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Isil Yönter blickt mit Freude auf ihre Zukunft als "Grüne". Als Grund für den Parteiwechsel nennt sie vor allem "menschliche Enttäuschung".

Parteiwechsel

"Ich fühle mich wieder lebendig"

Isil Yönter wechselt von der SPD zu den Grünen. Was steckt hinter dieser Entscheidung? Im Interview sprach Yönter über verpasste Ziele, menschliche Enttäuschung und Resignation.

Frau Yönter, ist die SPD noch zu retten?

Isil YönterGute Frage. Ich unterscheide zwischen der Sozialdemokratie und der SPD als Partei. Die Sozialdemokratie ist total wichtig für Deutschland, aber die SPD ist leider in vielen Fragen nicht mehr deren institutionelle Vertretung. Die SPD muss sich verändern, aber ob sie die Kraft und den Willen hat, das ist die Frage. Es wird viel von Wandel und struktureller Veränderung gesprochen, aber es passiert nichts. Es macht mich traurig, wenn ich bedenke, wie viele Ideen und Impulse wir in Ideen-Camps, Tagungen und Sitzungen entwickelt haben, denn es endete doch immer wieder mit dem Szenario "Weiter wie bisher". Man sieht ja bei wie vielen Wahlen die SPD sehr viele Wählerstimmen verloren hat. Auch hier im Kleinen habe ich erlebt, dass keine kritische Auseinandersetzung damit stattgefunden hat.

Nun also die Grünen: Brechen Sie auf zu neuen Ufern oder verlassen sie das sinkende Schiff?

Yönter:Nein, das nicht. Ich spüre viel Frustration und Kraftlosigkeit. Ich bin immer Sozialdemokratin gewesen, ich brannte dafür, aber die SPD stellt das nicht mehr dar. Ich habe viel im Ortsverein gekämpft, wollte Reformierungen vorantreiben und bin dabei immer wieder an entscheidenden intransparenten Barrieren gescheitert. Diese verlasse ich, aber nicht das sinkende Schiff. Dafür bin ich auch zu sehr auf Rettung gepolt.

Gehen Sie dennoch im Guten oder mit Groll?

Yönter:Ich gehe nicht mit Groll. Ich gehe meiner Ansicht nach friedvoll, aber mit Enttäuschung und sehr viel Nüchternheit. Ich habe mich emotional verausgabt. Ich habe in meinen Anfangsjahren sogar meine Familie für die Parteiarbeit vernachlässigt. Nicht selten kam es vor, viermal die Woche Sitzungen am Abend zu haben. Jetzt spüre ich bloß Ernüchterung.

Der Verdacht, dass Sie den unglücklichen Ausgang der Kampfabstimmung vor der vergangenen Landtagswahl nicht verwunden haben, liegt natürlich nahe.

Yönter:Ich habe bisher nie darüber gesprochen. Da es aber aktuell vom Ortsverein der SPD in die Öffentlichkeit getragen wird, möchte ich meine Perspektive darstellen. Ein Teil der SPD war sehr erstaunt, als vor der Landtagswahl plötzlich Frau Fuhrmann aus dem Hut gezaubert wurde. Die Begründungen waren legitim, aber ich hatte auch beschlossen zu kandidieren, worauf man mir abverlangte, dass ich meine Kandidatur zurückziehen soll. Aber ich finde, man muss eine Wahlmöglichkeit haben. Wir haben uns also für den Wettbewerb entschieden und der Wahlkampf verlief zwischen uns Frauen auch sehr fair. Bis zur Wahlkreiskonferenz zur Landratswahl. Ein Kollege aus der ersten Riege trat ans Mikrofon, doch statt für Frau Fuhrmann fürzusprechen, wurde es eine gegen mich gerichtete öffentliche Hexenverbrennung. Plötzlich wurden diffamierende Behauptungen und Lügen in Anwesenheit der Presse über mich verbreitet. Dieser Abend war eine menschenunwürdige Katastrophe. Die SPD hat Leitwerte, aber gezielt Fakes als Wettbewerbsstrategie einzusetzen und jemanden aus der eigenen Parteienfamilie so niederzumachen, das geht gar nicht. Ich habe damals geschwiegen, weil ich nicht wollte, dass der Ortsverein sich zerlegt. Ich wollte ja diesen Wettbewerb. Es geht und ging nie darum, dass ich die Niederlage mit vier Stimmen Unterschied nicht verkraftet hätte, sondern nur um die eingesetzten unlauteren Mittel. Das ist mit meinem moralischen Wertesystem nicht vereinbar und wiegt als menschliche Enttäuschung schwer. Aber man lernt nie aus.

Haben Sie den offenen Austausch in der SPD vermisst?

Yönter:Ich schätze nach wie vor sehr viele Kolleginnen und Kollegen in der SPD. Es gibt dort eine tolle Diskussionskultur. Aber man fällt eine Entscheidung und je nach Thema ist drei Tage später alles ganz anders. Da frage ich mich, was in der Zwischenzeit passiert. Älteren Mitgliedern scheint es immer wieder zu gelingen, sich intransparent durchzusetzen. Keiner hat damit gerechnet, wie stark mein eigener Wille ist, mich nicht manipulieren zu lassen. Mir scheint die SPD in Bad Vilbel hat ein Problem mit Frauen, die nicht Parteisoldatin sind und nicht bereit sind, die im Hintergrund gesponnenen Fäden einiger weniger Männer zu bedienen.

Haben Sie darüber nachgedacht, das Mandant abzugeben?

Yönter:Natürlich habe ich darüber viel nachgedacht, aber ich folge meinem Gewissen und meiner Überzeugung. Dass die SPD jetzt sauer ist, verstehe ich sehr gut, aber ich ändere keine Mehrheiten, das war mir wichtig. Ich gebe der SPD recht, was die ersten fünf Jahre betrifft, in denen sie mich aufgebaut haben. Aber darauf aufbauend habe ich mein Fachwissen eingebracht und persönliche Kompetenzen, die ich weiterhin nutzen möchte. Außerdem habe ich Verantwortung für die Ämter, die ich angenommen habe. Es gehört sich nicht alles hinzuschmeißen. Die rechtliche Situation ist dabei auch klar.

Können Sie verstehen, wenn Ihre Wähler sich betrogen fühlen?

Yönter:Es ist kein Betrug. Es gehört sich, so ein Amt weiterzuführen und sich nicht einfach rauszuziehen. Ich bin der Mensch, der ich vorher war. Das würde ja sonst bedeuten, dass die neun Jahre völlig umsonst waren. Und ich bin ja nicht mehr in den Ausschüssen, das finde ich auch richtig, denn das sind SPD Sitze. Ich habe vorher mit vielen Menschen gesprochen, die gesagt haben: "Ich habe dich gewählt, aber die SPD kann ich einfach nicht mehr wählen." Das hat mich bestärkt, denn es geht doch um Inhalte. Wenn Solidarität so eng gefasst wird, dass man nur blinder Parteisoldat sein kann, dann stimmt da irgendetwas nicht.

Mit welche Themen der Grünen können Sie sich identifizieren ?

Yönter:Die Grünen stehen nun mal für Umwelt und Umweltschutz und haben ein Veränderungsmandat. Es kommen große Aufgaben auf uns zu, auch für mich gibt es da viel zu lernen. Hinzu kommen jetzt die Koppelung mit Sozialthemen, wie zum Beispiel Wohnungsbau oder eine inklusive Gemeinde. Ich denke, ich kann mich sehr gut einbringen und empfinde das als Austausch.

Besteht das Risiko, dass Sie sich bei den Grünen auch nicht wohlfühlen und wieder enttäuscht werden könnten?

Yönter:Die Grünen wissen, dass ich aus der Sozialdemokratie komme, aber ich glaube sie schätzen meine Kompetenzen. Ich bin ernüchtert. Ich bringe alles was ich kann, sehr gerne ein und dann wird man sehen. Aber ich denke nicht negativ, sondern an das, was wir gemeinsam auf den Weg bringen können - auch mit der SPD.

So oder so bleiben Sie ja in der Opposition.

Yönter:Genau, und wir haben viele gemeinsame Themen. Es wäre völlig daneben, wenn wir uns jetzt emotional leiten ließen. Da sollten wir alle professionell bleiben. Und so außergewöhnlich ist ein Fraktionswechsel ja auch nicht. Land auf Land ab kommt das bei allen Parteien mal vor.

Sie sprechen viel von Ernüchterung, wirken im Gespräch nahezu beflügelt. Haben Sie jetzt ihre neue politische Heimat gefunden?

Yönter:Es ist ein anderes Gefühl als vor neun Jahren. Damals war noch mehr Enthusiasmus dabei. Heute bin ich älter und weiser. Aber ich habe nach wie vor Lust auf Kommunalpolitik. Die neuen Kolleginnen und Kollegen, die alle sehr unterschiedlich sind, sind zudem sehr erfrischend. Müdigkeit, Erschöpfung und Resignation in der Politik zu spüren, das macht leblos. So gesehen fühle ich mich jetzt wieder lebendig.

Neun Jahre in der SPD

Isil Yönter (58) lebt seit 21 Jahren in Bad Vilbel und ist seit neun Jahren in der SPD. Entsprechend der Kündigungsfristen wird sie zum 1. Oktober aus der SPD austreten und sogleich den Grünen beitreten. Ein Fraktionswechsel ist unabhängig von der Parteizugehörigkeit möglich. Dieser wurde bereits gestern Abend in der Stadtverordnetenversammlung vollzogen und ist durch Paragraf 35a der Hessischen Gemeindeordnung gedeckt. An den Mehrheitsverhältnissen ändert sich nichts. Die Grünen sind nun mit 8 Sitzen und die SPD mit 9 Sitzen im Stadtparlament vertreten. Yönter ist Mutter zweier Kinder und als freiberufliche Bildungsreferentin Expertin in den Bereichen Bildung, Soziales und Migration. (rin)

Isil Yönter (58) lebt seit 21 Jahren in Bad Vilbel und ist seit neun Jahren in der SPD. Entsprechend der Kündigungsfristen wird sie zum 1. Oktober aus der SPD austreten und sogleich den Grünen beitreten. Ein Fraktionswechsel ist unabhängig von der Parteizugehörigkeit möglich. Dieser wurde bereits gestern Abend in der Stadtverordnetenversammlung vollzogen und ist durch Paragraf 35a der Hessischen Gemeindeordnung gedeckt. An den Mehrheitsverhältnissen ändert sich nichts. Die Grünen sind nun mit 8 Sitzen und die SPD mit 9 Sitzen im Stadtparlament vertreten. Yönter ist Mutter zweier Kinder und als freiberufliche Bildungsreferentin Expertin in den Bereichen Bildung, Soziales und Migration. (rin)

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