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Vom Ausweisungspapier bis zum Familienfoto: Herwig Pöschko hat viele Unterlagen, Berichte und Bilder gesammelt und sortiert. Der 79-Jährige hält auch bis heute den Kontakt zu weiteren Vertriebenen.

75 Jahre V ertreibung

Im Viehwaggon nach Dortelweil

  • vonPatrick Eickhoff
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75 Jahre sind vergangen, seit mehr als drei Millionen Deutsche der bömischen Randgebiete aus ihrer Heimat vertrieben wurden. In Dortelweil trafen am 5. Mai 1946 52 Kinder und Erwachsene ein.

Es ist ein Schreiben, dass Herwig Pöschko bis heute aufbewahrt hat. »Sie sind zum Transfer in ihre Heimat bestimmt worden und werden am 24. April 1946 um 8 Uhr in die Sammelstelle in Kaplitz abtransportiert«, heißt es auf dem Dokument, das vor ihm auf dem Tisch liegt. »In dem Lager haben wir erstmal neun bis zehn Tage auf unseren Abstransport gewartet«, sagt Pöschko. Er kam gemeinsam mit seinen Großeltern und seinem älteren Bruder von Menetschlag nach Dortelweil. »In Viehwaggons wurden wir dann nach Büdesheim gefahren«, berichtet er. »In jedem Wagen waren etwa 60 Menschen untergebracht.« Unerträglich eng sei es gewesen.

50 Kilo Gepäck pro Person

Das Ausweisungspapier, das Herwig Pöschko gemeinsam mit vielen anderen Unterlagen, Zeitungsartikeln und Fotos aufgehoben und sortiert hat, schrieb genau vor, was mitgenommen werden durfte: 50 Kilogramm pro Person. »Das war für uns natürlich viel zu schwer«, sagt Pöschko. In dem Schreiben steht: »Mitzunehmen sind 2 Decken, 4 Wäschegarnituren, 2 Arbeitsanzüge, 2 Paar Arbeitsschuhe, 1 Arbeitsmantel, 1 Essschale, 1 Tasse, 1 Essbesteck, 2 Handtücher, Seife, Nähzeug, Lebensmittelkarten, Ausweise und Dokumente. Schmuck, Wertgegenstände, Geld und Einlagebücher sollten in einen Sack mit Namenskennzeichnung und Adresse an der Sammelstelle abgegeben werden. Pöschko erinnert sich: »Es wurde willkürlich kontrolliert, was mitgenommen wurde. Von den Wertsachen haben wir nichts wiedergesehen.«

Nach zwei Tagen im Lager in Büdesheim ging es weiter mit dem Traktor. Ziel: Dortelweil. »Die, die sich kannten, versuchten zusammenzubleiben, und so kamen wir mit dem Traktor über Gronau nach Dortelweil.« Das habe es später nicht mehr gegeben, dass so viele Leute aus einem Ort und an einem Tag ankamen, berichtet Pöschko. Die 52 Kinder und Erwachsene kamen mit dem dritten Transport aus Meinetschlag. Andere gingen nach Langen, Heidelberg und München.

Bei Landwirten untergebracht

Untergebracht wurden die Vertriebenen in Dortelweil größtenteils bei Landwirten. »Dort wurde auch gearbeitet«, erzählt Pöschko. Das Ziel sei es gewesen, Geld zu sparen. Denn: »Die Grundstückspreise waren für heute Verhältnisse sehr gering.« In Dortelweil - damals noch selbstständige Gemeinde - empfing man die Vertriebenen »freundlich«, wie Pöschko es beschreibt. »Es gab eine große Hilfsbereitschaft.« In späteren Jahren seien sie allerdings vermehrt durch ihren Dialekt aufgefallen. Besonders schwer hatten es die Älteren, weiß der heute 79-Jährige. Viele verloren nie die Hoffnung, wieder nach Böhmen zurückzukehren. »Meine Großeltern haben damals gesagt, dass die Kiste nicht ausgepackt wird. Schließlich fahren wir ja wieder nach Hause.« Dem war nicht so.

Heute ist Pöschko glücklich und zufrieden in Dortelweil. Seine »alte Heimat« hat er in den vergangenen Jahren mehrmals besucht. »Viel ist nicht geblieben«, sagt Herwig Pöschko. Es sei viel gebaut worden. »Nur Bäume und einzelne Häuser wecken Erinnerungen an die Zeit der Kindheit vor der Vertreibung.« An einer Wand hat der 79-Jährige dennoch ein Bild vom tschechischen Malonty (Meinetschlag) aufgehängt.

An die ersten Jahre in Dortelweil erinnert sich Herwig Pöschko genau. Rumgesprochen hatte sich, dass es in Dortelweil gute Möglichkeiten gab, einen Arbeitsplatz zu finden. »Viele Vertriebene aus dem Vogelsberg ließen sich hier nieder.« Schnell habe sich eine Gemeinschaft gebildet, die sich gegenseitig unterstützt habe. »Da fast alle Vertriebenen katholisch waren, wurde auch der Bau einer katholischen Kirche diskutiert.«

1961 war es dann soweit. Eine Sammelaktion wurde gestartet, der Bau begonnen. Bereits 1963 war das Bauwerk vollendet.

Für Pöschko ging ein Traum in Erfüllung. Und auch wenn der 79-Jährige sich in Dortelweil wohl fühlt, gibt er offen und ehrlich zu: »Der Wunsch auf Heimat wird wohl nie mehr in Erfüllung gehen.«

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