisplatz" angelegt. Die letzten beiden Beerdigungen waren vermutlich die des Ehepaares Julius und Flora Grünebaum geb. Mulling. Ihre Grabsteine sind noch vorhanden. FOTOS: JÜRGEN SCHENK

Tag des Friedhofs

Jüdischer Friedhof Bad Vilbel: Geschändet und wieder aufgebaut

  • vonJürgen Schenk
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Bis 1938 wurden auf dem Friedhof zwischen Gronauer Weg und Lohstraße Menschen jüdischen Glaubens aus Bad Vilbel beigesetzt. Am Tag des Friedhofs wird auch seiner Geschichte gedacht.

Der jüdische Friedhof im Gronauer Weg hat eine vergleichsweise junge, aber bewegende Geschichte hinter sich. Erst 1845 wurde die Begräbnisstätte eingeweiht. Bis dahin hatte die jüdische Gemeinde in Vilbel keinen eigenen Friedhof. Die Verstorbenen fanden gegen eine nicht gerade geringe Gebühr auf dem Judenfriedhof in Bergen ihre letzte Ruhestätte. Zwölf Gulden kostete dort ein Begräbnisplatz für einen Verheirateten, einen Gulden und 30 Kreuzer eine Beisetzung und noch einmal fünf Gulden waren als Jahresgebühr fällig.

Doch der damalige Vilbeler Bürgermeister Hinkel setzte sich erfolgreich für die jüdischen Familien ein. In einem Schreiben des Ortsvorstandes an den Kreisrat in Friedberg vom August 1845 heißt es, man habe ein geeignetes, dem christlichen Friedhof angrenzendes Grundstück zum Eigentum frei und unentgeltlich angewiesen. Mit anderen Worten: Das Gelände am Gronauer Weg wurde der jüdischen Gemeinde kostenlos zugesprochen.

Jüdischer Friedhof Bad Vilbel: Erster Friedhof nahe Dottenfelderhof

Und dabei wollten das gar nicht alle. Gut ein Drittel der Gemeindemitglieder stimmte dagegen. Ihre Ressentiments waren fast schon abergläubischer Natur. Sie wollten auf dem gleichen Friedhof wie ihre Vorväter begraben werden. Oder sie hatten Angst, mit einem eigenen Friedhof könnten in der Folge mehr Leute sterben. Umgesetzt wurde das Projekt trotzdem.

Juden lebten in Bad Vilbel schon seit dem Dreißigjährigen Krieg. Freilich mussten sie ihre Toten irgendwo bestatten. Die Entstehungszeit des Berger Judenfriedhofs wird nach historischen Recherchen allerdings erst zwischen 1660 und 1717 vermutet. Er kann also für eine gewisse Zeitspanne davor nicht von den Bad Vilbeler Juden mitbenutzt worden sein. Das wiederum würde den Namen eines Flurstücks erklären, dass sich rechts der Nidda gegenüber des Dottenfelderhofes befindet. In einer alten Flurkarte von 1836 wird es "am Judenkirchhof" und "vorm Judenkirchhof" genannt. Man darf also vermuten, dass sich an dieser Stelle wohl vor Jahrhunderten der erste Begräbnisplatz befand.

Am Gronauer Weg ruhten die Toten von 1845 bis 1938 ungestört. Im Sommer 1914 wurde lediglich die Einfriedung verändert: Der bis dahin bestehende Maschendrahtzaun wich einer Mauer aus roten Blendsteinen.

Jüdischer Friedhof Bad Vilbel: Wiederaufbau unter Militäraufsicht

Mit den Krawallen der Reichspogromnacht 1938 endete jedoch die Zeit der Stille. Bis zum Jahr 1944 war die ganze jüdische Gemeinde ausgelöscht. Danach wurden Friedhofsmauer und Grabanlagen immer häufiger Ziel von Schändungen. Sie führten dazu, dass man heute die Gräber nicht mehr den entsprechenden Toten zuordnen kann.

Wiederhergestellt wurde der Friedhof im Herbst 1945 unter Aufsicht der amerikanischen Militärregierung. In dem Buch "Geschichte der Vilbeler Juden" von Berta Ritscher liest man dazu: "Es wurden zunächst 60 politisch besonders Belastete zum Arbeitseinsatz beordert, insgesamt schließlich fast 80. Die Arbeitseinsätze zur Wiederherstellung (…) waren jeweils an einem Samstag, die Arbeitszeit dauerte von morgens 7 bis 12 Uhr und nachmittags von 13 bis 16 Uhr."

Die letzten beiden Beerdigten waren vermutlich die Eheleute Julius und Flora Grünebaum. Sie wohnten mit ihren drei Kindern Georg, Hedwig und Otto in der Frankfurter Straße 187. Die Grünebaums betrieben in der dortigen Hofreite einen Vieh- und Textilwarenhandel und verkauften Milch. Bis zur Geschäftsabmeldung im Jahr 1936 teilten sich Vater Julius und der älteste Sohn Georg die Arbeit. Das durch den Boykott jüdischer Geschäfte in finanzielle Schieflage geratene Familienunternehmen war jedoch nicht zu halten. In der Pogromnacht wurden auch die Grünebaums schwer heimgesucht. Ritscher gibt in ihrem Buch an, Julius Grünebaum sei am 20. Juni 1939 nach Frankfurt in die Klingerstraße 27 gezogen. Andere Quellen datieren seine Beerdigung in Bad Vilbel auf den 24. September 1937. Seine Ehefrau Flora, geborene Mulling, soll demnach ein Jahr vor ihm dort beigesetzt worden sein.

Jedes Jahr am dritten Septemberwochenende wird den Friedhöfen als Orte der Trauer, Trauerbewältigung und Erinnerung gedacht. Initiiert wurde der "Tag des Friedhofs" erstmals im Jahr 2001 vom Bund deutscher Friedhofsgärtner (BdF). Die Gestaltung und Durchführung dieses Aktionstages liegt vollständig in den Händen von Städten und Gemeinden. Grundlegende Idee ist, den Tod als unvermeidlichen Bestandteil des Lebens ins Gedächtnis zu rufen. jsl

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